Ingo Schulze: Mann mit kurzen grauen Locken, runder Brille in Karohemd und Jeans

Interview

Stand: 23.08.2026 03:30 Uhr

Der neue Roman des Dresdner Autors Ingo Schulze erscheint erst am 26. August – und ist schon preisgekrönt: „Das Wasser im August“ wird mit dem Uwe-Johnson-Preis geehrt und steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2026. Im Interview spricht Ingo Schulze über sein neues Buch und wie sich der Blick auf die Zukunft verändert hat.

von MDR Kulturdesk

Der neue Roman „Das Wasser im August“ von Ingo Schulze erzählt von zwei Zeitebenen: Der 60-jährige Ich-Erzähler reist im Juni 2025 zu einer Lesung nach Mecklenburg. Im Gepäck hat er eine unfertige Novelle, die im Sommer 1979 spielt. Darin geht es um den 16-jährigen Thomas aus Dresden, der Schriftsteller werden will und sich in die ältere Sonja verliebt. Als diese Frau aus seiner Vergangenheit dann auf der Lesung auftaucht, erinnert sich der Schriftsteller wehmütig zurück an eine Zeit, in der ihm die Welt noch offen stand. Mit Blick auf die Erinnerungen verhandelt der Roman auch die Fragen: Was ist Illusion und was ist wahr, mit welchen Selbstverständlichkeiten lebte man 1979 und im Jahr 2025? Und wie hat sich unser Verhältnis zur Zukunft verändert?

MDR: Die Jetzt-Zeit und diese Novelle miteinander zu kombinieren – war das von Anfang an für Sie klar, oder ist das beim Schreiben entstanden?

Ingo Schulze: Für mich war von Anfang an klar, dass es nicht einfach eine Geschichte über 1979 sein kann. Das hätte mich jetzt nicht so interessiert. Das Wichtige ist ja auch die Reibung, die es dann zwischen diesen beiden Zeiten gibt.

Video:
Neuer Roman von Ingo Schulze verhandelt Jugend-Erinnerungen und Zukunftsfragen (7 Min)

Für dieses 1979 gibt es tatsächlich einen autobiografischen Hintergrund: Ich bin als 16-Jähriger von Dresden aus in die Nähe von Neubrandenburg zu einer Malerin und einem Maler gefahren. Ich war der junge Schriftsteller. Sie haben mir von den zwei Zimmern, über die sie verfügten, eins für drei Wochen zur Verfügung gestellt. Und das war natürlich enorm anregend. Die haben gesagt: Lass mal deine Schreiberei, komm mal mit uns auf den Berg. Jetzt lerne mal hinzusehen, beschreibe die Wiese, die Bäume, die Wolken, wie sich das verändert. Das waren enorm wichtige drei Wochen.

Buchcover daswie die Oberfläche von Wasser gestaltet ist

Ingo Schulzes neues Buch ist autobiografisch inspirert – er erinnert sich an seine Zeit als 16-Jähriger im Sommer 1979.

Was macht die Liebesgeschichte zwischen diesem 16-jährigen Thomas und der 29-jährigen Sonja so markant, dass Sie sie ins Zentrum des Buches stellen?

Sonja, wie sie in der Novelle heißt, war für ihn – zumindest sagt er das so anderen gegenüber, das stimmt ja auch nicht – unerreichbar. Er ist sich dieser Liebe eigentlich erst später so richtig bewusst geworden. Die hat sich bei ihm auch zu so einem womöglich auch etwas übersteigerten Ideal aufgebaut.

Und jetzt steht er dieser älteren Frau gegenüber, und findet die immer noch sehr schön. Und über diese Konstellation ließ sich sehr viel erzählen, weil sie natürlich dann diejenige ist, die den Ich-Erzähler relativiert. Man merkt dann auch, dass der nicht die Wahrheit gesagt hat, auch gegenüber den anderen nicht. Und ich finde das schon immer wichtig: Ich darf auch dem Ich-Erzähler gegenüber nicht vertrauensselig sein. Ich muss meine eigenen Erfahrungen mobilisieren, um zu sehen, was stimmt hier eigentlich und was stimmt nicht.

Wir glauben oft, dass es nichts Trügerischeres gibt als die Gegenwart. Doch auch die Vergangenheit hat es in sich. War das für Sie eine Möglichkeit, etwas über die Beziehungen der Menschen zueinander und über die Selbstfindung der Hauptfigur Thomas zu erzählen?

