Eine halbe Stunde kreiste der Flieger mit den Spielern des THW Kiel über den Färöern, der kleinen Inselgruppe im Nordatlantik, dann die unliebsame Durchsage: Die Maschine müsse kehrtmachen. An Landung war auf dem Inselflughafen Vagar nicht zu denken, dichter Nebel behinderte die Sicht; also ging es zurück nach Dänemark, nach Aalborg, um dort die Nacht im Hotel zu verbringen. Tags darauf folgte der zweite Versuch: Diesmal klappte die Landung, und zwei Siege konnten die Kieler Handballer beim gut besetzten Vorbereitungsturnier auf den Färöern noch feiern.
Wenn die Kieler Handballer jetzt an diesem Donnerstag gegen den TBV Lemgo die neue Bundesliga-Saison eröffnen (19 Uhr, Dyn), sind sie vor lästigen Flugreisen erst mal sicher. Das ist zum einen eine gute Nachricht – wer nicht fliegt, muss auch nicht landen. Aber auch eine schlechte, denn die Kieler werden viele Auswärtsreisen mit dem Bus erledigen können. Erstmals seit 33 Jahren ist der Klub international nicht qualifiziert, die Champions League oder einer der kleinen Europapokale wurde verpasst. Und dieser Umstand hat in Kiel einiges auf den Kopf gestellt.
Die vergangene Saison mit Platz sechs in der Abschlusstabelle kostete Jicha den Job
Sogar dem Trainer ging es im Sommer an den Kragen. Mit Wechseln auf dieser Position geht der Klub bekanntlich sparsam um, in 33 Jahren gönnte sich Kiel zuletzt nur drei Coaches: Noka Serdarusic (1993 bis 2008), Alfred Gislason (2008 bis 2019) und Filip Jicha (2019 bis 2026). Das sind Werte, mit denen im Fußball höchstens der SC Freiburg mithalten kann. Doch die vergangene Saison mit Platz sechs in der Abschlusstabelle kostete Jicha den Job. Der Abschied fiel schwer, Jicha geht locker als Klublegende durch, erst im Herbst war sein Vertrag noch verlängert worden.
Ihm folgt nun Börge Lund, ebenfalls ehemaliger THW-Profi und norwegischer Nationalspieler, auf den sich Geschäftsführung und Aufsichtsrat des Klubs schnell einigen konnten. Lund ist ein Trainer, der viel auf Kommunikation und schnellen Handball setzt. Er soll den Kieler Spielern die Lethargie austreiben, die in der vergangenen Saison um sich griff.
Lund, 47, der vom norwegischen Klub Elverum kam, macht bislang den Eindruck, als habe er in Kiel seinen Traumjob übernommen. Bei jeder Gelegenheit spricht er über die Gänsehautstimmung, die er bei Heimspielen in der Ostseehalle verspüre. Neun Testspiele, neun Siege, die anfängliche Bilanz kann sich sehen lassen. Zuletzt wurde sogar der ungarische Champions-League-Stammgast Pick Szeged mit 42:32 nach Hause geschickt.
Soll den Spielern die Lethargie austreiben, die in der vergangenen Saison um sich griff: Kiels neuer Trainer Börge Lund. Fotoreport-DB/dpa
Ob das alles am neuen Trainer liegt? Vermutlich nicht, denn Lund hat es hier und dort leichter als sein Vorgänger Jicha. Während der Tscheche in der vergangenen Spielzeit oft den Mangel verwalten und Verletzung auf Verletzung beklagen musste, bekam Lund zum Einstand ein paar Hochkaräter präsentiert. Schon länger stand fest, dass die Mannschaft zur Saison 2026/27 kräftig verstärkt wird, mit Nationalspieler Julian Köster (VfL Gummersbach) und dem slowenischen Mittelmann Domen Makuc (FC Barcelona). In einem Jahr, wenn Kreisläufer Justus Fischer aus Hannover nach Kiel übersiedelt, wird der Umbruch weitere Schubkraft erhalten.
Unter Lund hat das Kieler Spiel erkennbar an Tempo und Zielstrebigkeit zugenommen. Auf den Färöern und gegen Szeged leitete Makuc das Spiel zusammen mit Co-Mittelmann Elias Ellefsen à Skipagötu rasant an. Julian Köster war auf Halblinks und im Abwehrmittelblock gesetzt. Die neuen Außenspieler Vincent Büchner (gerade noch verletzt) und Jarnes Faust sollen helfen, die Geschwindigkeit hochzuhalten. Und wenn alles nichts hilft, steht hinten noch ein Torhüterduo, das an guten Tagen alle Angriffsspieler dieser Welt zur Verzweiflung treiben kann: Gonzalo Pérez de Vargas und Andreas Wolff.
Auch andere Bundesligisten rüsten auf, zur Saison 2027/28 kommen die Costa-Brüder nach Flensburg
„Wenn diese Mannschaft halbwegs gesund bleibt, dann hat sie das Potenzial, jeden Gegner zu schlagen“, sagte Aufsichtsratschef Kai Kruse bei der Auftakt-Pressekonferenz in einem Kieler Kino. Das klang schon wieder latent nach dem alten Selbstverständnis des Rekordmeisters. Das Ziel für die neue Saison ist klar: Deutscher Meister muss der THW nicht direkt werden, dazu ist der Rückstand auf Spitzenteams wie den SC Magdeburg (der gerade den Supercup gewann) oder die Füchse Berlin vermutlich noch zu groß. Die Rückkehr ins internationale Geschäft dagegen ist Pflicht. Dabei soll helfen, dass die Kieler bei der Kaderplanung einen Schritt früher dran sind als mancher Konkurrent: Auch andere Bundesligisten verstärken sich, zur Saison 2027/28 kommen die Costa-Brüder nach Flensburg, die Füchse Berlin freuen sich dann auf Simon Pytlick und Dika Mem. Kiel hat Köster und Makuc jetzt schon bekommen.
Als weiterer Zugang darf gewiss auch Emil Madsen gelten. Elf Monate hatte der dänische Nationalspieler nach seiner Knieoperation aussetzen müssen; jetzt gab er im Test gegen Szeged sein Comeback, sogar etwas früher als erwartet. Madsen wurde von der Kieler Halle mit warmem Applaus empfangen. Sein wuchtiges Spiel mit Durchbrüchen an den Kreis hat den Kielern in all den Monaten gefehlt.
Madsen war nach seinem 15-Minuten-Einsatz (vier Tore) überglücklich und lobte gleich einmal seinen neuen Trainer. Unter Börge Lund mache das Training „richtig Spaß“, sagte er den Kieler Nachrichten, und überhaupt: „Börge hat alles unter Kontrolle.“ Die Stimmung in Kiel war zuletzt gewiss schon schlechter.