Allerdings gibt es mittlerweile Ansätze, dies zu nutzen: Im Londoner Stadtteil Islington werden durch die Abwärme aus der U-Bahn über ein lokales Wärmenetz rund 1.300 Haushalte mit Heizleistung und warmem Wasser versorgt. Ähnliche Projekte gibt es weltweit immer häufiger.
Rosensteintunnel heizt Elefantenhaus
Auch in Stuttgart. So soll mit Abwärme aus dem Rosensteintunnel, einem knapp 1,3 Kilometer langen Straßentunnel, der seit März 2022 in Betrieb ist, das neue Elefantenhaus der Wilhelma beheizt werden. Bis es soweit ist, wird es noch etwas dauern – der Baubeginn des Elefantenhauses war erst Anfang dieses Jahres, fertig sein soll es 2030. Beteiligt an diesem Projekt war das Institut für Geotechnik der Universität Stuttgart, dessen Leiter Christian Moormann zu den Koryphäen zählt, wenn es um die thermische Nutzung von Tunneln geht. Bereits 2010 untersuchten Moormann und seine Institutskolleg:innen dies anhand der Stuttgarter Stadtbahnlinie U6. Und kamen zum Ergebnis: Pro Quadratmeter Tunnelwand könnten 30 bis 40 Wattstunden Wärmeenergie gewonnen werden.
Die Technik dabei: In die Tunnelschale werden sogenannte Absorberleitungen eingebaut, was man sich laut Moormann in etwa wie eine „invertierte Fußbodenheizung“ vorstellen darf: Statt Wärme freizugeben, wird sie mithilfe der Leitungen aus der Luft im Tunnel und dem umgebenden Erdreich gezogen.
Hat die Bahn nun recht?
Wie die Aussagen aus dem Bahn-Video zum Stuttgarter Tiefbahnhof zu bewerten sind, da ist Moormann allerdings zurückhaltend. Grundsätzlich sei es so, gibt er zu bedenken, „dass Verkehrstunnel das Potenzial für beides haben“, für Wärmenutzung und Kühlung. Für Letzteres nennt er als Beispiel den Grenztunnel Füssen an der deutsch-österreichischen Grenze, ein Projekt, an dem er und sein Institut beteiligt waren: Dort wird kaltes Bergwasser durch Rohrleitungen gepumpt und kühlt zum einen den Betriebshof des Tunnels, zum anderen kühlt es im Sommer die Fahrbahn, um Spurrillen zu vermeiden, und wärmt sie im Winter, um Eisbildung vorzubeugen.
Eine entsprechende Kühlung durch Wasserleitungen wird in den Stuttgarter Tunneln allerdings nicht umgesetzt, das wäre wegen des bei Wasserkontakt quellfreudigen Gesteins Anhydrit auch kritisch gewesen, sagt Moormann. Ohne eigene Untersuchungen und die Kenntnis aller Parameter will er sich jedoch kein abschließendes Urteil zu den künftigen Bahnhofstemperaturen erlauben. Die Stuttgart-21-Tunnel wie etwa der lange Fildertunnel seien „anders zu bewerten als ein Stadtbahn-Tunnel, durch den alle zehn Minuten eine Bahn fährt, und anders als ein Straßentunnel mit schwerem Lkw-Verkehr“. Plausibel für ihn ist, dass die Temperaturen im Fildertunnel recht konstant sein werden, ob die dann tatsächlich bei 15 Grad liegen, wie die Bahn nahelegt, mag er nicht bewerten. Aber auf jeden Fall sei beim Fildertunnel die Wärme aus der Tiefe nicht so ein Thema wie bei den langen und tief gelegenen Basistunnel durch die Alpen.