Bielefeld. Seit dem 22. Juli muss sich Baris M. (Namen aller Betroffenen geändert) unter anderem wegen des Verdachts der räuberischen Erpressung und des Handels mit Kokain im Kilogrammbereich vor dem Landgericht verantworten. Nun ist der Prozess gegen den Bielefelder mit der Vernehmung eines seiner mutmaßlichen Opfer fortgesetzt worden. Fest steht: Die Angaben des Angeklagten und des Geschädigten sind alles andere als deckungsgleich.
Er habe, so berichtete es Baris M. in der Verhandlung vor der XXIV. Großen Strafkammer, den nun als Zeugen geladenen Pierre T. über dessen Cousin kennengelernt. Mit Letzterem habe er gemeinsam in Haft gesessen. Bei seiner Entlassung, so M., habe der Cousin ihn gebeten, „ein Auge auf Pierre T.“ zu haben. „Das habe ich dann auch gemacht“, so der Angeklagte.
Wie genau sich dieses Auge auf Pierre T. ausgestaltete, darüber gehen die Meinungen vor Gericht doch deutlich auseinander. Baris M. gibt an, dem drei Jahre jüngeren T. behilflich gewesen zu sein und diesem schließlich im vergangenen Jahr 2.500 Euro geliehen zu haben, als T. seine Miete nicht mehr bezahlen konnte und ihm der Strom abgestellt worden sei. „Er tat mir einfach leid“, so der Angeklagte.
Angeklagter: „Ich habe ihm dann eine Respektschelle verpasst“
Im Anschluss sei T. jedoch umgezogen und habe ihn auf den von ihnen genutzten Messenger-Diensten blockiert. Als er zufällig einen Freund von T. in der Stadt getroffen habe, habe er diesen gebeten, den Schuldner unter einem Vorwand aus der Wohnung zu locken. Am 1. August des vergangenen Jahres fuhr M. sodann gemeinsam mit dem Freund von T. sowie einem weiteren Mann zur Löhner Anschrift des 20-Jährigen. Baris M. stieg kurz vorher aus dem Auto aus, die beiden anderen Männer holten T. an dessen Wohnung ab und fuhren mit diesem los. Kurz darauf hielten sie an, um Baris M. wieder einzusammeln.
„Als Pierre mich sah, fing er sofort an zu schreien und mich zu beleidigen. Ich habe ihm dann eine Respektschelle verpasst“, berichtete der Angeklagte. „Ich habe ihm im Auto nur gesagt, dass ich mein Geld haben wolle. Ich war nicht mehr gewalttätig und habe – entgegen der Anklage – auch mit keiner Waffe gedroht. Er hatte so schon Angst genug.“
Gemeinsam seien sie dann zur Wohnung von T. gefahren, wo dieser jedoch auch kein Geld gehabt habe. „Er hat mir dann etwas im Wert von etwa 1.000 Euro gegeben. Was das war, möchte ich nicht sagen.“ Damit sei die Sache für ihn erledigt gewesen, sagte der Angeklagte – bis zur Anzeige durch Pierre T. im Januar dieses Jahres. „Warum erst dann, wenn die Tat doch angeblich bereits im August war? Das hätte nie angeklagt werden dürfen“, so der 23-Jährige.
Mysteriöser Gegenstand im Wert von 1.000 Euro
Pierre T. hingegen schilderte seine Erinnerungen an jenen 1. August gänzlich anders. Demnach sei er im Auto mit einer Waffe bedroht worden und habe M. dort bereits 700 Euro, später in seiner Wohnung weitere 3.000 Euro gegeben – also weit mehr als er M. geschuldet habe. Auch bestätigte T. auf Nachfragen des Vorsitzenden Richters Kai Niesten-Dietrich und von Richterin Vanessa Becker, dass er M. einen Gegenstand im Wert von etwa 1.000 Euro übergeben habe.
Auch der Zeuge wollte keine weiteren Angaben dazu machen, „weil ich mich dann selber belasten müsste“. Er habe noch am selben Abend die Wohnung verlassen, weil er befürchtete, M. werde mit Freunden zurückkehren. „Ich will mit denen nichts mehr zu tun haben“, sagte der Löhner. „Ich musste für sie Dinge tun, die ich nicht tun wollte“. Auch hierzu wolle er keine näheren Angaben machen, „da ich sonst Straftaten einräumen müsste“.
Die Anklage basiere auf Unwahrheiten, sagt Baris M.
In einem zweiten Tatkomplex ist Baris M. angeklagt, einen Autovermieter aus Bad Salzuflen bedroht und eines von dessen Autos mutwillig beschädigt zu haben. Auch dies bestreitet der Angeklagte. Vielmehr bezichtigt er den Salzufler, der sich darauf spezialisiert habe, teure Autos insbesondere an Leute ohne Fahrerlaubnis zu vermieten, schon seit langer Zeit gemeinsam mit seiner Familie in kriminelle Machenschaften verwickelt zu sein. Auch Baris M. gehörte nach eigenen Angaben zu den Kunden des Vermieters.
Als er jedoch im vergangenen Herbst wieder ein Auto von dem Salzufler habe leihen wollen, habe er dieses unter fadenscheinigen Begründungen und unter Berufung auf einen weit überzogenen Preis nicht bekommen, so die Einlassung des Bielefelders. Es folgten gegenseitige Beschimpfungen und Drohungen. Als er dann kurz darauf eben dieses Auto in Brackwede vor sich habe fahren sehen, habe er sich mit dem von ihm geführten Pkw daneben gesetzt, so der 20-Jährige: Der Fahrer des Mietfahrzeuges habe die Verkehrssituation sodann falsch eingeschätzt und sei ihm in die Seite gefahren.
Kiloweise Kokain?
Der darüber hinaus angeklagte Handel mit Kokain und Cannabis im Kilogrammbereich sei lediglich eine Retourkutsche des Autovermieters. „Der sagt genauso die Unwahrheit wie Pierre T.“, gab Baris M. zu Protokoll. Der Prozess wird am Mittwoch, 19. August, fortgesetzt.
📱 News direkt aufs Smartphone: Hier finden Sie den kostenlosen Whatsapp-Kanal der NW-Bielefeld