Die Auswertung des sogenannten Unfallatlas, den das Statistische Landesamt IT NRW einmal im Jahr aktualisiert, bestätigt das: Für die Jahre 2019 bis 2025 zählt die Grafenberger Allee mit insgesamt 53 schweren Unfällen zu den unrühmlichen „Top-Adressen“ im Unfall-Ranking.
Um herauszufinden, wie es an anderen Orten in NRW aussieht und wie sich die Situation an Unfallbrennpunkten entwickelt, hat unsere Redaktion alle verfügbaren Unfallatlas-Daten für den Zeitraum 2019 bis 2025 zusammengeführt. Entstanden ist ein Datensatz mit 390.092 schweren Unfällen. Jeder einzelne Unfall zählt dabei einmal, unabhängig davon, wie viele Menschen dabei zu Schaden kamen. Unfälle, bei denen es ausschließlich bei einem Sachschaden blieb, sind nicht enthalten.
Sieben Jahre Unfallatlas NRW im Überblick
Die Zahl der schweren Unfälle schwankte im verfügbaren Zeitraum deutlich. 2019 wurden 61.471 Fälle registriert, im ersten Corona-Jahr 2020 waren es 54.250. Danach stieg die Zahl wieder an: 63.157 im Jahr 2022, 63.250 im Jahr 2023, 62.741 im Jahr 2024 und schließlich 65.232 im Jahr 2025. Der aktuelle Höchstwert liegt damit 20,2 Prozent über dem Tiefpunkt von 2020 und 6,1 Prozent über dem Ausgangswert von 2019.
Der Unfallatlas erfasst nicht die Anzahl der Unfallbeteiligten. Zahlen zu Verletzen und Unfalltoten erfasst nur die Unfallstatistik des Statistischen Landesamts NRW. Dazu später mehr.
Der Unfallatlas schlüsselt dafür detailliert die Umstände jedes einzelnen schweren Unfalls in NRW auf: Zeiten, Orte, beteiligte Verkehrsmittel, Straßenzustand oder auch der Unfallhergang. Ein Unfall kann in mehreren dieser Gruppen auftauchen, die Zahlen lassen sich nicht addieren.
Unfallschwerpunkte in Köln, Düsseldorf und Münster – die lokalen Unfallcluster
Bei den absoluten Zahlen weist Köln im Zeitraum 2019 bis 2025 die meisten schweren Unfälle auf: 34.252. Dahinter folgt Düsseldorf mit 17.466. Auf den weiteren Plätzen liegen die Städteregion Aachen mit 14.057, der Rhein-Sieg-Kreis mit 13.654 und Recklinghausen mit 13.391 Fällen.
Bezieht man die Einwohnerzahl ein, kommt Köln auf 45,07 schwere Unfälle je 10.000 Einwohner und Jahr. Es folgen Münster mit 43,88, Bonn mit 40,45, Düsseldorf mit 40,29 und Borken mit 40,05. Kleve liegt bei 39,49. Die Kennzahl ist kein individuelles Unfallrisiko der Einwohner. Städte und Kreise mit vielen Pendlern, Besuchern und Durchgangsverkehren können dadurch höhere Werte aufweisen.
Besonders interessant ist die Auswertung des Unfallatlas auf hyperlokaler Ebene: Wir haben die Koordinaten der Unfälle nach Straßen und Adressen geclustert. Die Auswertung zeigt 30 Zellen – Straßenecken, Kreuzungen und ähnliche Bereiche mit einem Umkreis von rund 50 Metern –, in denen in allen sieben Jahren mindestens ein schwerer Unfall registriert wurde. Zwölf dieser Zellen liegen in Köln, neun in Düsseldorf und vier in Bonn. Zwei liegen in der Städteregion Aachen, jeweils eine in Wuppertal, Steinfurt und Münster.
Die höchste Summe über den gesamten Zeitraum erreicht der Ludgeriplatz in Münster: 113 Unfälle. Nur im Coronajahr 2020 wurde dort kein Fall registriert. Der dauerhafteste Spitzenbereich liegt an der Inneren Kanalstraße in Köln: Dort wurden über die sieben Jahre hinweg zusammen 104 Unfälle erfasst. Es folgen ein Cluster an der Subbelrather Straße in Köln mit 93 Fällen und eines an der Kölner Straße in Düsseldorf mit 76 Fällen.
Besonders gefährdete Verkehrsteilnehmer – die Verkehrsmittel-Analyse
Die Verkehrsmittel-Zeitreihe des Unfallatlas liegt für 2019 bis 2025 vor. Sie zählt schwere Unfälle, an denen mindestens ein bestimmtes Verkehrsmittel beteiligt war. 2025 wurden in NRW 107 Fahrrad-Unfälle registriert, bei denen mindestens ein Mensch starb. Ein Jahr zuvor waren es 80. Das entspricht einem Anstieg von 33,8 Prozent – der Höchstwert der Reihe.
Auch bei der Gesamtzahl der schweren Fahrrad-Unfälle wurde der Höchstwert 2025 verzeichnet: 21.487 Fälle. 2019 waren es 18.260 – ein Anstieg um 17,7 Prozent. Gezählt werden Unfälle, nicht Menschen.
