Für Eva Kerig war ihre Wohnung lange Zeit der perfekte Lebensort. 2008 entschied sich die Augsburgerin, Hessen zu verlassen und in ihre Heimatstadt zurückzukehren. An der Grenze von Kriegshaber zu Pfersee baute sie ein Haus, das ihren Vorstellungen entsprach. Das obere Stockwerk vermietete Kerig. Seither lebt sie auf zwei stilvoll eingerichteten Etagen mit hübschem Garten. Doch nun kommt die alleinstehende 79-Jährige an ihre Grenzen. „Es belastet mich zusehends, es ist mir zu viel“, sagt sie. Lange suchte Kerig eine kleinere, adäquate Wohnung. Doch der Mietmarkt ist angespannt.
Ältere Menschen leben in Deutschland häufig auf einer vergleichsweise großen Wohnfläche. Der Grund ist klar: Vor Jahrzehnten waren Häuser oder größere Wohnungen – verglichen mit heutigen Kaufpreisen – noch erschwinglich. Ein geläufiges Beispiel: Ein Ehepaar zieht mit seinen Kindern in ein Haus. Später ziehen die Kinder aus. Das Paar – oder nur einer, sollte einer der Partner verstorben sein – bleibt zu zweit oder allein in dem großen Haus zurück. Eine kleinere, noch dazu altersgerechte Wohnung für einen bezahlbaren Preis oder Miete zu finden, ist heute schwierig. Das Resultat: Ältere Menschen bleiben auf der ausladenden Wohnfläche, obwohl sie diese eigentlich nicht benötigen, ja sie sogar teilweise überfordert.
Wohnen in Augsburg: Senioren zahlen durchschnittlich eine deutlich geringere Miete
Laut dem Bayerischen Rundfunk, der die Zensusdaten 2022 ausgewertet hat, werden große Wohnung in Augsburg (über 80 Quadratmeter) zu knapp einem Viertel von Seniorinnen und Senioren bewohnt. In anderen Teilen Bayerns, etwa am Alpenrand, liegt die Quote bei bis zu 40 Prozent. Hintergrund ist allzu oft, dass ein Umzug in eine kleinere Wohnung mit höheren monatlichen Kosten verbunden wäre. Demnach zahlten Haushalte mit Seniorinnen und Senioren 2022 in Augsburg eine durchschnittliche Bestands-Kaltmiete von 436 Euro. Haushalte ohne Senioren mussten hingegen 521 Euro an Kaltmiete pro Monat berappen.
Eva Kerig kennt die Problematik aus eigener Erfahrung. Seit etwa zwei Jahren habe sie das Gefühl, dass ihr ihre jetzige Wohnung zu viel ist. „Mir geht es noch gut, aber die Aussicht ist klar“, sagt sie. „Völlig verrückt“ mache sie vor allem der Garten. „Ich kann nicht mehr auf Knien durch den Garten rutschen.“ Seit mehr als einem Jahr habe sie deshalb über die Zeitung und das Internet nach einer kleineren, altersgerechten Wohnung gesucht. „Ich möchte so lange wie möglich selbstbestimmt leben“, sagt sie. Kerig ist es wichtig, in „ihrem“ Stadtteil Pfersee zu bleiben. Das schränkt die Suche ein. Die 79-Jährige wurde nach kurzer Zeit desillusioniert: „Ich habe mir, naiv, wie ich war, vorgestellt, dass eine kleinere Wohnung günstiger ist“, erzählt sie.
Geringe Nachfrage: Wohnungstausch-Angebot in Augsburg fand kaum Resonanz
Die Geschichte von Eva Kerig ist kein Einzelfall. Die städtische Wohnbaugruppe hat deshalb vor einigen Jahren das Wohnungstausch-Angebot „Umziehen für Familien“ ins Leben gerufen. Das Projekt richtet sich an alleinstehende Mieter der WBG mit einer Wohnung über 75 Quadratmeter, die sich vorstellen können, in eine kleinere Wohnung umzuziehen und somit Geld zu sparen. Gleichzeitig soll dadurch mehr Wohnraum für Familien geschaffen werden. Doch die Nachfrage war überschaubar. Auf Anfrage erklärt die WBG, dass sich eine nennenswerte Nachfrage älterer Mieterinnen und Mieter nach kleineren Wohnungen nicht feststellen lasse, von regelmäßigen Anfragen ganz zu schweigen. „Seit Anbeginn unseres Programms haben keine fünf Wechsel auf dessen Grundlage stattgefunden“, heißt es.
Die WBG führt die geringe Nachfrage darauf zurück, dass die Wohnungsgröße allein für viele Menschen kein ausreichender Grund für einen Umzug sei. „Gerade wer seit vielen Jahren in seiner Wohnung lebt, ist mit seinem Zuhause und dem vertrauten Wohnumfeld verbunden.“ Hinzu komme, dass sich die monatliche Mietbelastung durch den Wechsel in eine kleinere Wohnung nicht zwangsläufig erheblich reduziere. Der organisatorische und persönliche Aufwand eines Umzugs stehe damit nicht immer in einem ausreichenden Verhältnis zu dem finanziellen Vorteil, so die WBG.
Augsburger Seniorin zu hohen Mietpreisen: „Ich werde in den sauren Apfel beißen müssen“
Das musste auch Kerig feststellen. Bei der langwierigen Wohnungssuche stieß sie schließlich auf ein Neubauprojekt in Pfersee. „Das war eine zähe Angelegenheit. Es hat unglaublich lange gedauert“, sagt sie. Unterschrieben sei zwar noch nichts, aber nun habe sie sich „eingeklinkt“. Die Mietpreise seien erschreckend. Künftig werde sie für eine 60-Quadratmeter-Wohnung mit Balkon mit Nebenkosten monatlich rund 1300 Euro zahlen. „Ich habe 1400 Euro Rente. Mich rettet, dass ich meine aktuelle Wohnung vermieten kann.“ Eine Alternative hat Kerig nicht. „Ich werde in den sauren Apfel beißen müssen“. Mit dem Einzug rechnet sie für das kommende Frühjahr.