Omas Hackbraten, Papas Pfannkuchen oder die Tiefkühlpizza aus Studententagen: Häufig entscheiden wir uns im Alltag für Gerichte, die uns an früher erinnern. Der Sozialpsychologe Jeffrey Green erklärt, warum Nostalgie in unserer Ernährung eine wesentliche Rolle spielt – und warum das etwas Gutes ist.
Bestimmten Gerichten können wir manchmal einfach nicht widerstehen. Dass sie eigentlich gerade nicht in unseren Ernährungsplan passen oder eher untypisch für unsere sonstigen Essensgewohnheiten sind, rückt in diesen Momenten gerne in den Hintergrund. Nicht selten handelt es sich dann um Lieblingsgerichte, die schon in unserer Kindheit häufig auf dem Teller landeten.
Nostalgische Gefühle sorgen nämlich nicht nur dafür, dass wir uns bestimmte Filme immer wieder ansehen oder bestimmte Lieder immer wieder hören, sie beeinflussen auch unsere Essgewohnheiten.
Der US-amerikanische Sozialpsychologe Jeffrey Green beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Nostalgie. Im Interview hat er darüber gesprochen, warum wir gerne auf Altbekanntes zurückgreifen und das in der Regel nichts Schlechtes ist.
Sogenanntes Feel-Good- oder Comfort-Food ist bei vielen Menschen sehr beliebt. Häufig handelt es sich dabei um Essen aus Kindheitstagen. Warum sorgt ein altbekanntes Gericht dafür, dass wir uns gut fühlen?
Jeffrey Green: Gefühle spielen tatsächlich eine große Rolle bei der Wahl unserer Lebensmittel. Selbst wenn wir aus wirtschaftlichen, geschmacklichen oder gesundheitlichen Gründen bestimmte Essenspläne haben, ändern wir diese auch mal gerne, je nachdem, wie wir uns fühlen. Wenn wir uns in gewissen Situationen nach einem Gefühl von „Zuhause“ sehnen, kann nostalgisches Essen dieses Bedürfnis stillen. Die meisten von uns verbinden bestimmte Gerichte oder Lebensmittel mit ihrer Kindheit, ihrer Familie und ihrer Kultur. Sie haben eine besondere Bedeutung für uns und aktivieren positive Erinnerungen, die uns ein Gefühl des „Umsorgtwerdens“ vermitteln und den Wunsch wecken, diese Gerichte immer wieder zu essen.
Sie forschen seit über einem Jahrzehnt zum Thema Nostalgie. Wie lässt sich dieses Gefühl am treffendsten beschreiben?
Kurz gesagt bezeichnet Nostalgie die wehmütige und sentimentale Sehnsucht nach der eigenen Vergangenheit. Erinnerungen können sich manchmal bittersüß anfühlen, normalerweise aber eher süß als bitter. Dieses Gefühl ist eng mit unseren einzigartigen autobiografischen Erinnerungen verbunden.
Wodurch wird dieses bittersüße Gefühl ausgelöst?
Es gibt viele Dinge, die Nostalgie in uns auslösen: persönliche Erinnerungen und Tagträume, aber auch Musik, einstige Lieblingsbücher oder Beiträge in sozialen Medien, die wir vor Jahren gepostet haben. Eine Besonderheit sind allerdings Geschmack und Geruch als Auslöser, weil sie über den Geruchssinn einen direkten Weg in das limbische System, das Gefühlszentrum des Gehirns, haben. Dabei fördern insbesondere Geschmackseindrücke Emotionen, die einen positiven Effekt auf unsere Psyche haben.
Wie sehen diese positiven Effekte konkret aus?
Wir fühlen uns gesellschaftlich und sozial mit anderen verbunden, die diese Gefühle teilen. Da wir von Grund auf soziale Wesen sind, sind Gefühle von Zugehörigkeit und Verbundenheit evolutionär bedingt zentrale Punkte unserer Motivation, im Leben voranzukommen. Deshalb sorgt dieses Zugehörigkeitsgefühl, das unter anderem von Nostalgie ausgelöst wird, auch für ein gesteigertes Selbstwertgefühl. Es motiviert uns, persönliche Ziele zu verfolgen. In Laborexperimenten wurde außerdem festgestellt, dass nostalgische Gefühle unsere Kreativität steigern und uns lösungsorientierter und optimistischer machen. Allgemein gesprochen: Nostalgie gibt unserem Leben einen tieferen Sinn.
Im April 2023 haben Sie die wissenschaftliche Arbeit „The Proust effect: Scents, food, and nostalgia“ veröffentlicht. Was genau ist dieser „Proust-Effekt“?
