Magnus Trinkwalder ist 2023 bei Manomama eingestiegen. Seine Mutter Sina Trinkwalder hat das Unternehmen 2010 in Augsburg gegründet. Foto: B4B/ Katharina Seeburger
B4BSCHWABEN.de: Wenn ich in den Niederlanden wohne und bei euch eine Jeans bestellen will: Geht das im Moment noch?
Magnus Trinkwalder: Nur, wenn du Freund:innen in Nordrhein-Westfahlen besuchst und sie dorthin bestellen lässt. Sonst leider nicht.
Das heißt, ihr habt den EU-Versand im Moment eingestellt?
Ja. In die Benelux-Staaten verschicken wir schon länger nicht mehr, weil das grundsätzlich schwierig zu koordinieren ist. Aber wir haben jetzt auch den Versand in alle anderen EU-Staaten außerhalb von Deutschland eingestellt. Wir haben schon ein paar Tage vorher versucht, unsere Kund:innen zu sensibilisieren. Gerade in Österreich, wo wir einen Markt haben. Wir haben sie darauf vorbereitet, dass sie Alternativen brauchen.
Wie haben eure Kunden reagiert?
Größtenteils mit Verständnis. Wir sind eine kleine Manufaktur und kein Textilriese wie Temu oder Shein mit großen Abteilungen, die solche Themen sofort abfedern können. Für uns ist das aktuell ein Verwaltungsakt, den wir erst einmal verstehen und koordinieren müssen.
Versucht ihr Lösungen zu finden oder ist das EU-Auslandsgeschäft für euch abgehakt?
Unser Fokus war immer Deutschland. Als „Made in Germany“-Anbieter ist hier auch unsere Kernzielgruppe. Aber wir schauen uns die Zahlen an und prüfen, in welche EU-Märkte sich der Versand künftig lohnt, zum Beispiel Österreich. Dafür werden wir Lösungen finden.
Was heißt die Verordnung konkret für euch im Alltag?
Ich bin da persönlich in einem Zwiespalt: Die Verordnung hat wirklich gute Punkte, etwa Höchstgrenzen für PFAS in Lebensmittelverpackungen oder das Ziel, Verpackungsmüll zu reduzieren. Das sind Dinge, die wir als Manomama absolut unterschreiben. Das Problem ist die praktische Umsetzung. Die ist für uns aktuell kaum leistbar. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum es kein EU-zentrales Register gibt und dass man sich für 27 EU-Länder einzeln registrieren muss. Warum gibt es eine EU-weite Verordnung, wenn die Umsetzung dann wieder national zersplittert ist? Damit zerschlägt man ja die Harmonisierung dieses Binnenmarkts völlig und den Grundgedanken der EU auch. So wird es unnötig kompliziert. Wir müssen jetzt Lösungen finden und überlegen zum Beispiel auch, wie wir unsere Verpackungen noch nachhaltiger machen können.
Welche Verpackungen nutzt ihr derzeit?
Wir nutzen bereits Versandtaschen aus Papier mit doppelter Klebelasche, die man wiederverwenden kann, zum Beispiel für Rückversand oder andere Pakete. Alles, was bei uns ankommt, wird sortenrein getrennt und dem passenden Werkstoff zugeführt. Was Endkund:innen am Ende damit machen, können wir aber nicht kontrollieren. Auch nicht durch Registrierung oder Gebühren. Insgesamt ist das aber ein kleiner Teil unseres Unternehmensmülls. Der Großteil unseres Geschäfts macht B2B aus. Und da entsteht quasi kein Verpackungsmüll, weil wir Stoffe in großen Metallbehältern versenden, die zurückgehen und wiederverwendet werden. Genutzte Folie zum Regenschutz wird bei uns sortenrein entsorgt und wieder in den Kreislauf geführt.
Viele sind unsicher, wer wofür zuständig ist oder was bei den Registrierungen gilt. Wie geht es euch damit?
Wir sind nicht nur Textilhändler, sondern auch Textilerzeuger, das bringt zusätzliche Anforderungen. Unser Verpackungslieferant kommt aus der Region. Wir sind schon länger im Austausch, weil es auch in den letzten ein, zwei Jahren neue Kennzeichnungspflichten gab. Aber auch bei unserem Verpackungslieferanten merke ich Unsicherheiten bei dem Thema. Mittelständische Zulieferer haben keine großen Rechtsabteilungen, die sich durch EU-Definitionen arbeiten. Die hohen Bußgelder sorgen zusätzlich für Unsicherheit.
Wer setzt sich bei euch damit auseinander und was bedeutet das im Alltag?
Im Grunde alle, die mit der Geschäftsführung zu tun haben. Wir fühlen uns da ungerecht behandelt: Es sind mal wieder Regeln, die am Ende große Unternehmen schützen, weil sie Ressourcen haben, um sich dagegen zu wappnen. Kleine und mittelständische Betriebe werden ins kalte Wasser geworfen. Wenn manche EU-Staaten Bagatellgrenzen haben und andere nicht, verstärkt das das Ungleichgewicht zusätzlich. Ich glaube, es kann nicht das Ziel sein, dass wir die Kleinen gängeln und den Großen den Weg ebnen.
