Es geht dahin mit Berlin. Vor 20 Jahren hielten noch zwei von drei Deutschen ihre Hauptstadt für eine Metropole von Welt. Heute behaupten das nur noch 31 Prozent. Tendenz: fallend. Die Diskrepanz zwischen dem Berlin, das seine Besucher fasziniert, und dem Berlin, das seine Bewohner frustriert, wächst. Die Wahl im September wird daran nichts ändern.
Egal, wer die Stadt seit dem Regierungsumzug 1999 regiert hat, ob große Koalitionen, rot-grüne oder rot-rot-grüne: mehr denn je hängt Berlin heute am Tropf des Bundes und des Länderfinanzausgleichs. Aus einem im europäischen Vergleich günstigen Reiseziel ist eine Stadt geworden, in der es keinen Unterschied macht, ob man sie nur für ein paar Tage ansteuert oder dort lebt: Hotelpreise, Wohnungsmieten und der Immobilienmarkt sind quasi im Gleichschritt in die Höhe geschossen. So aber lockt man keine Unternehmen an, keine jungen Arbeitskräfte und auch keine neuen Touristen. Ein sichtbares Indiz: In den beiden vergangenen Jahren lagen die Übernachtungszahlen mit gut zwölf Millionen deutlich unter den 14 Millionen der Vor-Corona-Zeit.
Berlin 2026: Lauter, teurer, schmutziger
Es ist ein schleichender, aber kaum aufzuhaltender Prozess. Berlin ist mit den Jahren nicht nur immer teurer geworden, sondern auch immer lauter, immer schmutziger und immer noch ein Stück chaotischer. Der alte Slogan von Klaus Wowereit, die Stadt sei arm, aber sexy, gilt nicht mehr: Das Berlin des Jahres 2026 ist immer noch arm, aber nicht mehr sexy. Es kultiviert allenfalls seine Unfertigkeit und seine Widersprüche: Das latent Großmännische, zu dem der Berliner (oder die Berlinerin) kraft Herkunft neigt, steht im krassen Kontrast zum Kleinmut vieler Politiker, die sie wählen.
Die einen sind schon froh, wenn sie den Status quo halbwegs friktionsfrei verwalten und nicht so tölpelhaft in Fettnäpfchen tappen wie der amtierende Bürgermeister Kai Wegner, der lieber zum Tennis ging, als sich um einen großen Stromausfall zu kümmern. Die anderen träumen von einem Berlin, aus dem Autos systematisch verbannt, Wohnungskonzerne enteignet und die anderen Bundesländer finanziell noch stärker in die Pflicht genommen werden.
So schwindet die Strahlkraft der Hauptstadt immer weiter. Ihr kulturelles Angebot ist mit seinen Theatern, den Opern, Orchestern, Museen und einer quirligen freien Szene noch immer eines von Weltrang, in ihr zu leben oder sie zu besuchen, aber wird zunehmend beschwerlicher. Seit 2020 steigt die Zahl der Berlinerinnen und Berliner, die ihrer Stadt den Rücken kehren, alleine im vergangenen Jahr waren es 160.000, darunter viele junge Familien. Dass Berlin gleichwohl noch wächst, erklärt sich mit der hohen Zuwanderung, die aber mehr Probleme schafft als löst. Unter anderem haben sich die Kosten für die Unterbringung von Migranten in fünf Jahren fast verdreifacht – auf 900 Millionen Euro.
Die Stadt schmort zu sehr im eigenen Saft
Die Landespolitik steht all dem hilflos gegenüber. Der Versuch des Konservativen Wegner, sich als liberaler Metropolenbürgermeister neu zu erfinden, ist ebenso gescheitert wie die Versuche der Linken zum Scheitern verurteilt sind, die Hauptstadt mit ihren Enteignungsfantasien zu retten – ein deutsches Caracas, überspitzt formuliert. Berlin schmort zu sehr im eigenen Saft und bräuchte nichts dringender als einen starken Impuls von außen. Eine politische Frischluftzufuhr. Die Chance, einen Bürgermeisterkandidaten zu nominieren, der (oder die) frei von alten Abhängigkeiten agieren kann, hat jedoch keine Partei genutzt. Von links bis rechts – nur kleines Karo. Weit und breit ist kein zweiter Richard von Weizsäcker in Sicht, ja nicht einmal ein neuer Wowereit. Fast 40 Jahre nach dem Mauerfall wirkt die Berliner Politik noch immer wie eingemauert.