Als Ben Jochum zusammen mit Miguel Heinemann und einem weiteren Fahrer am Sonntag das letzte Mal durchs Ziel in Heilbronn fuhr, um die Schlussrunde von 28 Kilometern unter die Pedale zu nehmen, da jubelten ihm dort die Verantwortlichen seines Continental-Teams Lotto Kern-Haus zu und platzten fast vor Stolz. Der 22 Jahre alte Wuppertal hatte sein Team bei der Deutschland-Tour zum wiederholten Mal in den Blickpunkt gefahren und für viel Fernsehpräsenz gesorgt, denn natürlich war die Führungsgruppe, in der sich Jochum auf den vier Etappen der Tour mehrfach befunden hat, bei ARD und ZDF immer wieder im Bild.

„Das gehörte schon zu meinen Top-3 Erlebnissen bei Straßenrennen“, sagt der Wuppertaler am Tag danach, zurück in der Heimat, wo er nur für einen Tag ist. Am Dienstag geht es für ihn schon wieder los nach Frankfurt/Oder zum Nationalmannschaftslehrgang des Bahnteams, mit dem er seine bisher größten Erfolge gefeiert hat.

Dass er aber auch auf der Straße etwas drauf hat, konnte er bei der Deutschlandtour eindrucksvoll zeigen, auch wenn sein Angriff auf den Sieg in der Bergwertung, den er angepeilt hatte, mit Platz zwei nicht ganz gelang. „Der zweite Platz zählt leider wenig, du brauchst schon Platzierungen, um dich für andere Teams zu empfehlen.“ In der Gesamtwertung spielte Jochum keine Rolle. Bei der Deutschlandtour bot die Bergwertung aber eben den Teams aus der zweiten Reihe, zu denen Lotto Kern-Haus gehört, die Gelegenheit, sich im Reigen der Profiteams wie Emirates, Quick-Step oder Lidl-Trek mal zu zeigen. Insofern gönnte Jochum auch seinem Kontrahenten Miguel Heidemann vom Continental-Team Rembe Rad-Net den Sieg in der Bergwertung.

Nachdem Jochum auf der zweiten Etappe bereits zwei Bergpunkte gesammelt und dann auch am Samstag auf der Königsetappe den ersten und den zweiten Anstieg – den legendären Kalmit im Nordpfälzer Bergland – in einer Ausreißergruppe als Zweiter bewältigt hatte, setzte er am Schlusstag noch einmal alles auf eine Karte und fuhr mit fünf weiteren Ausreißern gleich wieder weg. „Die Profiteams bleiben da gelassen. Die wissen, dass sie zwei, drei Minuten Vorsprung locker wieder aufholen können, um für die Zielankunft ihre Sprinter in Position zu bringen“, erklärt Jochum. Er wollte die Gelegenheit nutzen, um seinen bis dahin sechs Bergpunkten weitere hinzuzufügen und Heidemann, der es bereits auf elf gebracht hatte, vielleicht noch gefährlich zu werden. „Als Miguel dann mit in der Ausreißer-Gruppe war, wusste ich, dass das nicht mehr gelingen kann“, so Jochum. Nichtsdestotrotz fuhr er weiter mutig vorne mit und setzte sich mit zwei weiteren Ausreißern noch einmal ab. Das Trio wurde dann erst 14 Kilometer vor dem Ziel gestellt. „Wenn das Feld heranrauscht, hast du keine Chance“, so Jochum. Das musste auch Toursieger Isaac del Toro erfahren, der am letzten Anstieg ausriss, sich auch den Etappensieg holen wollte, aber 100 Meter vor dem Ziel noch eingeholt wurde. Bei der Siegerehrung durfte Ben Jochum immerhin neben del Toro & Co ein wenig im Rampenlicht stehen. Er wurde als „mutigster Fahrer“ der Schlussetappe ausgezeichnet.

Ab sofort gilt der Fokus des Wuppertalers aber wieder der Bahn. Sein Ziel ist schließlich, im deutschen Team bei der WM in Shanghai mitfahren zu dürfen. Die findet im Oktober statt. Vorher geht es nach dem Lehrgang in Frankfurt/Oder noch für drei Woche in die Höhe in die spanische Sierra Nevada. Ein wenig Höhenluft hat er bei der Deutschlandtour schon mal geschnuppert. gh