Auf einem Schild steht "Alles muss raus".

Stand: 25.08.2026 17:30 Uhr

Leerstände und schmuddelige Ecken sind ein Problem, mit dem viele Innenstädte zu kämpfen haben. Vermüllte Bereiche machen das Einkaufen weniger attraktiv. Einzelhändler haben ganz konkrete Ideen.

von Sabine Hausherr

Wenn die meisten Geschäfte noch geschlossen sind, ist Stadtreinigerin Jasmin Franik längst unterwegs. Jeden Morgen ab kurz nach 6 Uhr fegt sie in der Braunschweiger Innenstadt leere Coffee-to-go-Becher, Zigarettenkippen und herumfliegende Plastiktüten zusammen. Rund 1,9 Tonnen Müll sammelt ihr Team täglich ein – allein in der Innenstadt. „Da ist man innerlich schon ein bisschen enttäuscht und traurig“, sagt die 46-Jährige, während sie aus einem Blumenkübel eine Plastiktüte fischt. „Besonders vor leer stehenden Geschäften sammelt sich der Müll“, erzählt sie. „Da fühlt sich dann niemand so richtig zuständig.“

IHK veröffentlicht „Zentren-SOS“

Ein leeres Geschäft mit dem Schild "zu vermieten"

Auch für dieses Ladengeschäft wird derzeit ein Nachmieter gesucht.

Rund 100 Einzelhandelsflächen stehen nach Angaben der Stadt Braunschweig derzeit leer. „Leerstand verändert auch das Stadtbild und das Sicherheitsgefühl der Menschen“, sagt Olaf Jaeschke von der Industrie- und Handelskammer Braunschweig. Gerade hat die IHK Niedersachsen ein Papier mit dem Titel „Zentren-SOS“ herausgegeben. Darin verweist die Wirtschaftskammer darauf, dass „Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit“ zentrale Voraussetzungen für wirtschaftliche Stabilität und urbane Attraktivität seien. Denn Innenstädte funktionierten nur, wenn sich Kunden und Touristen willkommen und sicher fühlen.

Innenstädte strahlen auf gesamte Stadt aus

Ein leerstehendes Geschäft mit Graffiti-Schmiererei

Leerstehende Geschäfte können schnell zum Schandfleck werden.

„Dieses Sicherheitsgefühl ist längst zu einem entscheidenden ‚weichen‘ Standortfaktor geworden“, sagt Jaeschke. Nicht nur für die Wahl des Einkaufsortes, sondern auch für die Entscheidung, ob Unternehmen oder Immobilienentwicklungen lohnend erscheinen. Kein Wunder also, dass das Thema auch im Kommunalwahlkampf eine Rolle spielt. Während einige Parteien mehr Videoüberwachung und Kontrollen fordern, setzen andere Parteien auf mehr Grün, belebte Plätze und wollen so für mehr Leben in der Innenstadt sorgen.

„Die Stadt braucht Parkplätze und grüne Plätze“

Ein Pocketpark in der Innenstadt.

Diese kleine Oase wurde vor einigen Monaten in der Braunschweiger Innenstadt geschaffen.

Gerade etwa hat die Stadt Braunschweig einen Pocketpark eröffnet, und zwar genau da, wo früher Parkplätze waren. „Wir brauchen aber beides“, sagt Maria Meibohm vom Arbeitsausschuss Innenstadt. Sie ist selbst Einzelhändlerin und hat gemerkt, wie ein wieder eröffnetes Parkhaus bei ihr um die Ecke für eine Frequenzsteigerung gesorgt hat. „Gleichzeitig aber brauchen wir auch mehr Grün und Schatten in der Innenstadt, damit sich die Leute wohlfühlen.“

Wenn aus einem Laden ein Büro wird

Eine leerstehende Einkaufspassage wird gerade umgebaut

Die Stadt Braunschweig geht diesen Leerstand nun selbst an und will mit einem Erweiterungsbau für eine Schule und einem Hotel die leerstehende „Burgpassage“ wieder beleben.

Ein Anliegen aber treibt sie besonders um. Man könne nicht darauf warten, dass für jede leer stehende Verkaufsfläche wieder ein klassischer Einzelhändler gefunden wird. „Warum also nicht daraus Büros oder Agenturen machen?“, schlägt Meibohm vor. Sie wünscht sich, dass solche Umnutzungen einfacher werden. Derzeit seien dafür teilweise Bauanträge und zusätzliche Genehmigungen nötig. „Da müssen wir in eine neue Denke kommen“, sagt sie.

Forderung: Behörden in die Stadt

Und auch Olaf Jaeschke von der IHK Braunschweig hat ganz konkrete Wünsche an die Kommunalpolitiker, die ab September regieren werden. Er fordert, dass die Stadt wenigstens ihre Behörden oder etwa die städtische Musikschule in der Innenstadt unterbringt und kritisiert in diesem Zusammenhang, dass etwa das Einwohnermeldeamt am Stadtrand liegt. „Gerade so etwas bietet die Gelegenheit, dass Menschen nach einem Behördengang noch mal schnell eine Jeans kaufen oder einen Kaffee in der Stadt trinken“, ist er überzeugt.

Einkaufen allein reicht nicht mehr

Eines jedenfalls ist Buchhändlerin Maria Meibohm in den vergangenen Jahren klar geworden. Menschen kommen nicht mehr unbedingt nur in die Innenstadt, um Kleidung zu kaufen. Sie wollen etwas erleben und gehen gerne zu Veranstaltungen in die Stadt. Wenn Städte also viel anbieten, merkten das auch unmittelbar die Einzelhändler. Sie weiß aber auch: „Man muss als Einzelhändler aktiv werden“, sagt sie. „Wenn wir abends Lesungen machen, bringt das immer sehr viel“, sagt sie. „Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass der ein oder andere vor der Lesung noch in ein Restaurant in der Stadt geht.“

Das Ortsschild der Hansestadt Uelzen.

Ein Brunnen, der die „Hundert-Wasser-Geschichte“ erzählt, ist Kernstück des Projekts. Es soll das Schnellenmarkt-Quartier beleben.

Jeder kann etwas zu einer schönen Innenstadt beitragen

Stadtreinigerin Jasmin Franik jedenfalls hat auch noch eine Idee, wie die Stadt wieder für alle lebenswerter wird. „Wenn alle ein bisschen mehr Rücksicht nehmen und auch ihren Müll in die Mülleimer werfen, dann sieht einfach alles gleich viel schöner aus.“

Der Rathaus-Platz in Melle

Viele Innenstädte kämpfen ums Überleben. Förderprogramme sollen neue Chancen eröffnen – Melle zieht eine erste Bilanz.

Ein leerstehendes Geschäft an der Hauptstraße von Wittenburg in Mecklenburg.

In vielen norddeutschen Innenstädten stehen Geschäfte leer. Wie können Kommunen dem Problem begegnen?