Professor Gregor Kirchhof will nicht an der nächsten kleinen Stellschraube drehen. Der Augsburger Steuerrechtler greift gedanklich gleich zum richtig dicken Rotstift. Von den rund 40 verschiedenen Steuern in Deutschland könnten seiner Ansicht nach 30 bis 36 einfach im Nirvana verschwinden. Und das Erstaunliche an seiner Rechnung, in der Staatskasse soll danach nicht weniger, sondern sogar mehr Geld liegen!

Was zunächst nach einem gewaltigen Wunschzettel für Steuerzahler klingt, bezeichnet Kirchhof als nüchterne Rechnung. „Das klingt paradox, ist aber schlicht Mathematik. Komplexität hat ihren Preis“, sagt der Professor für Öffentliches Recht, Finanzrecht und Steuerrecht. Seine Idee: Einkommen- und Umsatzsteuer moderat anheben – und dafür einen Großteil der kleineren Steuerarten komplett abschaffen.

Dargelegt hat Kirchhof seinen Vorschlag in einem Interview mit dem Presse-Team der Universität Augsburg. Kirchhof leitet an der Juristischen Fakultät das Institut für Wirtschafts- und Steuerrecht. Sein Urteil über das deutsche System ist mehr als deutlich: „Deutschland erhebt rund 40 verschiedene Steuern. Das ist kein Zeichen von Differenziertheit – das ist ein historisch gewachsenes Geflecht, das dringend entwirrt werden müsste.“

Vier Steuern bringen bereits 85 Prozent

Allein Einkommen-, Umsatz-, Körperschaft- und Gewerbesteuer brächten rund 85 Prozent der gesamten Steuereinnahmen. Die zehn ertragreichsten Steuerarten kämen zusammen auf 95 Prozent.
Die übrigen rund 30 Abgaben steuern lediglich fünf Prozent bei. Noch drastischer ist der Blick auf das untere Ende: „Die untersten 20 bringen gemeinsam nicht einmal ein Prozent“, erklärt Kirchhof. Trotzdem müssten auch diese Steuern geregelt, erhoben, verwaltet und geprüft werden – „ein enormer Aufwand für die Bürger, Unternehmen und den Staat“.

Seine Rechnung ist deshalb radikal, aber einfach: „Würden wir die Einkommen- und Umsatzsteuer moderat anheben, könnten wir 30 bis 36 Steuern abschaffen – und hätten am Ende sogar mehr Geld in der Staatskasse.“ Die Menschen würden von Steuern und Bürokratie entlastet, während der Staat höhere Einnahmen erzielen könne.

Kirchhof kritisiert die Erbschaftsteuer

Auch beim „heißen Eisen“ Erbschaftsteuer analysiert Kirchhof eiskalt. Diese bringe gerade einmal 1,5 Prozent der Steuereinnahmen ein, während die Einkommensteuer 25-mal mehr zum Staatshaushalt beitrage. Die Erbschaftsteuer sei zudem kein geeignetes Instrument, um die Schere zwischen Arm und Reich wirksam zu schließen.

„Wer die Erbschaftsteuer erhöht, löst kein Haushaltsproblem und beantwortet auch keine soziale Frage“, sagt der Augsburger Professor. Stattdessen entstünden teure Bürokratie, komplizierte Bewertungen, Rechtsunsicherheiten und Risiken für Arbeitsplätze und Steuererträge. Sein Fazit: „Letztlich schadet die Erbschaftsteuer mehr, als sie bringt.“
Kirchhof bestreitet dabei nicht, dass es berechtigte Gerechtigkeitsfragen rund um große Erbschaften gibt. Für den sozialen Ausgleich brauche es seiner Ansicht nach jedoch passendere Antworten – etwa bessere Bildungschancen und Konzepte, die mehr Menschen einen privaten Vermögensaufbau ermöglichen.

Hat die Politik schlicht Angst vor einer Reform?

Warum eine große Reform bislang ausgeblieben ist, erklärt Kirchhof nicht allein mit mangelnder Einsicht. „Die Politik scheint den möglichen Gegenwind zu fürchten, den eine echte Steuerreform mit sich bringen könnte“, sagt er. Gleichzeitig gehe es um Zuständigkeiten, Einnahmen – und Macht.
Einkommen- und Umsatzsteuer stehen Bund und Ländern gemeinsam zu. Änderungen benötigen daher Mehrheiten im Bundestag und im Bundesrat. Der Bund greife deshalb lieber zu Schulden oder halte an Konstruktionen wie dem Solidaritätszuschlag fest. Kirchhofs Urteil: „Steuerpolitik folgt eben nicht nur ökonomischer Vernunft, sondern auch föderaler Machtarithmetik.“
Dass es einfacher gehen kann, zeige der Blick ins Ausland. „In Schweden reicht eine SMS, in Finnland ein Schweigen“, sagt Kirchhof über die dort bereits vorausgefüllten Steuererklärungen. Weniger Bürokratie und niedrigere Kosten seien also keine theoretischen Versprechen: „Das ist kein Experiment – es ist bewährte Praxis in anderen Ländern.“

Quelle: Universität Augsburg