Lesen Sie auch:EU-Verpackungsverordnung: Das müssen Unternehmen wissen
Du hast gesagt, dass du hinter dem Anliegen der EU stehst, nur nicht hinter deren Umsetzung. Was hätte die EU anders machen können?
Sinnvoll wären Bagatellgrenzen gewesen, also Verhältnismäßigkeit. Ein Betrieb mit zehn Mitarbeiter:innen kann gar nicht so viel Verpackungsmüll verursachen, wie es an Aufwand kostet, alles zu monitoren und zu bezahlen. Außerdem hätte man Betriebe besser mitnehmen und vorbereiten müssen, statt sie im Prinzip allein auf Infos in Nachrichten oder auf Websites zu verweisen.
Die Verordnung ist ja auch nicht die erste, die die Bürokratie für Unternehmen erhöht.
Es werden viele richtige Ziele etwa mit der Verpackungsverordnung und auch mit den Nachhaltigkeitsberichten verfolgt. Das tut dem Planeten langfristig gut. Was mir fehlt, ist der Praxisbezug beim Erlassen solcher Verordnungen. Die Leute, die Posten bei der EU besetzen, sollten mehr praktischen Background haben und ein Fingerspitzengefühl dafür, was ihre Regeln dann bei mittelständischen Unternehmen auslösen.
Welche Teile der Verordnung sind für euch die größte Last?
Vor allem die Registrierung in einzelnen Ländern. Das ist ein finanzieller Aufwand. Hochgerechnet auf alle EU-Länder kommt man schnell in einen fünfstelligen Bereich. Das ist einfach eine finanzielle Hürde für uns. Dazu kommt die Unsicherheit durch die harte Durchsetzung der Verordnung und hohe Bußgelder. Das ist fast Hauptproblem: Man arbeitet unter dem Druck, Fehler und Strafen vermeiden zu müssen. Das lähmt und sorgt, dafür, dass wir uns im Fernabsatzhandel schwerer tun.
Kann man den Mehraufwand und die Mehrkosten auf eine Jeans herunterbrechen?
Wenn man die jährlichen Gebühren für die Registrierung in einem EU-Land auf Jeans umlegt, sind das grob etwa ein Euro pro Hose. Den geben wir nicht an die Kund:innen weiter, sondern müssen ihn über unsere Marge auffangen. Wir arbeiten nicht mit riesigen Margen wie große Textilunternehmen. Die haben Margen über 200 oder 300 Prozent, wir eher 20 bis 30 Prozent. Da kann so ein Euro schnell 15 bis 20 Prozent der Marge auffressen. Und der Verwaltungsaufwand ist da noch gar nicht eingerechnet.
Die Verordnung betrifft auch den Versand innerhalb Deutschlands. Was bedeutet das für euer Deutschlandgeschäft?
Damit haben wir uns schon vorher beschäftigt. Und weil unser Hauptmarkt Deutschland ist, haben wir hier viel mehr Bestellungen. Wenn man den Aufwand auf die Menge umlegt, ist er pro Bestellung geringer. Im EU-Ausland ist die Bestellmenge oft zu klein, sodass die Belastung pro Bestellung deutlich höher wird. Das ist etwas, das für viele kleine Unternehmen ein Problem ist. Dass es sich dann halt nicht mehr lohnt.
Welche Folgen erwartest du in den nächsten Jahren?
Im Optimalfall sinkt die Müllproduktion in der EU deutlich. Das Ziel waren bis 2040 um mindestens 15 Prozent. Gleichzeitig gibt es viel Unmut und Diskussionen, etwa über Vorschläge, die Registrierung um viele Jahre zu verschieben. Ich verstehe aber auch das Argument der Länder: Wenn ausländische Unternehmen Verpackungsmüll ins Land bringen und nichts zahlen, bleibt die Entsorgung am jeweiligen Land hängen. Ich bin gespannt, ob es Anpassungen gibt. Ich glaube, es wird sich wieder einpendeln und es wird Lösungen geben. Schade finde ich, dass vor allem kleine Unternehmen leiden und nicht die, die für einen sehr großen Anteil am Verpackungsmüll verantwortlich sind. Ware aus China wird dadurch zum Beispiel weiterhin nicht wirklich geregelt.
Und was erwartest du für Manomama mit Blick auf die Verordnung?
Wir gehen unseren Weg weiter. Ich behaupte selbstbewusst: Wir machen vieles nachhaltiger und innovativer, als die EU es bislang vorsieht. Wir wollen Kreisläufe noch stärker schließen. Und wir übernehmen seit 17 Jahren Verantwortung für die Produkte selbst: Wenn eine Jeans oder ein T‑Shirt kaputtgeht, kümmern wir uns um Reparatur oder um sortenreine Entsorgung bzw. Recycling. Einen großen negativen Nachhaltigkeits-Impact für uns sehe ich deshalb wenig, weil wir in einem anderen Nachhaltigkeits-Scale arbeiten.