Der Spiegel-Journalist in Merseburg versucht, Westfals Tirade zu ignorieren, während der weiter tönt: „Wollen Sie eine Anzeige?“ Westfal stimmt wenig später auch Sprechchöre „Der Spiegel muss weg“ und „Lügenpresse“ mit einer Gruppe junger Leute an, während das Team abgeschirmt hinter einem Polizeifahrzeug steht.
Nach den Bildern vom Wochenende schrieb AfD-Politiker Hans-Thomas Tilschneider auf X, er finde „den unmöglich“ und meinte Matthäus Westfal. Tilschneider war Gründer der „Patriotischen Plattform“ von Mitgliedern des aufgelösten Höcke-Flügels. Er könnte der Bildungsminister werden, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt regieren kann und will, und er ist in der AfD eine Hausnummer. Aktivist Mann, schrieb Tilschneider, habe „schon in Querfurt körperlich höchst aufdringlich Interviews gestört.“ Ihn würde es deshalb „nicht wundern, wenn der einen Auftrag als agent provocateur hätte“.
Bei Sturm auf den Reichstagstreppen ganz vorne
Tilschneider hat das Posting mit dem Vorwurf des eingeschleusten Unruhestifters gelöscht, kommentieren wollte er das auf Nachfrage nicht. Es hat vielleicht damit zu tun, dass AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund eine Woche vorher noch Matthäus Westfal und einem anderen Kanal explizit gedankt hatte. Im Podcast „Ben ungeskriptet“ sagte er, Aktivist Mann reise ihm nach, und dadurch hätten die Bürger vier, fünf Stunden Gelegenheit, „ungefiltert“ dem Wahlkampf zu folgen.
Siegmund ergänzte auf t-online-Anfrage am Montag: Westfal habe auf anderen Veranstaltungen gezeigt, dass es „wichtig sei, dass live gestreamt wird, über lange Zeiträume“. So etwa bei der Begegnung mit Fabian Köster von der ZDF-„Heute Show“, der am Donnerstag bei einem Siegmund-Termin war. Es sei wichtig, dass man zeige, wie „solche Berichterstattungen im Öffentlich-Rechtlichen entstehen“.
Es brauche aber ein Niveau, „auf dem alle vernünftig arbeiten können“ und dazu Regeln. „Wenn dagegen verstoßen wird, dann sprechen wir mit diesen (Leuten).“ Das habe man gemacht. Man habe sich bei AfD-Veranstaltungen an die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu halten, niemand werde mit Gewalt an seiner Arbeit gehindert.
Siegmunds Lob für Westfal, „ungefiltert“ Wahlkampf darzustellen, gibt dessen Arbeit aber nur eingeschränkt wieder. Im Verfassungsschutzbericht 2022 von Nordrhein-Westfalen fand sich Westfal wieder als „relevanter Multiplikator in der Szene der Delegitimierer“, der „Kontakte in weite Bereiche der Delegitimierungs- und rechtsextremistischen Szene“ halte.
Von ihm gingen Bilder um die Welt von den Treppen des Reichstags am 29. August 2020. Westfal filmte dort an der Spitze der Menschen, die von drei einsamen Polizisten am Eindringen abgehalten wurden. „Presse, wir sind Presse“, rief er im einen Moment den Polizisten zu, die die Menschen zurückdrängen wollten – und dirigierte im nächsten Satz die Menschen um ihn rum: „Hinsetzen!“ Westfal stachelt auf, Demonstranten um ihn – und Zuschauer an den Rechnern.
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