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Seit einer Weile geistert der Begriff „Grannycore“ durch die Medien, der eine Erweiterung der „Tradwives“ zu sein scheint. Oder die Gegenbewegung zu den Tradwives. Oder eine Symbiose von beiden. Während die Tradwives in geborgenen, meistens wohlhabenden Verhältnissen die ehedem tradierte Rollenverteilung nachleben, bezeichnet Grannycore den Wunsch nach Gemütlichkeit, Landleben und Entschleunigung – insofern nicht neu, als wir diese Bewegung hinaus aus der Stadt (nicht immer ganz freiwillig) seit mindestens zehn Jahren kennen. Häkeln, Stricken und „florale Muster“ werden als Sehnsucht genannt. Auch die Rückkehr der Kittelschürze gilt als Ausweis rückwärtsgewandter Behaglichkeit.
Beim Grannycore handelt es sich also um eine Nostalgie, die keine Nostalgie sein kann, weil nicht ältere Menschen gemeint sind, die das Gestern vermissen, sondern jüngere, die sich nach der Zeit ihrer Großeltern sehnen oder wenigstens der Zeit ihrer Eltern in jungen Jahren. Früher war alles besser also – aber noch ohne mich. Jetzt bin ich da, und Großpapa hatte diese schönen Frank-Sinatra-Platten, und Großmama schwärmte von Harald Juhnke!
Mein Kollege Marc Vetter vermutet, dass die Popularität von Paul McCartney, den Rolling Stones und Deep Purple „bei jungen Leuten“ die Gründe im Grannycore hat. Werden bald auch bei den Konzerten von Bob Dylan Zwanzigjährige die 60er-Jahre suchen? Ich denke nicht. All die alten Platten, meinetwegen Streams, sind ja da. Man kann das alles hören. Man kann es auch wieder auf Schallplatte hören wie die Altvorderen. Aber riesige Schmuckboxen wie „Anthology II“ von den Beatles und „Power To The People“ von John Lennon stellten kürzlich keine Verkaufsrekorde auf. Grannycore ist eine sehr teure Angelegenheit. Diese Schmuckausgaben kauft der Großvater noch selbst.
Die geliehene Nostalgie und die Plattenkiste der Großeltern
Auch die verblüffenden Verkaufszahlen von Paul McCartneys anrührender Rückschau „The Boys Of Dungeon Lane“ hielten nur in der ersten Woche nach Veröffentlichung. Es wird da allerlei zusammengerechnet, dass es McCartneys beste Platzierungen seit dann und dann sind. Aber die Wahrheit ist, dass der Meister seit Jahren nahezu keine Werbung macht und kaum ein Interview gibt, was bei den Rolling Stones natürlich genauso ist. Von Bob Dylan zu schweigen. Und weil sie immer da waren, bestand auch bei neuen Alben keine besondere Nachfrage. Bis die Abstände zwischen den Platten so groß wurden, dass man mal nachfragen musste. „Wishin’ all the old things were new“, sang Merle Haggard.
Grannycore scheint nicht zu bedeuten, dass man in Opas Plattenkiste alte Alben von Steppenwolf, Spooky Tooth, Amon Düül II, Them oder The Nitty Gritty Dirt Band findet (und die auch hört). Es scheint eine ästhetische Attitüde zu sein, die mit den tatsächlichen Sehnsüchten der Daseinsvorsorge einhergeht. Es ist sozusagen eine geliehene Nostalgie. „Lifestyle“ sage ich nicht, das ist ein Grannycore-Begriff! Vor ein paar Jahren, als Bob Dylan 80 wurde, erfand die Plattenfirma eine „Erzählung“ vom „coolen Alten“. Nun endlich, 60 Jahre nach seinem Debüt, war Dylan cool geworden.
Ich frage mich, ob Großmutter so gern in der Kittelschürze in der Küche stand und zum Zeitvertreib gehäkelt hat. Sie hatten nur Platten von James Last für den Partykeller. Zwar mochte ich den „Nonstop Party Sound“. Aber nur, wenn nonstop Party im Keller war. Großvater füllte sich etwas Cognac in den Morgenkaffee. Man hörte meistens Musik aus einem Kofferradio und die Nachrichten, manchmal Kassetten zum Schwof.
Einmal hörte ich im Wohnzimmer meiner Großeltern Elvis Costellos Album „King Of America“, das ich gerade gekauft hatte. Oma kam aus der Küche. „Das klingt ja gut. Wie die Beatles.“ Das war Grannycore.