Der Begriff fußt auf dem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ des französischen Schriftstellers Marcel Proust. Konkret bezieht er sich auf eine Passage, in der der Erzähler eine in Lindenblütentee getauchte Madeleine-Torte isst. Durch ihren einzigartigen Geruch fühlt er sich ganz plötzlich in seine Kindheit zurückversetzt, was eine Reihe von Erinnerungen an seine Tante, deren Haus und das umliegende Dorf auslöst. Der Proust-Effekt bezeichnet die emotionale Wiederbelebung autobiografischer Erinnerungen, die durch Geruch und Geschmack ausgelöst werden.
Was haben Sie in Ihren Studien noch über das Verhältnis zwischen Essen und Nostalgie herausgefunden?
In „The Proust effect“ haben wir die Ergebnisse mehrerer unserer Studien zum Thema Nostalgie zusammengefasst. Wir haben festgestellt, dass selbstgebackene Kekse, Wassermelonen, Eis, Brote mit Erdnussbutter und Marmelade sowie Sandwiches mit geschmolzenem Käse am häufigsten als nostalgische Gerichte eingestuft wurden. Das gilt zumindest für die USA. In anderen Ländern und Kulturkreisen würden die Teilnehmenden höchstwahrscheinlich andere Gerichte nennen. Im Großen und Ganzen aber haben unsere Studien gezeigt, dass durch das Essen von nostalgischen Gerichten fast ausschließlich positive Gefühle ausgelöst werden.
Gerüche dagegen rufen gleichermaßen positive wie negative Emotionen hervor. Wir können aktuell nur darüber spekulieren, warum das so ist. Eine mögliche Erklärung ist allerdings, dass wir unsere Nahrung eigentlich in jeder Situation frei nach unserem Geschmack wählen können, während wir weniger angenehmen Gerüchen auch unfreiwillig ausgesetzt sind. Beispielsweise kann der Duft eines bestimmten Parfums eher negative Gefühle in uns auslösen, weil er Erinnerungen an eine Person hervorruft, mit der wir in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht haben.
Wie sind Sie in Ihren Studien vorgegangen, um möglichst viele vergleichbare Geruchs- und Geschmackseindrücke zu sammeln?
In Bezug auf den Geruch konnten wir auf ätherische Öle zurückgreifen und unsere Probanden auf diese Weise einer Vielzahl unterschiedlicher Gerüche aussetzen. Das Essen haben wir durch Geleebohnen in verschiedenen Geschmacksrichtungen ersetzt. Vorher haben wir den Probanden eine Definition von Nostalgie vorgegeben und sie nach dem Verkosten zu ihren Gefühlen befragt.
Nostalgie wird oft mit Rückwärtsgewandtheit und dem Festhalten an alten Mustern verbunden. Haben nostalgische Gefühle auch negative Auswirkungen?
Lange ging die Forschung davon aus, dass Nostalgie etwas Negatives ist und unter anderem psychische Störungen und Einsamkeit fördert. Allein das Wort Nostalgie, zusammengesetzt aus den altgriechischen Begriffen nostos für Rückkehr und algos für Schmerz, legt diesen Verdacht nahe. In den letzten 15 Jahren hat die Forschung diese negative Sichtweise auf die Auswirkungen nostalgischer Gefühle jedoch vollständig revidiert.
Menschen, die depressiv sind oder eine Angststörung aufweisen, können allerdings durchaus auch vermehrt negative Gefühle in Bezug auf Nostalgie empfinden, da ihre Denkmuster generell eher negativ geprägt sind. Auch Menschen mit Bindungsproblemen scheinen nicht die üblichen Vorteile aus nostalgischen Emotionen ziehen zu können, weil ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit nicht so wichtig ist, sie oberflächliche Beziehungen bevorzugen und sich ungern von anderen abhängig machen. Die meisten von uns aber erleben positive nostalgische Gefühle mindestens ein- bis zweimal in der Woche.
Die meisten Menschen werden in ihrer Vergangenheit aber nicht nur Positives erlebt haben. Wie kann also Nostalgie fast nur positive Emotionen auslösen?
Zum einen verschwimmen bei den meisten Menschen negative Erfahrungen schneller als positive. Selbst Menschen, die beispielsweise in ihrer Uni-Zeit überwiegend schlechte Erfahrungen gemacht haben, können sich im Nachhinein in Bezug auf die vielleicht eher wenigen positiven Erlebnisse nostalgisch fühlen. Wir suchen uns in der Regel die Erlebnisse aus, die gute Gefühle in uns auslösen.
Das heißt selbstverständlich nicht, dass nicht auch negative Gefühle an die Vergangenheit in uns hochkommen können. Sie sind ebenfalls wichtig für uns, weil sie uns die Möglichkeit geben, zu wachsen und damit unser psychologisches Immunsystem zu stärken sowie Resilienz zu entwickeln. Manchmal erlaubt es uns die Zeit schließlich auch, über alte Fehler zu lachen, wodurch ein Großteil des ursprünglich negativen Aspekts verschwindet. Ein nostalgisches Gefühl, wie wir es verstehen, lösen sie aber nicht aus.
