Wie ein vierbeiniges Topmodel stand sie da auf dem Abreiteplatz in der Aachener Soers, mit erhobenem Haupt, die Ohren gespitzt, aufmerksam die Umgebung betrachtend, ein bisschen von oben herab. Vor ihr buhlten zwei Dutzend Fotografen um das beste Foto der vierbeinigen Schönheit, neben ihr die Pflegerin Emma, die ihr vorsorglich eine Decke übergelegt hatte. Die 13-jährige Stute Dynamix de Belheme schien zu wissen, dass sie in diesem Moment am Sonntag das großartigste Pferd der Welt war, das seinen Reiter, den Schweizer Steve Guerdat, 44, zum Weltmeister gemacht hatte. Als einziges aller 145 Springpferde dieser Reit-Weltmeisterschaft hatte die Stute in fünf schweren Parcours alle Stangen und Mauersteine liegengelassen.

Die Gratulanten, die sich um den Reiter drängelten, erlebten einen nachdenklichen Steve Guerdat. Er hat jetzt alles gewonnen, was der Springsport bietet: 2012 wurde er Olympiasieger, 2023 Europameister. Er gewann mehrmals den Weltcup. Und jetzt den Weltmeister-Titel. Der Druck war groß im letzten Springen, Guerdat lag punktgleich mit dem deutschen Mannschafts-Weltmeister Daniel Deußer in Führung, der allerdings in beiden Umläufen patzte und aus den Medaillenrängen auf Rang sechs zurückfiel. „Als ich den letzten Sprung gesprungen war, kamen all die Gefühle hoch. Ich habe dafür im Moment noch gar keine Worte. Ich habe, was ich immer wollte, wovon ich immer geträumt habe“, sagte Guerdat.

Reit-WM

:In Aachen beben die Tribünen

Souverän gewinnen die deutschen Springreiter die Goldmedaille vor eigenem Publikum. Für Marcus Ehning, Olympiasieger schon 2000, ist es ein besonderer Triumph. Im Einzel geht er wie die Kollegen leer aus.

In diesem Augenblick sei er noch voller Stolz und Freude: „Ich will noch nicht von meiner Wolke runterkommen. Mein Leben wird nun anders sein, heute beginnt für mich definitiv etwas Neues“, betonte er. Er werde einige Zeit benötigen, um die Anspannung abzuschütteln, und diese Anspannung brauche er „in den nächsten zwei, drei Monaten nicht mehr. Aber ich bin sicher, dass ihr mich wiedersehen werdet“. Bedeutet der WM-Titel also doch nicht seinen Abschied? „Ich liebe es, meine Tage mit Pferden zu verbringen und auf Turniere zu fahren. Aber ich will mir etwas Zeit lassen und diese Zeit genießen“, sagte Guerdat.

Die Monate vor der Weltmeisterschaft waren weder für ihn noch für sein Pferd leicht. Zwei Rückenoperationen warfen den Schweizer immer wieder zurück, er konnte Dynamix nicht so trainieren wie geplant. Die sensible Stute hatte weniger vorbereitende Turnierauftritte als vorgesehen, verletzte sich dann auch noch auf der Weide, sodass der Start in Aachen sogar lange fraglich war.

Es waren nicht nur die besten Reiter und Pferde zu sehen, sondern insbesondere auch das beste Publikum

Neben Guerdat auf dem Podium stand die nächste Generation der Springreiter. Der belgische Silbermedaillengewinner Thibaut Spits, 25, führt die Rangliste der U25-Reiter an. Und der britische Bronzereiter Harry Charles, 27, fragte erst mal die KI-App Chat GBT um Rat, ob er mit seiner Stute Freda am Sonntag überhaupt starten solle, denn mit 7,17  Minuspunkten, die er bis zum Finale angesammelt hatte, waren seine Aussichten auf eine Medaille nicht rosig. „Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich“, habe die KI auf die Frage nach den Aussichten auf ein erfolgreiches Ende geantwortet. Die drei Medaillenreiter waren am Sonntag die einzigen, die in den beiden Finalrunden ohne Abwurf blieben.

Die Deutschen zeigten sich bei dieser Reit-WM als gute Gastgeber, was ihnen nicht zuletzt deshalb leicht fiel, weil sie mit 20 Medaillen souverän den Medaillenspiegel anführten. Sieben goldene, fünf silberne und acht bronzene wurden es am Ende für Deutschland, es folgten die USA (sechs Goldmedaillen) und Großbritannien (vier).

Noch bevor die letzte Hymne gespielt, die letzten Medaillen verteilt, die letzten warmen präsidialen Worte gesprochen und die letzten Pferde auf die Ehrenrunde galoppiert waren, stand fest: Aachen toppte bei dieser WM alles, was es bislang an Championaten gab. 500 000 Menschen kamen an den 13 Wettkampftagen in die Soers. Die Veranstaltung firmierte nicht mehr unter dem pompösen Namen „Weltreiterspiele“, sondern als Weltmeisterschaft in den sechs Disziplinen Vielseitigkeit, Dressur, Springen, Voltigieren, Vierspännerfahren und – zum ersten Mal dabei – Paradressur. Die Parareiter, die mit unglaublichen Leistungen auf ihren schönen und liebenswürdigen Pferden imponieren, sollen in Aachen weiterhin dazu gehören. Für sie wurden Ställe und andere Nebengebäude behindertengerecht gestaltet.

Obwohl Tierschützer bei dieser WM alle Aktionen in der Soers kritisch beäugten, fanden sie nichts, worüber sie sich erregten. Es gab keine schweren Unfälle, trotz der Hitze in der ersten Woche und den zeitweisen heftigen Regengüssen in der zweiten. Wenn es nach ihm ginge, könnte die WM alle vier Jahre in Aachen stattfinden, sagte Bronze-Gewinner Harry Charles.

Aachen erlebte nicht nur die besten Reiter und Pferde der Welt, sondern auch ein bemerkenswertes Publikum. Hier muss keine Polizei betrunkene oder gewaltbereite „Fans“ maßregeln, hier werden keine Knallfrösche und Bengalofeuer gezündet, sondern es wird gejubelt und geklatscht für jeden, der eine gute Leistung abliefert, egal, woher er kommt.