Der neue Stuttgarter Tiefbahnhof braucht keine Klimaanlage. Super. Wer möchte da noch über explodierende Kosten und endlose Bauzeit reden?

eine Kolumne von

Joachim Wille

Jetzt wissen wir endlich, wofür Stuttgart 21 gut ist. Der künftige Tiefbahnhof in der Hauptstadt von Ba‑Wü braucht keine Klimaanlage.

Das verkündet die Deutsche Bahn jetzt in einem Werbevideo mit jenem Stolz, den man sonst eher bei der Eröffnung eines pünktlich und im Kostenrahmen fertiggestellten Großprojekts erwarten würde. 

Die Erklärung klingt zunächst bestechend: Die Tunnel, die zu dem Bahnhof führen, liegen im ganzjährig rund 15 Grad kühlen Erdreich. Durch sie strömt Luft in die Bahnsteighalle und sorgt dort, so die DB, selbst bei Sommerhitze für angenehme Temperaturen. 

Joachim Wille ist Co-Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.

Ein gigantischer Erdkühlschrank also. Warum hat man uns das nicht früher gesagt?

Dann da erscheinen die inzwischen auf 14,5 Milliarden Euro taxierten Kosten für das Projekt gleich in anderem Licht. Ursprünglich waren für „S 21“ einmal rund 2,5 Milliarden Euro veranschlagt worden.

Kritiker streiten seit Jahrzehnten darüber, ob der Tiefbahnhof mit seinen acht Gleisen gegenüber dem heutigen Kopfbahnhof, der 16 hat, überhaupt genügend Reserven für mehr Verkehr besitzt. Hinzu kommen Fragen zu Brandschutz und Evakuierung, zur starken Längsneigung der Gleise und inzwischen auch zur komplizierten neuen Digitaltechnik.

Die Bahn selbst hat nach einer Konzernrevision gravierende Defizite bei Planung, Steuerung und Risikomanagement eingeräumt. Der Bahnhof soll nun erst Ende 2031 in Betrieb gehen, das Gesamtprojekt sogar erst 2033.

Aber immerhin: keine Klimaanlage.

In den sozialen Netzwerken wird bereits gefragt, ob nicht Züge, Tausende Reisende und die großen Lichtaugen ordentlich Wärme in die Halle bringen. Erinnert wird an heiße, stickige U-Bahn-Stationen, gerade auch in Stuttgart. Die S‑21-Gegner verlangen deshalb einen Klimastresstest.

Die Bahn hält dagegen: Topografie, kühles Erdreich und natürliche Luftströmung würden das Problem schon lösen.

Wünschen wir ihr, dass sie diesmal recht behält. Denn eine nachträglich einzubauende Klimaanlage wäre bei Stuttgart 21 fast schon symbolisch: noch eine technische Nachrüstung, noch ein paar Jahre Verzögerung, noch ein paar hundert Millionen Euro. 

Vielleicht sollte die Bahn ihre Werbung trotzdem etwas zurückhaltender gestalten.

Wer aus einem Projekt, dessen Kosten sich vervielfacht haben und dessen Inbetriebnahme immer wieder verschoben wurde, als besondere Erfolgsmeldung herausdestilliert, dass Fahrgäste unten nicht schwitzen werden, legt die Latte ziemlich niedrig.