Bielefeld. „Ach guck, ein Silberfischchen. Harmlos. Kennt man. Gehört dazu.“ Wer nachts im Haus ein flinkes Krabbeltier entdeckt, sollte lieber genauer hinschauen. Denn möglicherweise ist da gar kein Silberfischchen unterwegs, sondern ein Verwandter – und der ist nicht ganz so harmlos.

Das Papierfischchen wurde hierzulande erstmals 2007 in Hamburg nachgewiesen. Seit den 2010er-Jahren berichten Fachleute zunehmend über Funde in Archiven, Bibliotheken, Museen und privaten Gebäuden. „Papierfischchen stammen aus Südostasien und sind in den letzten Jahren zunehmend in unsere Breiten eingewandert“, berichtet Dr. Marcus Stumpf, Leiter des LWL-Archivamtes für Westfalen.

Dass in Bielefeld immer öfter Papierfischchen gemeldet werden, bestätigen mehrere örtliche Fachbetriebe. Laut den Bielefelder Schädlingsbekämpfern gibt es seit einigen Jahren vermehrt Meldungen. Besonders seit der Corona-Zeit, als die Bielefelder mehr Zeit zu Hause verbrachten, meldeten sie immer öfter Fischchen-Sichtungen.

Anfragen steigen bei Schädlingsbekämpfern rapide an

„Die Anfragen steigen bei uns seit Jahren rapide an“, sagt Eike Hennig vom Bielefelder Schädlingsbekämpfungs-Fachbetrieb Vermin. Ein größerer Befall in Münster, über den auch in den Medien berichtet wurde, habe die Menschen zusätzlich sensibilisiert. Panik sei trotzdem nicht angebracht: „Die Tiere übertragen keine Krankheiten, und bislang sind in Bielefeld keine größeren Schäden bekannt.“ Schnell vermehren sie sich ohnehin nicht. Dafür werden Papierfischchen mit bis zu zehn Jahren ziemlich alt.

Als wichtigster Verbreitungsweg gilt der Warenverkehr. Papierfischchen können sich in den Zwischenräumen von Wellpappe verstecken und so mit Versandkartons, Umzugskartons oder anderen Verpackungen in Wohnungen gelangen. Das Umweltbundesamt nennt außerdem Paletten, Füllmaterial und bestimmte Baustoffe als mögliche Transportwege.

Der Boom des Onlinehandels könnte die Entwicklung begünstigt haben. In Deutschland wurden 2019 rund 3,65 Milliarden Pakete verschickt. Während der Corona-Pandemie stieg die Zahl um beinahe eine Milliarde. Mit den Kartons kamen damit auch immer mehr potenzielle Transportmöglichkeiten für die Tiere in die Haushalte.

Moderne Wohnungen und Häuser als idealer Unterschlupf


Gut zu unterscheiden, wenn man etwas genauer hinschaut. Oben der Silberfisch, unten das dunklere Papierfischchen. - © IMAGO

Gut zu unterscheiden, wenn man etwas genauer hinschaut. Oben der Silberfisch, unten das dunklere Papierfischchen.
| © IMAGO

Auch die Bauweise moderner Wohnungen spielt nach Einschätzung von Experten des Umweltbundesamts eine Rolle. Gipskartonwände, Hohlräume, Fugen und gut isolierte Räume bieten den Tieren geeignete Verstecke. Papierfischchen mögen es warm und kommen mit einer für Wohnräume normalen Luftfeuchtigkeit zurecht. Deshalb sind sie nicht – wie Silberfischchen – automatisch ein Hinweis auf einen Wasserschaden oder zu hohe Feuchtigkeit.

Der Unterschied zwischen beiden Arten: Papierfischchen sind mit bis zu etwa 15 Millimetern Körperlänge größer als Silberfischchen und eher bräunlich-grau gefärbt. Ihre drei Schwanzfäden sind auffällig lang. Silberfischchen sind meist kleiner, silbrig und vor allem in feuchten Räumen wie Badezimmern, Küchen oder Kellern anzutreffen. Papierfische kommen auch mit Trockenheit zurecht.

Zum Thema: Riesenschäden in Stadtarchiv im Kreis Gütersloh durch Papierfischchen?

Gefährlich sind Papierfischchen nicht. Sie können allerdings Schäden anrichten. Besonders betroffen sind Institutionen und Sammlungen, die Papier, Karton und andere cellulosehaltige Materialien lagern: vor allem Archive, Bibliotheken, Museen und Behördenregistraturen. Dort fressen sich Papierfischchen durch Bücher, Akten, historische Dokumente, Fotos, Tapeten und Verpackungen – oft mit irreparablen Fraß- und Lochschäden, die im schlimmsten Fall jahrhundertealte Bestände zerstören und teure Restaurierungen erfordern, heißt es beim Landesarchiv Baden Württemberg.

Ist es wirklich ein Papierfischchen?

Wer ein Tier entdeckt, sollte zunächst prüfen, ob es sich tatsächlich um ein Papierfischchen handelt. Klebefallen entlang von Fußleisten können helfen, die Aktivität zu beobachten. Kartons sollten nicht über längere Zeit in der Wohnung gelagert werden. Papier, Pappe und Verpackungen gehören möglichst schnell ins Altpapier beziehungsweise in den vorgesehenen Abfall. Ritzen und Fugen an Fußleisten, Wänden und Türen sollten abgesaugt und – sofern möglich – abgedichtet werden.

Bei einem stärkeren Befall reichen solche Maßnahmen meist nicht aus. Das Umweltbundesamt bezeichnet die Bekämpfung als schwierig und empfiehlt, eine professionelle Schädlingsbekämpfungsfirma einzuschalten. In Mehrfamilienhäusern kann es außerdem sinnvoll sein, die Hausverwaltung zu informieren, weil sich die Tiere über Hohlräume und angrenzende Wohnungen ausbreiten können.

INFORMATION

Nur eine Fischchen-Art lebt in freier Natur

Fischchen sind nachtaktive, flügellose Insekten. Ursprünglich stammen sie aus den Tropen und Subtropen. Einige Arten haben sich jedoch längst weltweit in menschlichen Wohnungen und Gebäuden ausgebreitet.

  • Silberfischchen sind die bekanntesten Vertreter. Sie mögen es warm und feucht und sind deshalb häufig in Badezimmern anzutreffen.
  • Ofenfischchen bevorzugen es noch wärmer und leben beispielsweise in Bäckereien.
  • Kammfischchen breiten sich in Deutschland zunehmend aus, vor allem im Süden.
  • Papierfischchen wurden erstmals 2007 in Norddeutschland nachgewiesen. Sie kommen inzwischen auch in Wohnhäusern vor und fühlen sich dort besonders wohl, weil sie – anders als Silberfischchen – auch mit trockener Raumluft gut klarkommen.
  • Geisterfischchen galten lange als tropische Art. 2017 wurden sie erstmals in Deutschland nachgewiesen.

Übrigens: In Mitteleuropa gibt es nur eine Fischchen-Art, die frei in der Natur lebt: das Ameisenfischchen. Es wohnt in den Nestern verschiedener Ameisenarten.