Beruflich ist Susanne Rößner für Menschen da, wenn alle medizinischen Mittel erschöpft sind. Als Chefin des bekannten Bestattungsunternehmens Pius begleitet sie Angehörige durch die schwersten Stunden. Im Augsburger Rathaus will die Stadträtin nun dafür sorgen, dass in jenen entscheidenden Minuten, in denen ein Leben noch gerettet werden kann, niemand hilflos danebensteht.

Die Fraktion der Freien Wähler Augsburg hat regelmäßige Erste-Hilfe- und Defibrillator-Schulungen für den gesamten Augsburger Stadtrat beantragt. Auch Oberbürgermeister Florian Freund soll an dem freiwilligen Programm teilnehmen können. Die Idee: Wer häufig unter Menschen ist, sollte im Ernstfall nicht nur eine Rede halten, sondern auch richtig handeln können.

Wenn plötzlich jede Minute zählt

Stadträtinnen und Stadträte absolvieren jedes Jahr unzählige öffentliche Termine. Sie stehen bei Vereinsfesten am Biertisch, besuchen Empfänge, Bürgerversammlungen, Sportveranstaltungen und Stadtteilfeste. Wo viele Menschen zusammenkommen, kann jedoch jederzeit ein medizinischer Notfall eintreten.

„Als Stadträtinnen und Stadträte sind wir bei vielen Veranstaltungen in unserer Stadt unterwegs und damit auch nah bei den Menschen“, erklärt Susanne Rößner. Deshalb sei es sinnvoll, die eigenen Erste-Hilfe-Kenntnisse regelmäßig aufzufrischen und im Notfall zu wissen, was zu tun ist. „Das gibt Sicherheit, für uns selbst, aber vor allem für die Menschen, die bei diesen Veranstaltungen dabei sind.“

Rößners Initiative kommt dabei nicht aus dem politischen Lehrbuch. Die Stadträtin arbeitet in der Bestattungsbranche und ist außerdem aktive Feuerwehrfrau bei der Freiwilligen Feuerwehr Lechhausen. Sie weiß also, wie schnell eine vermeintlich normale Situation kippen kann und dass die ersten Minuten darüber entscheiden können, wie ein Notfall ausgeht.

Wiederbelebung statt Erinnerungslücken

Nach dem Antrag sollen alle Mitglieder des Augsburger Stadtrates sowie der Oberbürgermeister zu Beginn jeder Wahlperiode eine qualifizierte Erste-Hilfe- und AED-Schulung angeboten bekommen. AED steht für „Automatisierter Externer Defibrillator“. Während der sechsjährigen Wahlperiode soll spätestens alle zwei Jahre eine Auffrischung folgen.

Das ist durchaus sinnvoll. Bei vielen Menschen liegt der letzte Erste-Hilfe-Kurs Jahre oder sogar Jahrzehnte zurück. Irgendwann wurde er für den Führerschein absolviert, danach gerieten stabile Seitenlage, Herzdruckmassage und Rettungskette langsam wieder in Vergessenheit.

In den geplanten Kursen sollen die Stadtratsmitglieder lernen, lebensbedrohliche Situationen schnell zu erkennen, einen korrekten Notruf abzusetzen und bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes die richtigen Maßnahmen einzuleiten. Auf dem Programm stehen sollen unter anderem Herz-Lungen-Wiederbelebung, der Einsatz eines Defibrillators sowie der Umgang mit Bewusstlosigkeit, Atemnot, Herzinfarkt, Schlaganfall und schweren Verletzungen.

Wo hängt im Rathaus eigentlich der Defibrillator?

Die Freien Wähler wollen allerdings keinen Erste-Hilfe-Kurs von der Stange. Die Schulungen sollen möglichst praxisnah auf Augsburg und die örtlichen Gegebenheiten zugeschnitten werden. Dazu gehört eine Frage, die sich vermutlich nicht jedes Ratsmitglied auf Anhieb beantworten kann: Wo befinden sich eigentlich die Defibrillatoren in den städtischen Gebäuden?

Auch besondere Hilfsmittel sollen erklärt werden. Im Augsburger Rathaus gibt es unter anderem einen Treppenschlitten, mit dem Menschen im Notfall über Treppen transportiert werden können. Ein solches Gerät hilft allerdings nur, wenn im entscheidenden Moment jemand weiß, wo es steht und wie es eingesetzt wird.

„Gerade bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt jede Minute“, betont Rößner. „Wenn man weiß, wo ein Defibrillator zu finden ist und wie man ihn richtig einsetzt, kann man die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes sinnvoll überbrücken.“ Dieses Wissen regelmäßig aufzufrischen, sei eine sinnvolle Investition in die Sicherheit bei öffentlichen Veranstaltungen.

Eine Verpflichtung soll es ausdrücklich nicht geben. Die Kurse sind als freiwilliges Angebot gedacht.

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