Die Welt ist äußerst gefährlich. Gut beraten ist, wer in Zeiten von Putin, Trump und Co. das Potenzial einer Krise früh erkennt. Germanist Jürgen Wertheimer erklärt, warum uns der Blick in die Literatur vor Russland hätte warnen können.
Wie schnell Krisen zu Konflikten eskalieren können, hat die jüngste Vergangenheit demonstriert. Ein Beispiel ist Russlands Eroberungskrieg gegen die Ukraine. Nur haben Deutschland und andere westliche Staaten viel zu oft viel zu spät Ausmaß und mögliche Folgen solcher Krisen erkannt. Ein „Frühwarnsystem“ wird sogar sträflich vernachlässigt, warnt Jürgen Wertheimer: die Literatur. Denn kaum ein anderes Medium könne Gefühle und Stimmungen innerhalb einer Gesellschaft in vergleichbarer Weise aufzeigen, so der Germanist.
Was kann die Literatur zur Früherkennung sich anbahnender Krisen und Konflikte leisten? Warum werden Warnungen vor Krisen von der Politik nicht ausreichend beherzigt? Und wie könnte ein literarisches Frühwarnsystem Europa vor Gefahren schützen? Diese Fragen beantwortet Jürgen Wertheimer, Leiter des „Projekts Cassandra“, im Gespräch.
t-online: Professor Wertheimer, die Welt ist – wieder – ein ziemlich gefährlicher Ort geworden. Sie raten dringend dazu, Literatur als „Frühwarnsystem“ für sich anbahnende Krisen, Konflikte und Kriege heranzuziehen. Wie kann das hilfreich sein?
Jürgen Wertheimer: Literatur kann sogar außerordentlich nützlich sein, um Konfliktpotenziale früh zu identifizieren. Die sozialen Medien gelten als schneller und griffiger in dieser Hinsicht, das Beispiel Ceuta und der kürzliche Ansturm von Migranten wird in dieser Hinsicht gern genannt. Tatsächlich können die sozialen Medien gut die Oberfläche, die Reaktionen eines solchen Ereignisses aufzeichnen. Doch zu diesem Zeitpunkt ist alles bereits geschehen oder nur noch schwerlich abwendbar.
Die Literatur bietet mehr?
Die Literatur leistet in der Tat mehr – und zwar liefert ihre Auswertung ein unbestechliches, realistisches und von Vorurteilen freies Bild davon, wie es in den Menschen und der Gesellschaft faktisch aussieht. So können wir in die tiefen Strukturen vordringen und nicht an der Oberfläche hängen bleiben. Gerade das Zusammenspiel zwischen der Auswertung von Literatur und sozialen Medien könnte deshalb ein ziemlich kompaktes Bild ergeben.
Zur Person
Jürgen Wertheimer, geboren 1947, ist Germanist und Komparatist. Bis zu seiner Emeritierung lehrte Wertheimer Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Bis heute ist der Forscher Leiter des „Projekts Cassandra“, das zur globalen Krisenfrüherkennung die Methoden der Literaturauswertung einsetzt. Zugleich ist Wertheimer Autor zahlreicher Bücher, kürzlich erschien sein Roman „Die Scharfseherin„.
Stößt Ihr literarischer Ansatz bisweilen auf Skepsis?
Natürlich. Literatur spielt als Motor der Erkenntnis nach wie vor kaum eine Rolle. Dabei ist sie die DNA der Kultur. Ich kenne kein anderes Genre, das so tief und unbestechlich in die Unterseite kollektiver Gefühle eindringt, wie das der Literatur. Deswegen betreibe ich zusammen mit anderen das „Projekt Cassandra“ – trotz allen Gegenwinds – unverdrossen weiter.