Stand: 24.08.2026 17:09 Uhr

Am 22. Verhandlungstag im Mordprozess zum Fall Fabian hat sich zum ersten Mal die Angeklagte geäußert. In einer mehrstündigen Aussage beteuerte sie ihre Unschuld und machte einigen Zeugen schwere Vorwürfe.

von Andreas Frost

In Prozess um den Tod des kleinen Fabian aus Güstrow am Landgericht Rostock hat sich am Montag zum ersten Mal die Angeklagte geäußert. Gina H. bestritt dabei, etwas mit dem Mord an dem Jungen zu tun zu haben. Sie wiederholte als Alibi, was aus dem bisherigen Prozessverlauf bereits bekannt war. Demnach war am Tag von Fabians Verschwinden, dem 10. Oktober 2025, morgens der Hufschmied auf ihrem Grundstück in Reimershagen (Landkreis Reimershagen), danach war sie bei einer Bank in Güstrow und dann bei einem langen Spaziergang in einem Wald südlich von Klein Upahl unterwegs. Von da aus sei sie zu einem Treffen mit einem Bekannten am sogenannten Bolzsee gefahren, das gegen 13 Uhr stattgefunden habe. Die Ermittler gehen davon aus, dass Fabian zwischen 11 und 15 Uhr entführt und ermordet wurde. Gina H. beteuerte, sie hätte Fabian „nie etwas antun können“. Am Ende der rund vierstündigen Einlassung sagte sie: „Hätte ich ihn ermordet, hätte ich bestimmt das Gefühl gehabt, mein eigenes Kind zu ermorden.“ Gina H. hat einen Sohn.

Die Angeklagte Gina H. im Gerichtssaal neben einem ihrer Verteidiger.

Der Richter droht mit einem Verbot von elektrischen Geräten. Auch wurden Videos gezeigt, wie Gina H. ihr Pferd schlägt.

Gina H. fand toten Fabian

Fabian war der Sohn ihres damaligen Ex-Freundes, der sich im August 2025 von ihr getrennt hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft Gina H. vor, das Kind am 10. Oktober aus der Wohnung seiner Mutter in Güstrow gelockt und an einem Tümpel bei Klein Upahl erstochen zu haben. Später soll sie zurückgekehrt sein, um den Leichnam anzuzünden. Das tote Kind wurde vier Tage später gefunden – von Gina H. Sie wurde Anfang November verhaftet. Die Staatsanwaltschaft unterstellt in ihrer Anklage, Gina H. habe geglaubt, Fabian sei bei ihrem Bestreben im Weg gewesen, die Beziehung mit Fabians Vater wieder aufnehmen zu können. Dem widersprach die Angeklagte nun. Der Junge, der lange Zeit Teil der Patchwork-Familie war, habe nie zwischen ihr und seinem Vater gestanden. Sie habe gewusst, den Vater nur „im Doppelpack“ mit seinem Sohn bekommen zu können.

Abgesprochenes Alibi

Gina H. machte außerdem einem Zeugen schwere Vorwürfe. Mit ihm war sie nachts am Fundort der Leiche, bevor sie am nächsten Morgen der Polizei mitteilte, sie habe Fabian zufällig während eines Spaziergangs mit einer Freundin entdeckt, weil ihr Hund zu dem Tümpel gelaufen sei. Dem einen warf sie vor, sie „vernichten“ zu wollen. Bei dem Mann handelt es sich um einen Nachbarn von ihr in Reimershagen, mit dem sie seit mehreren Jahren vertrauensvollen Kontakt hatte. Mit ihm hatte sie für den 10. Oktober vergangenen Jahres, dem Tag an dem Fabian verschwand, ein Alibi abgesprochen. Dieses hatte der Nachbar später bei der Polizei und als Zeuge vor Gericht nicht aufrechterhalten.

Angeklagte bezichtigt Zeugen der Lüge

Vor dem Langericht Rostock steht eine große Menge an Menschen schlange.

Die Schlange vor dem Langericht Rostock war am Montagmorgen außergewöhnlich lang.