Dabei ist eine Gruppe unter den Zweiradfahrenden besonders betroffen: Laut IT NRW verunglückten 2025 insgesamt 7969 Fahrerinnen und Fahrer von elektrischen Pedelecs sowie 4456 Nutzer von E-Scootern oder anderen Elektrokleinstfahrzeugen. Die amtliche Auswertung zu Pedelecs und E-Scootern zählt hier – anders als der Unfallatlas – Menschen. Bei den Pedelec-Verunglückten waren 28,2 Prozent 65 Jahre oder älter, 12,4 Prozent waren jünger als 25 Jahre.
2025 lag das Fahrrad bei der Zahl der schweren Unfälle hinter dem Pkw auf Platz zwei – vor Krafträdern und Fußgängern.
Bei den Krafträdern weist der Unfallatlas 2025 insgesamt 8307 schwere Unfälle aus. Darunter waren 69 Unfälle mit Getöteten, 1782 mit Schwerverletzten und 6456 mit Leichtverletzten. 2024 wurden 7822 schwere Unfälle erfasst, darunter 111 mit Getöteten, 1752 mit Schwerverletzten und 5959 mit Leichtverletzten.
Bei schweren Unfällen mit Pkw-Beteiligung und Getöteten stieg die Zahl 2025 gegenüber 2024 von 162 auf 184. Bei Fußgänger-Beteiligung sank sie von 90 auf 86.
Die Verkehrsmittelgruppen überschneiden sich: Ein Unfall kann zum Beispiel sowohl als Fahrrad- als auch als Pkw-Unfall gezählt werden. Deshalb lassen sich die Zahlen nicht addieren. Sie beschreiben schwere Unfälle, nicht die Zahl der getöteten oder verletzten Menschen.
Straßen-Überquerungen sind besonders gefährlich
In der Gesamtauswertung nach Unfalltypen sticht der Typ „Überschreiten-Unfall“ hervor. Für die Jahre 2019 bis 2025 wurden 42.602 Unfälle dieses Typs gezählt. Darunter waren 666 Unfälle, bei denen mindestens ein Mensch starb. Auf 10.000 schwere Unfälle dieses Typs kamen damit 156,3 tödliche Unfälle – der höchste Wert aller ausgewerteten Unfalltypen.
Beim „Fahrunfall“ wurden 176.266 Unfälle und 2.192 tödliche Unfälle erfasst. Die entsprechende Quote lag bei 124,4 je 10.000. Sie beschreibt den Anteil der tödlichen Unfälle an allen schweren Unfällen dieses Typs.
Innerorts ereigneten sich 2025 48.224 von 65.232 schweren Unfällen – 73,9 Prozent. Das waren 5,0 Prozent mehr als 2024. Fahrräder einschließlich Pedelecs waren innerorts an 39,0 Prozent dieser Unfälle beteiligt, Fußgängerinnen und Fußgänger an 15,1 Prozent.
Dienstag um 16 Uhr ist es am gefährlichsten
Die Auswertung nach Uhrzeit und Wochentag bezieht sich auf die Zahl der schweren Unfälle, nicht auf die Zahl der verletzten oder getöteten Menschen. Zwischen 12 und 23 Uhr wurden im Zeitraum 2019 bis 2025 263.600 schwere Unfälle erfasst; zwischen 0 und 11 Uhr waren es 126.492. Die meisten Unfälle entfielen auf 16 Uhr mit 34.587, gefolgt von 15 Uhr mit 33.940 und 17 Uhr mit 32.653.
Der höchste Einzelwert in der Kombination aus Wochentag und Uhrzeit lag am Dienstag um 16 Uhr: 5.962 schwere Unfälle. Über die gesamten sieben Jahre wurden an Freitagen 62.733, an Dienstagen 61.755 und an Donnerstagen 61.374 Unfälle gezählt. Sonntage kamen auf 35.907.
Bei den 2.803 tödlichen Unfällen lag die höchste Zahl in der Kombination aus Dienstag und 16 Uhr sowie Dienstag und 17 Uhr: jeweils 39. Über alle Wochentage entfielen die meisten tödlichen Unfälle auf Samstage mit 436, danach folgten Donnerstage mit 416 und Freitage mit 408.
Besonders auffällig ist der Unterschied zwischen der Zahl der Unfälle und ihrer tödlichen Quote in den frühen Morgenstunden. Um 4 Uhr kamen 231,9 tödliche Unfälle auf 10.000 schwere Unfälle. Um 17 Uhr waren es 68,0. Die Quote lag um 4 Uhr damit fast 3,5-mal so hoch wie um 17 Uhr.
Was der Unfallatlas zeigt – und was nicht. Die Unterschiede zur Verkehrsunfallstatistik
Der Unfallatlas erfasst schwere Unfälle und unterscheidet sich damit von der umfassenderen Straßenverkehrsunfallstatistik. 2025 registrierte die Polizei in NRW 81.687 Straßenverkehrsunfälle, 2,6 Prozent mehr als 2024. Darin enthalten sind schwere Unfälle, schwerwiegende Sachschadensunfälle sowie Unfälle unter dem Einfluss berauschender Mittel. Sonstige Sachschadensunfälle ohne weitere Merkmale – sogenannte Bagatellunfälle – sind nicht enthalten.
Die Zahl der schweren Unfälle stieg laut dieser Statistik um 4,0 Prozent auf 65.232. Dabei wurden 81.378 Menschen verletzt oder getötet – 3,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Leichtverletzten erhöhte sich um 3,9 Prozent auf 70.706.
2025 wurden 10.193 Menschen schwer verletzt, 1,1 Prozent weniger als 2024. 479 Menschen starben, sechs weniger als im Vorjahr – ein Rückgang um 1,2 Prozent.