Als Dieter Reicherter an einem Donnerstag im September 2010 in seinem Lieblingsplattenladen am Stuttgarter Charlottenplatz kruschtelt, ist er frisch pensioniert. Der Vorsitzende Richter am Stuttgarter Landgericht a.D. und begeisterte Musikfan freut sich darauf, endlich seine Sammlung zu katalogisieren: über 30.000 Singles, Zehntausende Langspielplatten, CDs, Videos und Musikbücher. Dann hört er von dem Großeinsatz im Schlossgarten hinter dem Bahnhof, dass Polizei und Demonstranten aufeinandertreffen. „Das hörte sich nach Chaos an. Ich hatte noch Zeit und dachte, ich schaue mal, was da los ist“, erzählt Reicherter. Es war die erste Demo seines Lebens.

Der gebürtige Stuttgarter läuft an diesem 30. September 2010 mitten hinein in die Ereignisse des „Schwarzen Donnerstag“. Hunderte von Demonstranten werden durch Wasserwerfer, Pfefferspray und Schlagstöcke der Polizei verletzt. Rentner, Dutzende von Schülerinnen und Schülern, friedliche Gegner des Milliardenprojekts Stuttgart 21. Auch Polizisten werden verletzt. Und Reicherter, bis dahin ein zwar politisch interessierter, aber nicht politisch aktiver Mensch, steht nur aus Neugierde im Park und wähnt sich statt im Rechtsstaat plötzlich mitten in einem Bürgerkrieg.

Dieter Reicherter kämpft täglich für Aufklärung bei Stuttgart 21

Es sind Stunden, in denen die Ruhestandspläne des damals 63-Jährigen pulverisiert werden. Am Ende des Tages sitzt er völlig durchnässt in der U-Bahn, getroffen vom Strahl eines Wasserwerfers und fassungslos über das, was er erlebt hat. Zuhause in den Nachrichten hört er, wie die CDU-geführte Landesregierung den Demonstranten die Schuld gibt. „Das konnte ich nicht so stehenlassen“, sagt er, setzt sich hin und verfasst eine Dienstaufsichtsbeschwerde an den damaligen CDU-Innenminister. Er notiert seine Erlebnisse, schickt sie an Medien, Parteien in Land und Bund, an die Staatsanwaltschaft. „Am Montag fing mein Telefon an zu klingeln“, sagt er. Und es hörte nicht mehr auf.

Damit begann das zweite Berufsleben von Dieter Reicherter. Täglich durchschnittlich fünf Stunden, überschlägt er, habe er sich seitdem mit Stuttgart 21 befasst, „wahrscheinlich mehr.“ Er hat Tausende von Mails geschrieben, Schriftsätze verfasst, Aktenberge und Gutachten studiert, Anträge gestellt, Informationen und Urteile erstritten. Und er ringt seit diesem Tage mit seinem Verständnis von Rechtsstaat. „Ich wollte mich immer für Wahrheit und Gerechtigkeit einsetzen“, erklärt er seine Motivation.

Aktionsbündnis protestiert montags auf dem Schlossplatz

Zunächst unterstützt er Betroffene bei Anzeigen gegen die Polizei und bei Klagen. „Als dann reihenweise die Einstellungsverfügungen kamen, als das alles weggebügelt wurde von den Ermittlungsbehörden, konnte ich es nicht glauben“, schildert er. „Aus meinen Erfahrungen in der Justiz und mit der Polizei konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass man diese Fälle nicht objektiv behandelt.“ Als das Verwaltungsgericht Stuttgart 2015 den harten Polizeieinsatz für illegal erklärt, ist Reicherter maßgeblich am Zustandekommen des Urteils beteiligt. „Ich wollte, dass herauskommt, wer und was hinter diesem Polizeieinsatz steckt.“

Inzwischen ist der pensionierte Richter 79 Jahre alt und seit 2024 einer der beiden Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21. Und diesem Dach organisieren sich Gruppierungen, alle geeint im Widerstand gegen das Milliardenprojekt. Montag für Montag um 18 Uhr versammeln sich bis heute S21-Gegner auf dem Stuttgarter Schlossplatz, ziehen Richtung Bahnhof. Dort hat das Objekt ihres Widerstands, der neue Tiefbahnhof, inzwischen unübersehbar Gestalt angenommen.

Reicherter kritisiert Risiken am Tiefbahnhof in Stuttgart

Warum macht er das alles noch? Welches Ziel gibt es jetzt, wo der Tiefbahnhof doch steht? Reicherter, wache, freundliche Augen hinter der Brille, überlegt nicht lange. „Wenn das Projekt sterben würde. Aber der Irrsinn geht ja mit dem Pfaffensteigtunnel gerade weiter. Da muss man sich auch weiter engagieren. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass das Projekt am Ende an sich selbst scheitert. Entweder säuft der Tiefbahnhof durch ein Starkregenereignis über Stuttgart ab, oder es gibt einen Brand im Bahnhof oder einem der Tunnel, oder der Anhydrit quillt und beschädigt die Tunnelröhren“, sagt er. „Ich halte es inzwischen für möglich, dass man dieses Projekt nie zu Ende bringen wird. Dass es entweder gar nicht oder nur abgespeckt realisiert wird.“

Also macht er immer, immer weiter? „Ja klar mache ich weiter,“ sagt er, ein breites Lächeln zieht über sein Gesicht. „Ich will hundert Jahre alt werden. So lange mach ich auf jeden Fall weiter.“