Jörg Lange stöhnt. „Bei uns in Mering kann dann niemand mehr zusteigen.“ Weil der Zug dann einfach voll sei. Übervoll. Der IT-Experte arbeitet mal im Homeoffice; mal pendelt er von seinem Wohnort in Schwaben nach München. Ab 2028 wird Letzteres wohl schwierig bis unmöglich. Die Deutsche Bahn will auf ihrer Strecke zwischen Augsburg und München weniger Regionalzüge fahren lassen. Und das ausgerechnet in den Hauptverkehrszeiten am Morgen und am Nachmittag, wenn die meisten Pendler unterwegs sind. Leute wie Lange, der im Fahrgastverband Pro Bahn aktiv ist und in dieser Zeitung schon vor einem halben Jahr vor Streichplänen gewarnt hat.
Die Deutsche Bahn hat den Bahnknoten München und Teile der Strecken nach Augsburg, Ingolstadt und Rosenheim für überlastet erklärt. Damit sich auf dem oftmals maroden Schienennetz nicht mehr so viele Züge verspäten oder gar ausfallen, möchte der Staatskonzern Deutsche Bahn (DB) den Nahverkehr von Schwaben in die Landeshauptstadt ausdünnen. Nach dem Motto: lieber weniger, dafür pünktlichere Züge. Das trifft das an Augsburg ansässige Bahnunternehmen Arverio, das mit seinen weiß-blauen Regionalzügen von Ulm und Donauwörth über die Fuggerstadt nach München fährt; im Auftrag des Freistaats.
Freistaat und Arverio wehren sich gegen Streichungen der Regionalzüge
Zwölf Zugverbindungen zwischen Augsburg und München soll Arverio nach den Plänen der DB Infrago aufgeben. Das ist die Schienengesellschaft des Staatsunternehmens DB. Dokumentiert ist das Vorhaben der Infrago in einem 65-seitigen Papier, das unserer Redaktion vorliegt. Maximal zwei Regionalzüge pro Stunde und Richtung sollen noch erlaubt sind. In den Hauptverkehrszeiten gibt es derzeit noch drei oder gar vier Verbindungen.
Für den ICE und andere Fernzüge will die DB Infrago dagegen mehr Platz schaffen, mit 19 zusätzlichen Fahrten. Was aus Sicht des Freistaats nicht zusammenpasst. Der Freistaat hat sein Veto gegen die Streichpläne eingelegt, ebenso wie Arverio; eine Tochterfirma der Österreichischen Bundesbahnen. Auch die SPD in Mering protestiert. Die Regionalzüge nach München würden jetzt schon überquellen. Sitzpläne gebe es ab Mering sowieso so gut wie nie. Künftig gebe es „nicht mal mehr einen Stehplatz“, schimpft Stefan Hummel, SPD-Fraktionschef im Marktgemeinderat.
Weniger Regionalzüge zwischen Augsburg und München: Lange warnt vor Verkehrsinfarkt
Schon am Augsburger Hauptbahnhof wird es dann eng, wenn aus vielen Zügen von Günzburg und Donauwörth für die Weiterfahrt nach München wenige gemacht werden. Bleibe in Augsburg nur der Umstieg vom günstigen Deutschlandticket für den Nahverkehr auf den teuren ICE oder gar aufs Auto, sagt Lange, Vizechef von Pro Bahn in Bayern. Und in Mering und anderen Stationen zwischen Augsburg und München drohe der völlige Irrsinn: Mit dem Regionalzug erst in entgegengesetzter Richtung nach Augsburg, um dort den ICE nach München zu erreichen. Oder eben ins Auto, obwohl die Straßen jetzt schon voll seien und angesichts geplanter Baustellen gar nicht mehr Verkehr aufnehmen könnten, prognostiziert Lange. Er befürchtet einen „Verkehrsinfarkt“.
Die Infrago orientiert sich an den Plänen des Bundesverkehrsministeriums für einen „Deutschlandtakt“. Demnach sollen ab 2030 täglich im Schnitt 15 Regionalzüge weniger als bisher zwischen Augsburg und München verkehren. Dafür dann aber 131 statt bislang 65 Fernzüge, also doppelt so viele. Weniger Regionalzüge, dafür doppelt so viele Fernzüge – das widerspricht einer im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums erstellten Prognose für 2030. Demnach gehört die Strecke Augsburg – München zu den bundesweit sieben Bahnknoten und Linien mit den größten Zuwächsen bei den Fahrgastzahlen im Nahverkehr. Der Freistaat Bayern will deshalb nicht nur die Streichpläne verhindern, sondern mehr Regionalzüge fahren lassen.
Allianz pro Schiene befürchtet, dass auf vielen Strecken der Stundentakt wegfällt
Was die Frage aufwirft, woher das Geld dafür kommen soll. Bis 2031 brauchen die Bundesländer nach ihren Berechnungen 14 Milliarden Euro mehr vom Bund für den Nahverkehr, um den jetzigen Umfang zu sichern. Hinzu kommen höhere Gebühren für die Bahntrassen. Allein in Bayern schätzt der frühere CSU-Landtagsabgeordnete Eberhard Rotter aus dem Allgäu den Fehlbetrag auf drei Milliarden Euro. Rotter ist Landesbeauftragter der Allianz pro Schiene, einer Interessengemeinschaft für eine bessere Bahn.
Doch der Bund will nicht zahlen. Bleibe es dabei, dann „haben wir auf vielen Strecken möglicherweise keinen Stundentakt mehr. Dann werden Züge am Morgen und am Abend gestrichen, dann werden auf Nebenstrecken ab 20 Uhr Züge durch Busse ersetzt“, warnt Rotter. „Dann könnten wir sogar eine Debatte um neue Strecken-Stilllegungen bekommen. Es wird schlimm werden.“