Die Beine eines am Boden liegenden Menschen liegen im Scheinwerferlicht eines Polizeifahrzeugs in der Dunkelheit auf Laub.

Üblicherweise sind Polizisten diejenigen, die zur Aufklärung der Verbrechen beitragen. In dieser Folge von „Schuld und Sühne“ gerät die Polizei selbst in die Schusslinie von Kriminellen.

26.04.2024 | 42:48 min

In einer Oktobernacht im Jahr 2011 war der Polizist Mathias V. mit einer Kollegin auf Streife am Stadtrand von Augsburg. Ihnen fielen zwei Männer auf, die mit einem Motorrad auf einem dunklen Parkplatz am Stadtrand fuhren. Als sie sie kontrollieren wollten, flüchteten die Männer sofort in ein angrenzendes Naturschutzgebiet. Dort schossen sie aus dem Hinterhalt auf die Polizisten. Mathias V. wurde getroffen und starb.

Aus ganz Bayern eilten mehrere Hundertschaften der Polizei herbei und umstellten den Wald, in den die Männer geflohen waren. Bis zu 1.000 Polizeibeamte waren im Einsatz. Es sei einer der größten Polizeieinsätze in der Geschichte der Stadt gewesen, sagt der Augsburger Journalist Holger Sabinsky-Wolf in der ZDFinfo-Doku „Schuld und Sühne – Schüsse aus der Finsternis„: „So etwas hatten wir zuvor noch nie gesehen.“

Polizistenmord in Augsburg im Jahr 1975

Einen tödlichen Angriff auf einen Polizisten, das hatte es in Augsburg zuletzt mehr als 30 Jahre davor gegeben: 1975 tötete der damals 19-jährige Rudolf R. einen Polizisten bei einem Raubüberfall.

Urteil im Fall des getöteten Polizisten

Im Prozess um den getöteten Polizisten in Völklingen wurde das Urteil verkündet. Der heute 19-jährige Täter überfiel eine Tankstelle und erschoss den Beamten im Einsatz.

01.04.2026 | 2:46 min

Im Fall von Mathias V. hatte die Polizei zunächst wenig Ansatzpunkte: Das Motorrad war geklaut. Die DNA-Spuren am Tatort zeigten keinen Treffer in der Datenbank. Die Ermittler wandten sich bereits wenige Tage nach der Tat über die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ an die Öffentlichkeit. 55.000 Euro wurden als Belohnung ausgelobt. Über 1.000 Hinweise arbeiteten die Beamten ab, aber ohne Erfolg.

Wir haben vier Wochen lang ermittelt, und jeder Ermittlungsansatz ging bisher ins Leere.

Richard Weiß, Mordkommission der Augsburger Polizei

Heiße Spur nach Überprüfung eines Autos

Doch dann endlich eine Spur: Im Tatzeitraum hatte eine Polizeistreife in der Nähe des Parkplatzes ein auffälliges Auto überprüft. Die Polizei stellte später fest: Der Halter war verwandt mit Rudolf R., ausgerechnet jenem Mann, der bereits in den 1970er-Jahren einen Polizisten in Augsburg ermordet hatte. Könnte er wieder der Mörder sein? „Das war natürlich dann schon eine heiße Spur vom ersten Moment an“, erinnert sich Richard Weiß von der Kriminalpolizei Augsburg.

Gedenken an getöteten Zugbegleiter

Im Fall des getöteten Zugbegleiters in Rheinland-Pfalz hat das Gericht entschieden: Der 26‑jährige Angeklagte muss für zehn Jahre ins Gefängnis. Die Familie kündigte an, in Revision zu gehen.

09.07.2026 | 1:19 min

Die Polizei observierte R. und stellte fest, dass er fast täglich mit seinem Bruder spazieren ging. Sie trafen sich häufig in der Nähe großer Geschäfte. Die Polizei hatte einen Verdacht: Waren die Brüder vielleicht nicht nur für den Mord an Mathias V. verantwortlich, sondern auch die Täter einer Reihe von Raubüberfällen, die damals in der Region stattfanden?

Ein Waffenarsenal zu Hause

Im Dezember 2011 nahm die Polizei die beiden Brüder fest. Sie durchsuchten die Grundstücke der beiden – mit Erfolg: „Wir fanden ein wahnsinniges Waffenarsenal in einem Ausmaß, das man selten sieht“, sagt Reinhard Weiß.

Die Brüder versteckten dort auch das Raubgut von mehreren Überfällen sowie die Tatwaffe, mit der Mathias V. getötet wurde. Dazu unzählige Pistolen, Handgranaten und Kalaschnikows. Und schließlich stießen die Ermittler auf eine Tasche mit Blutspuren des getöteten Polizisten Mathias V. Damit hatten sie ein entscheidendes Indiz.

Das war der Durchbruch, wo man dann sicher war: Das waren die Mörder vom Kollegen V.

Markus Pfann, Mordkommission der Augsburger Polizei

Fachwerkhaus von oben: Jugendstrafanstalt Seehaus in Leonberg

Europaweit sind die Gefängnisse überfüllt und personell unterbesetzt. Hohe Rückfallquoten lassen Zweifel am bestehenden System aufkommen. Welche Alternativen bieten offene Gefängnisse?

23.05.2026 | 29:33 min

Erneutes Tötungsdelikt ist statistisch selten

Der verurteilte Polizistenmörder von 1975, Rudolf R. war nach seiner Haft rückfällig geworden. Merten Neumann vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen erforscht die Rückfallquote bei Straftätern. Einige werden rückfällig, begehen gleich nach der Haft neue Taten, doch bei Tötungsdelikten sieht es laut Neumann anders aus.

Nach einer Statistik des Bundesjustizministeriums begehen nur 0,5 Prozent derjenigen, die wegen eines Tötungsdelikts verurteilt wurden, wieder eine solche Tat. Merten Neumann erklärt: „Tötungsdelikte entstehen oft aus einer speziellen Beziehungssituation. Dass die wieder auftritt, ist unwahrscheinlich.“

Haftzelle wird mit einem großen Schlüssel zugesperrt.

Interview

Doch es gibt einen Faktor bei R., der eine erneute Straftat wahrscheinlicher gemacht habe. Er tötete bei einem Raubüberfall: „Wenn Gewalt als Mittel zum Zweck verwendet wird, zum Beispiel bei Raubdelikten, ist die Rückfallquote höher“, sagt Neumann. Sein Verhalten vor Gericht ließ zudem auf eine tiefe Ablehnung gegenüber dem Staat schließen.

Nie wieder in Freiheit

2013 begann der Mordprozess gegen die Brüder R. vor dem Landgericht Augsburg. Der Bruder von Rudolf R. wurde zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Bei Rudolf R. selbst war das Urteil noch härter: Er wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld verurteilt. Das Gericht ordnete daher die anschließende Sicherungsverwahrung des Täters an: Die Gefahr, dass Rudolf R. wieder ein Verbrechen begeht, sei zu hoch, um ihn je wieder freizulassen.