Nach der Aufnahme von Mädchen für die musikalische Früherziehung und für Nachwuchschöre, nach der Aufnahme von Mädchen auch für einen Aufbauchor, fanden bei der Augsburger Dommusik vor der Sommerpause zwei Vorsingen für die Gründung eines Liturgie- und Konzertchors mit Sängerinnen zwischen 14 und 20 Jahren statt. Wie groß war der Andrang? Können Sie Ihre Mädchenkantorei, seit einem Jahr in der Etablierungsphase, komplettieren?
ANDREA HARTINGER: Bei den zwei Casting-Terminen hatten wir einige Mädchen im Haus, die sowohl stimmlich als auch motivationstechnisch gesehen geeignet sind, sodass wir im September mit dem Liturgie- und Konzertchor starten können. Gleichzeitig hoffen wir auf weitere Quereinsteigerinnen. Quereinsteigerinnen deshalb, weil wir im Augenblick noch nicht aus den Vollen der unterer Jahrgangsstufen schöpfen können. Es braucht einen gewissen Atem, bis wir aus den eigenen Reihen Kinder in die höhere Altersstruktur übernehmen können. Ich denke, in zwei, drei Jahren wird es so weit sein, dass wir die Mädchen, die wir hier im Haus ausgebildet haben, in den Liturgie- und Konzertchor übernehmen können.
Wie viele Mädchen und junge Frauen soll denn Ihr Liturgie- und Konzertchor umfassen?
HARTINGER: Die Idee ist, dass der Chor in absehbarer Zeit aus 40 bis 45 Sängerinnen besteht. Es gibt am 14. September von 15 bis 18 Uhr noch einmal die Möglichkeit, für den Liturgie- und Konzertchor vorzusingen; dazu kann man sich unter info@augsburger-dommusik.de anmelden. Der Chor startet in jedem Fall im September. Für den Herbst und gerade die Adventszeit sind bereits erste Projekte wie Kapitelämter, Pontifikalämter angedacht. Für den Sommer ist auch eine erste Reise zu einem nationalen Chorfestival geplant.
Wie lässt sich denn insgesamt das künftige Aufgabenfeld des Konzert- und Liturgiechors umreißen?
HARTINGER: Die vornehmliche Aufgabe aller Chöre hier im Haus ist die Gestaltung der Liturgie am Dom. Diese umfasst das Singen bei den sonntäglichen Kapitelämtern sowie den Hochfesten an Feiertagen, aber auch die Gestaltung der Samstagabendmusiken im Dom. Daneben versuchen wir, uns auch nach außen zu öffnen, indem wir uns bei Konzerten mit anderen Chören beteiligen und auch an anderen Orten singen.
Halb im Scherz gefragt, halb im Ernst: Könnte es sein, dass, sagen wir 2028, das Weihnachtsoratorium zweimal in Augsburg durch die Dommusik erklingt, einmal mit den Domsingknaben, einmal mit der Mädchenkantorei?
HARTINGER: (lachend) Sicherlich nicht. Wenn, dann müsste man das Weihnachtsoratorium gemeinsam aufführen – der Mädchenkantorei allein fehlen hier ja die Männerstimmen. Doch ist es musikalisch und künstlerisch in der Tat so, dass ein Chor, der sich aus Knaben- und Männerstimmen zusammensetzt, einen ganz besonderen Klang hat. Warum also sollte man auf diese Besonderheit verzichten, wenn es doch ohnehin genügend gemischte Chöre gibt, die ein Weihnachtsoratorium aufführen? Darum würde ich sagen, dass das Weihnachtsoratorium vornehmlich weiter ins Repertoire unserer Domsingknaben fällt. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass sich zu gegebener Zeit Gemeinschaftsprojekte der Mädchenkantorei mit den Männerstimmen ergeben und sich mit einem dann gemischten Chor größere Werke der Romantik oder Moderne realisieren lassen.
Wie ist denn insgesamt die Bilanz des ersten Jahrs der Mädchenkantorei-Gründungsphase? Was haben Sie sich dabei schwerer vorgestellt, was leichter?
HARTINGER: Wir sind sehr positiv überrascht, wie groß der Zuspruch im Nachwuchsbereich ist. Wir haben in der musikalischen Früherziehung und in den beiden Nachwuchschören an die 60 Mädchen im Alter von zwei bis acht Jahren aufgenommen und sind somit schon fast an unserer oberen Kapazitätsgrenze angekommen. Es ist schön zu sehen, mit welcher Energie und Lust die Mädchen bei der Sache sind. Insofern kann man sagen: Die Zeit war reif, dass es auch Mädchen bei der Augsburger Dommusik gibt. Für den Liturgie- und Konzertchor haben wir uns etwas mehr Zuspruch erhofft. Andererseits ist es für Mädchen und junge Frauen vermutlich auch nicht ganz leicht, sich für das Singen in einem Ensemble zu entscheiden, das gerade erst im Begriff ist zu entstehen. Von daher möchte ich alle, die mit dem Gedanken spielen, sich für ein Vorsingen für die Mädchenkantorei zu melden, ermutigen, es zu tun.
Welche Fächer umfasst die Ausbildung in der Mädchenkantorei?
HARTINGER: Grundsätzlich haben die Mädchen wie die Knaben zweimal pro Woche Chorunterricht und zusätzlich Stimmbildungsunterricht. Im Chorunterricht selbst ergibt sich weiter Rhythmusschulung, Gehörbildung und die Vermittlung von liturgischen Kenntnissen.
Der Aufbau einer Mädchenkantorei kostet auch Geld. Hat die Diözese ihre Mittel für die Dommusik aufgestockt?
HARTINGER: Durch die Nutzung von Synergieeffekten liegt der finanzielle Mehraufwand dafür, dass wir ein Drittel mehr Kinder ausbilden, bei nur etwa zehn bis fünfzehn Prozent. Aber natürlich gab es eine Aufstockung allein durch die Schaffung neuer Stellen im Chorleiter- und Stimmbildungsbereich.
Zur Person
Andrea Hartinger wurde 1976 in Regensburg geboren und studierte dort sowie in Würzburg die Fächer Kirchenmusik und Chorleitung. Bevor sie als Leiterin der Mädchenkantorei am Augsburger Dom begann, leitete sie die Vorchöre der Regensburger Domspatzen und assistierte dem Regensburger Domkapellmeister.