Cover: Daniel Malikyar: "Afghanistan"

AUDIO: Bildschöne Bücher: „Afghanistan“ von Daniel Malikyar (4 Min)

Stand: 23.08.2026 06:00 Uhr

Ein neuer Bildband von Daniel Malikyar bricht mit den gewohnten Kriegsbildern und zeigt Afghanistan als das, was es vor allem ist: ein faszinierendes Land mit uralter Kultur und freundlichen Menschen.

von Janek Wiechers

Vor der mächtigen Kulisse des Hindukusch-Gebirges stehen ein Vater und sein etwa zwölfjähriger Sohn knietief im Schnee. Die Strahlen der Sonne bahnen sich im Hintergrund ihren Weg durch einen dunstigen Himmel über den schneebedeckten Wipfeln. Vater und Sohn sind gegen die Winterkälte in Kaftans aus Wolle gehüllt. Sie lassen einen Drachen steigen – traditionell ein beliebter Zeitvertreib vieler Afghanen. Konzentriert, fast entrückt folgen ihre Blicke dem blau-leuchtenden Papierdrachen, auf den ein rotes Herz geklebt ist. Aufgenommen hat Fotograf Daniel Malikyar diese verträumte Szene in der Provinz Nuristan im Osten Afghanistans, unweit der Grenze zu Pakistan.

Kirgisische Nomaden im Pamirgebirge

Eine völlig andere Landschaft, mit ganz anderen Menschen: Im Pamirgebirge, einer der höchstgelegenen Gegenden der Welt, im Nordosten Afghanistans leben Menschen aus der Volksgruppe der Kirgisen. Die turksprachige Gemeinschaft stammt ursprünglich aus Zentralasien und zieht als Nomaden umher. Die beeindruckenden Fotos zeigen die fröhlich-lachenden Menschen in einer nahezu endlosen Landschaft. Beim Fußballspielen auf staubigen Hochebenen, beim Wasserholen neben reißenden Gebirgsbächen, beim Kochen von Yakmilch in rauchigen Jurten. Ins Auge sticht die mit Perlen bestickte leuchtend-rote Kleidung der Frauen und Mädchen.

Hier (in Pamir) herrscht eine ausgeprägte visuelle Identität. Frauen tragen Schleier, die verschiedene Lebensphasen widerspiegeln: rot vor der Heirat, weiß danach. Die Männer tragen oft traditionelle kirgisische Hüte, kombiniert mit praktischer, dem Klima angepasster Kleidung.

Auszug aus „Afghanistan“

Schreibt Fotograf Daniel Malikyar im Begleittext zu seinem Bildband. Sein empathischer fotografischer Blick auf die Menschen Afghanistans macht sein Buch so besonders.

Ein Land, viele Gesichter

Sämtliche Fotografien sind durchdrungen von Respekt und echtem Interesse. In beeindruckender Weise zeigt sich dies auch in den klassischen Gesichtsporträts, die er in allen bereisten Provinzen gemacht hat. Es ist fast unmöglich, sich der Tiefe und Intensität der Augen der Kinder, Frauen und Männer zu entziehen. Sie leuchten einem geradezu hypnotisch entgegen: smaragd-grün, intensiv-blau, tief-braun, unwirklich-bernsteinfarben.

Afghanistan hat nicht nur eine Identität, sondern viele. Die Nation liegt am Schnittpunkt von Zentralasien, Südasien und dem Nahen Osten. Seit Jahrhunderten ist es ein Knotenpunkt (…) an dem sich (…) Menschen, Kulturen und Ideen (…) vermischten. Über Generationen hinweg zogen Imperien durch dieses Land, von Alexander dem Großen (…), über das mongolische Reich (…) bis hin zum Britischen Empire, den Sowjets und den Vereinigten Staaten. Sie alle (…) versuchten das Land zu erobern, doch es gelang ihnen nie.

Auszug aus „Afghanistan“

Geblieben sei das afghanische Volk in all seiner ethnischen Vielfalt, sagt Daniel Malikyar. Mit eigenen Sprachen, Traditionen und eigener Identität. Ob Paschtunen, Pashai, Aimak oder Kuchi – jede Gruppe habe ihre ganz eigene Geschichte. Geprägt von der jeweiligen Geografie und den Erfahrungen vieler Generationen.

Aufgeschlagene Bücher

Bildbände über Architektur, Menschen oder Landschaften sind immer ein Genuss für die Augen. NDR Kultur stellt immer wieder herausragende Neuerscheinungen im Programm vor.

Heimat als Herzensangelegenheit

Der Fotoband gibt Einblick in diese für uns unbekannte Vielfalt. Und das ganz ohne die dominierenden Medienbilder von Krieg, Terror, Leid und Elend. Malikyars fotografischer Blick ist kein fremder, von außen. Sondern der eines Suchenden nach der eigenen Identität. Geboren 1995, wuchs Malikyar als Sohn afghanischer Flüchtlinge in den USA auf. Auf den Spuren seiner eigenen Wurzeln bereist er die Heimat seiner Familie immer und immer wieder.

Wenn ich in die Augen der Kinder hier vor Ort blicke, sehe ich mich selbst, meinen Bruder und meine Cousins. Das rührt mich sehr. (…) (und) als Teil der Diaspora haben wir meiner Meinung nach die Verantwortung, die Verbindung zu unserer Heimat aufrechtzuerhalten, denn ohne sie geht der Kern unserer Identität verloren.

Auszug aus „Afghanistan“

Eine Reise, die man nicht vergisst

Wäre es nicht so unglaublich weit entfernt, so unwegsam und schwer zu bereisen, und wegen der derzeitigen politischen Lage auch mehr als unwirtlich – am liebsten würde man sich selbst auf die Reise machen, um Afghanistan und seine Menschen vor Ort kennenzulernen. Da aber das freilich nicht geht, ist es ein Glücksfall, dass uns Malikyar stellvertretend mitnimmt auf seine Fotoreisen, um uns ein ausgesprochen faszinierendes Land und seine Menschen zu zeigen. Anrührend und teilweise atemberaubend schön.

Cover: Daniel Malikyar: "Afghanistan"

Afghanistan

Daniel Malikyar

Genre:
Bildband
Label:
teNeues Verlag
Bestellnummer:
978-3-96171-777-4
Preis:
70 €