Obwohl uns eine schier unendliche Auswahl an Länderküchen und Lebensmitteln zur Verfügung steht, entscheiden wir uns häufig für das Altbekannte. Wird sich das durch das immer weiter wachsende Angebot an Lebensmitteln und Gerichten ändern?
Ich denke, dass es eher zum Entstehen neuer Traditionen beiträgt, an die wir uns später mit nostalgischen Gefühlen erinnern. Vielleicht führt es beispielsweise dazu, dass weiße amerikanische Familien an Weihnachten traditionell vietnamesisch essen oder vietnamesische Familien an ihrem Nationalfeiertag italienisch kochen.
Gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung nostalgischer Gefühle zwischen verschiedenen Kulturkreisen?
Darüber existiert unter anderem eine Studie meines ehemaligen Referenten aus Sozial- und Persönlichkeitspsychologie Constantine Sedikides und des Psychologie-Professors Tim Wildschut von der Universität Southampton. Sie legt nahe, dass es sich bei Nostalgie sowie den meisten menschlichen Gefühlen um ein sehr universelles Gefühl handelt. Dafür wurden Probanden aus Dutzenden Kulturkreisen von vier Kontinenten befragt. Lediglich in den Auslösern für nostalgische Gefühle zeichneten sich leichte Unterschiede ab.
Beispielsweise wurde sensorischen Reizen in reicheren Ländern eine höhere Bedeutung zugeschrieben als in ärmeren Ländern. Sedikides und Wildschut führen dies darauf zurück, dass Information und Unterhaltung in reicheren Ländern hauptsächlich in Form von Medienkonsum stattfinden. Die Menschen werden mit sensorischen Reizen regelrecht überflutet, wohingegen in ärmeren Ländern soziale Interaktionen eine größere Rolle für nostalgische Gefühle spielen und der Medienkonsum einen geringeren Anteil im Alltag einnimmt. Zudem maßen Menschen in ärmeren Ländern alltäglichen und gewöhnlichen Ereignissen eine höhere Bedeutung bei.
Wie macht sich die Lebensmittelindustrie das Bedürfnis nach nostalgischen Gefühlen zunutze?
Manche Unternehmen haben die besondere Bedeutung von Erinnerungen erkannt und verwenden diese für die Bewerbung ihrer Produkte. Wird ein Produkt aus unserer Kindheit oder Teenagerzeit neu aufgelegt oder ein sehr ähnliches Produkt auf den Markt gebracht, möchten wir es haben, auch wenn wir vergleichbare Produkte, die diese nostalgischen Gefühle nicht triggern, nie kaufen würden. Außerdem werden beispielsweise auch für neue Produkte Verpackungen verwendet, die uns an ein anderes, älteres Produkt erinnern.
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Warum liegt Ihnen die Forschung über die Nostalgie so am Herzen?
Persönlich hat das Thema eine besondere Bedeutung für mich, da ich mich selbst als einen sehr nostalgischen Menschen bezeichnen würde. Ich organisiere Klassentreffen und nehme bei jeder Gelegenheit Kontakt zu alten Freunden auf, wodurch meine nostalgischen Gefühle auch positive Effekte auf andere haben. Mich interessiert der Einfluss von Nostalgie auf unser Miteinander.
Zum Schluss: Was ist Ihr nostalgisches Lieblingsessen?
Mac’n’Cheese aus der Tüte. Eine günstige und einfache Mahlzeit, die nicht weiter von einem kulinarischen Hochgenuss entfernt sein könnte. Ich habe das Gericht als Kind sehr oft gegessen und dann wieder, als ich nach dem Studium zum ersten Mal unabhängig lebte, weil es billig und einfach zu machen war. Bis heute esse ich es lieber als die ausgefallenen Mac’n’Cheese-Varianten, die man in einigen Restaurants bekommt. Das zweite Gericht ist der Schokoladenkuchen, den meine Mutter mir immer zu meinem Geburtstag gebacken hat. Ein sehr gehaltvoller, eher ungesunder Genuss, der aber bei besonderen Gelegenheiten für mich einfach dazugehört.
Welches Lieblingsessen aus deiner Kindheit löst bei dir nostalgische Gefühle aus?
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Über den Gesprächspartner
- Jeffrey Green ist Professor für Sozialpsychologie an der Virginia Commonwealth University in Richmond. Seit über einem Jahrzehnt forscht er zum Einfluss, den nostalgische Gefühle auf die Psyche haben. In mehreren Studien widmete er sich dem Zusammenhang zwischen Nostalgie und Ernährung. Dabei konnte er beobachten, dass nostalgische Erinnerungen, die durch Geschmack und Geruch ausgelöst werden, nicht nur besonders persönlich sind und starke Gefühle in uns auslösen, sondern auch einen positiven Effekt auf die Psyche haben können. Das Thema interessiert Green auch auf einer ganz persönlichen Ebene; selbst beschreibt er sich als sehr nostalgischen Menschen.
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