Ich habe mit meinen Töchtern nach der ersten Corona-Welle so eine Backsteingotik-Tour gemacht. Und da fiel mir auf: Ich würde so gern mal etwas erzählen über jemanden, der mit 15, 16 Jahren die Herrlichkeiten dieser Welt entdeckt und plötzlich merkt, was die Welt an Schätzen für ihn bereithält, wie herrlich das eigentlich ist. Und das in so einer Umgebung, die erstmal auch sehr restriktiv sein kann. Und das hat sich für mich sofort mit diesem Sommer 1979 verbunden.

Ein Begriff von Zukunft, der positiv besetzt ist, der ist uns weitgehend abhandengekommen.

Ingo Schulze, Schriftsteller

Wir glaubten mit einer großen Selbstverständlichkeit – das kann ich jedenfalls für mich behaupten – dass die Zukunft besser wird. Das wird sich hier ändern, das muss sich ändern! Wir müssen nur genügend Leute sein, müssen Verbindungen knüpfen. Und das konfrontiert mit unserer unmittelbaren Gegenwart ist schon deprimierend. Jetzt hofft man, dass es einfach nicht noch schlimmer wird. Ein Begriff von Zukunft, der positiv besetzt ist, ist uns weitgehend abhandengekommen.

Schriftsteller Ingo Schulze: Mann mit grauen kurzen Locken, Brille und in Hemd und Jackett spricht vor Publikum in ein Mikrofon

Früher glaubte man noch an eine bessere Zukunft, sagt Schriftsteller Ingo Schulze im MDR-Interview.

Und die Zukunft hängt natürlich von den Menschen ab und davon, wie wir miteinander umgehen. Würden Sie sagen, da ist etwas verschütt gegangen im Umgang miteinander, was aber für die Zukunft wichtig wäre?

Ich hänge nicht an der DDR, aber mich beschäftigen diese Monate des – wie sich aus dem Nachhinein herausstellte – Übergangs (die Wendezeit 1989/90 Anm. d. Red.), wo einfach so vieles aufbrach und so vieles möglich gewesen ist. Vielleicht auch nicht – das ist sehr schwer im Nachhinein zu beantworten. Aber so wie es gekommen ist, ist es maximal schlecht gelaufen – abgesehen davon, dass es friedlich geblieben ist.

Lesungen von Ingo Schulze (Auswahl):

Lesungen „Das Wasser im August“

Dresden
Sonntag, 6. September 2026, 19:00 Uhr Staatsschauspiel, Kleines Haus

Leipzig
Dienstag, 8. September 2026, 19:00 Uhr, Stadtbibliothek

Aber wir sehen ja heute die Versäumnisse: ob das Rentenkasse ist, ob das Gesundheitswesen ist, ob das Schulwesen ist, ob das Infrastruktur ist. Das sin viele Dinge, wo ich sage, wir müssen einfach in das investieren, was dem Gemeinwesen, was jeder und jedem zugute kommt. Nicht mit dieser fürchterlichen Privatisierung und alles, was sich immer nur für einen selbst rechnet. Also ein Gefühl von Gesellschaft, die für ihre Bürgerinnen und Bürger da ist, auf Grundlage dessen man sein eigenes Leben gestalten kann. Zu so einer Grundsicherheit sollte ein Staatswesen verpflichtet sein.

Sie sind über 60, Ihre Figur Thomas ist 16. Was ist von den Idealen aus Ihrer Jugend bis heute da?

Die Angst der allgemeinen Vernichtung gab es auch Anfang der 80er-Jahre sehr unmittelbar. Jedenfalls in meiner Klasse glaubten wir, das sehr unmittelbar zu empfinden. In der Armeezeit war man sowieso damit konfrontiert. Aber, dass sich etwas zu einer friedlichen, gerechten Welt ändern lässt, die ein Überleben in Würde ermöglicht, wo eben alles möglich ist, sind allgemeine Vorstellungen. Das ist nicht anders geworden.

Warum heißt ihr Roman „Das Wasser im August“?

Das Wasser im August ist etwas, von dem ich persönlich nicht wirklich weiß, ob es das gibt. Aber ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass im August in vielen Seen das Wasser weicher und wärmer ist. Man kann dran glauben, ohne dass es das gibt. Und man kann es ablehnen und vielleicht gibt es das doch.

Das Gespräch mit Ingo Schulze führte Andreas Berger für das Kulturmagazin „Aufgefallen“ bei MDR SACHSEN.

Transparenzhinweis: Das Interview wurde zur besseren Lesbarkeit gekürzt und bearbeitet.

Redaktionelle Bearbeitung: jb, sg

Informationen zum Buch

„Das Wasser im August“ von Ingo Schulze (Roman)

Verlag: S. Fischer
Erscheinungstermin: 26.08.2026
320 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-103-97166-8

Auszeichnungen:
2026: Longlist Deutscher Buchpreis
2026: Uwe-Johnson-Preis