Als Grund für den angeblichen Zerstörungswillen des Nachbarns gab Gina H. an, der Mann habe eine Beziehung mit ihr gewollt und sich offenbar Hoffnungen gemacht, nachdem sich Fabians Vater von ihr getrennt habe. Sie unterstellte, er habe nicht akzeptieren wollen, dass sie trotzdem die Beziehung zu Fabians Vater erneuern wollte. Sie bezichtigte den Nachbarn, vor Gericht gelogen und bestimmte Ereignisse konstruiert zu haben. So habe sie ihm keineswegs Schuhe zum Aufbewahren anvertrauen wollen, die sie am Tattag getragen haben soll. Auch habe sie in seinem Schuppen nie ein Messer wahrgenommen, das dieser Nachbar im Oktober der Polizei übergab, nachdem er es einige Zeit vermisst hatte. Als Zeuge hatte er berichtet, kurz nachdem er Gina H. um HIlfe bei der Suche gebeten habe, sei es für ihn überraschend wieder aufgetaucht. Die Anklagte sagte auch, dass der Mann über den Ablauf der nächtlichen Ereignisse am Tümpel nicht die Wahrheit gesagt habe. Das warf sie auch dem zweiten Mann vor, mit dem sie ebenfalls schon vorher dort war. Beide hätten sie bedrängt, nicht die Polizei zu holen.

Angeklagte widerspricht Vorwürfen

Die 30-jährige Angeklagte bemühte sich zudem, viele andere Indizien, die für ihre Tatbeteiligung sprechen könnten, zu widerlegen. Auch versuchte sie, ein anderes Bild von sich selbst zu zeichnen, als es durch den öffentlichen Prozessverlauf bislang entstanden ist, und beklagte den „Hass“, der ihr in den sozialen Medien entgegenschlüge. Unter anderem widersprach sie dem Vorwurf, sie würde ihre fünf Pferde mehr lieben als ihren kleinen Sohn, was sie sehr verletze. Ihre Liebe zu ihrem Sohn sei viel intensiver als zu den Tieren. Gleichwohl seien ihre Pferde ihre „Familie“ mit „bedingungsloser Zuneigung“ gewesen. Solchen Trost habe sie bei keinem Menschen gefunden. Gina H. wollte auch den Eindruck nicht stehen lassen, sie habe zahlreiche intime Beziehungen zu Männern gehabt und habe diese „manipuliert“. Sie räumte allerdings ein, eifersüchtig zu sein. Sie verlange von ihrem Partner, so treu und loyal zu sein, wie sie selbst es sei; bei Kontakten zu anderen Frauen könne sie zum „Raubtier“ werden. Andererseits berichtete sie allerdings, sie selbst habe sich während ihrer Beziehung mit Fabians Vater von einem befreundeten Nachbarn äußerst anzügliche Nachrichten und Bilder schicken lassen.

Anwältin von Fabians Mutter: Mordvorwurf nicht widerlegt

Die Verteidiger berichteten, sie hätten die 95-Seiten-Aussage nach vielen Gesprächen mit Gina H. verfasst und versucht, dabei ihren Tonfall zu treffen. Es sei ihr nichts in den Mund gelegt worden. Rechtsanwalt Andreas Ohm fand, Gina H. sei „sehr ehrlich“ gewesen. Staatsanwalt Harald Nowack sagte, vieles von dem, was Gina H. vorgetragen habe, sei nicht mit dem bisherigen Prozessverlauf in Einklang zu bringen. Christine Habetha, die Anwältin von Fabians Mutter, die als Nebenklägerin am Prozess teilnimmt, hingegen sagte: „Gina H. suhlt sich in ihrer Opferrolle.“ Die lange Aussage sei nicht geeignet, den Mordvorwurf zu widerlegen. Es sei klar gewesen, dass Gina H. versuchen würde, die Belastungszeugen unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Für den Prozess sind fünf weitere Verhandlungstage bis zum 10. September vorgesehen. Ob Gina H. noch Fragen des Gerichts beantworten wird, steht nach Angaben ihrer Anwälte noch nicht fest.

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