Älterer Mann mit weißem Hut und brauner Aktentasche geht gebückt bei Hitze über eine Holzbrücke mit Metallgeländer über die Seine in Paris, im Hintergrund historische Gebäude bei blauem Himmel.

AUDIO: Was ist der neue Jahrhundertsommer? (3 Min)

Extremwetter-Forschung aus Leipzig

Stand: 23.08.2026 18:02 Uhr

Der Sommer in Deutschland kühlt sich so langsam auf ein normales Niveau ab – sogar Regen gab es für die ausgetrockneten Landesteile mal. Trotzdem stellt sich so langsam die Gewissheit ein, dass ein Zustand wie in diesem Jahr wirklich das neue Normal sein könnte. Das zumindest sagt die Klimaforschung. Die Frage ist nur: Wie sieht dann künftig ein Sommer aus, der nicht normal, also ein Jahrhundertsommer ist? Forschende aus Leipzig haben Antworten gesucht.

von Florian Zinner

Die Liste kann sich sehen lassen: Hitzewellen, die sich die Hand schütteln, Temperaturrekorde, die gleiches tun, ausgebrannte Rasenflächen, Rinnsale statt Wasserstraßen, Tropennächte und nicht zuletzt verheerende Waldbrände. Eigentlich hatte der Sommer 2026 bisher alles im Gepäck, was das Rezept für einen Jahrhundertsommer so verlangt. Ob es – aus statistischer Sicht – schlussendlich für einen reicht, wird sich zeigen. Und ist eben irgendwie auch Definitionssache.

„Wenn man sich das jetzt mal im Kontext von der globalen Erwärmung anschaut, war der Sommer gar nicht so außergewöhnlich. Aus Sicht von vorindustriellem Klima ist eigentlich fast jeder Sommer heutzutage ein Jahrhundertsommer“, sagt Peter Pfleiderer, der an der Universität Leipzig zu Wetterextremen forscht und sich die Frage gestellt hat: Wenn Jahrhundertsommer nicht mehr einmal alle hundert Jahre auftreten, sondern viel regelmäßiger, und es somit kein Jahrhundertsommer mehr ist – was macht dann künftig einen Jahrhundertsommer aus? Also einen sehr seltenen, aber sehr extremen Sommer?

Jahrhundertsommer werden künftig beispiellos ausfallen

Mit einer angepassten Klimasimulation konnte sein Team analysieren, wie sich sehr heiße Sommer über den allgemeinen Klimawandel hinaus entwickeln können. Zum Einsatz kam eine sogenannte Rare-event-sampling-Methode. Dabei haben sich die Forschenden nur auf Modellsimulationen konzentrieren können, aus denen sich tatsächlich ein sehr heißer Sommer entwickelt hat, was Ressourcen gespart hat. Heraus kam: Ein Jahrhundertsommer werde künftig alles bisher Gesehene in den Schatten stellen, erklärt Pfleiderer. Er wäre im Prinzip eine neue Kategorie.

Blick über die Elbe auf den Magdeburger Dom mit zwei spitzen Türmen, bewölkter Himmel, steiniges Flussufer bei niedrigem Wasserstand im Vordergrund.

August 2026: Niedrigwasser der Elbe in Magdeburg

„Da werden dann Rekorde gebrochen. Das gab es ja dieses Jahr auch schon, aber nicht nur so ein bisschen, sondern vielleicht sogar um fünf Grad.“ Pfleiderer verweist auf das Jahrtausendereignis in Westkanada und den USA im Sommer 2021 mit Temperaturrekorden, die fast fünfzig Grad erreicht hatten. Einer der begünstigenden Faktoren damals waren trockene Böden. Die Wechselwirkung zwischen trockenen Böden und Hitze habe sich auch im europäischen Sommer 2026 gezeigt, erklärt Dominik Schuhmacher von der ETH Zürich und Teil der Forschungsinitiative World Weather Attribution: „Wenn die Luft immer heißer wird, trocknet sie den Boden aus. Und dann wird es noch heißer und die Böden werden noch trockener. Und genau das hat auch den Weg für diese extreme Hitzewelle Ende Juni geebnet.“

Porträt von jungem Mann mit lockigen Haaren, freundlich neutraler Blick in Kamera

Dr. Peter Pfleiderer

… vielleicht auch einfach eine extrem lange Hitzewelle, wo es dann auch zwischendurch gar nicht mehr so richtig abkühlt.

Dr. Peter Pfleiderer, Universität Leipzig

Bei Regen wird ein Teil der Hitze umgewandelt

Die Zunahme von sommerlicher Trockenheit im Klimawandel spiele auch bei künftigen Hitze- und Jahrhundertsommern eine entscheidende Rolle, erklärt Peter Pfleiderer von der Uni Leipzig. Bei trockenen Böden würden wir die ganze Sonneneinstrahlung direkt als Hitze zu spüren bekommen. Anders, wenn es auch mal Niederschlag gibt: „Weil, solange die Böden noch feucht sind und es ab und zu mal regnet, kann immer wieder ein Teil von der Wärme, die durch Sonneneinstrahlung kommt, in Verdunstung umgewandelt werden.“

Menschenmenge bei einem Open-Air-Festival im Gegenlicht der Abendsonne, ein Mann auf einer Bühne besprüht die Zuschauer mit einer Wasserfontäne, im Hintergrund Waldsilhouette.

Juni 2026: Ein Sicherheitsdienst-Mitarbeiter besprüht bei heißen Temperaturen Festivalbesucher auf dem Gelände vom Hurricane-Festival mit Wasser.

Pfleiderer und Team gehen aber davon aus, dass Jahrhundertsommer künftig durch starke Hitzewellen in der ohnehin wärmeren zweiten Sommerhälfte geprägt sein werden, die sich bis in den Spätsommer ziehen können. „Dass wir dann mehrere, aber vielleicht auch einfach eine extrem lange Hitzewelle haben, wo es dann auch zwischendurch gar nicht mehr so richtig abkühlt.“

Daraus folgt, dass auch Menschen sich nicht mehr richtig abkühlen, also erholen können – und nach heutigen Standards bebaute Städte ohnehin nicht. Peter Pfleiderer verweist auf die Schäden an der Infrastruktur und die Zahl der Hitzetoten in diesem Jahr. Also einem Sommer, der künftig kein Jahrhundertsommer mehr sein wird. „Ich glaube, das sollte ein bisschen ein Weckruf sein, dass man jetzt sieht: Okay, die Folgen sind 2026 schon ganz schlimm gewesen. Aber das ist gar nicht so richtig das Extrem, was passieren könnte.“ Und dahingehend sollte man Pfleiderer zufolge auch bedenken: Erfolgreiche Klimaanpassung funktioniert nur, wenn der Klimazustand halbwegs stabil ist. Und dafür ist es eben dringend notwendig, den Klimawandel einzudämmen.

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