„Man ist die ganze Zeit ,on’ im Kopf“ – so beschreibt Andreas Hagenstein (52) die Auswirkungen seiner Spielsucht. „Ich war gereizt, hibbelig und sehr vergesslich.“ Und: „Ich kann bis heute nicht gut ein- und durchschlafen.“ Denn seine Gedanken drehten sich immer ums Spielen. Auch wenn er dank einer guten Stelle als Maschinenanlageführer mit seinem Geld halbwegs zurechtkam, hörte er doch irgendwann auf Ratschläge, sich Hilfe zu holen. Und hat es geschafft, nach 36 Jahren aufzuhören: Er hat sich vor sechs Wochen für immer bei allen deutschen Glücksspielanbietern sperren lassen.

Gelungen ist ihm das mit Hilfe der Suchtberatung der Caritas an der Kasinostraße, der einzigen Beratungsstelle der Stadt zum Thema Spielsucht. Seit Februar führt er dort Einzelgespräche mit einer Beraterin und besucht die wöchentliche Spielsuchtgruppe. „Das tut mir alles sehr gut“, erklärt Andreas Hagenstein, der eigentlich anders heißt, aber seinen Namen nicht veröffentlichen will. „Ich bin viel ruhiger geworden“, sagt er, der immer noch sehr lebhaft erzählt. „Früher“, sagt er, „hätte ich hier wild rumgefuchtelt.“

Früh mit dem Spiel begonnen und nicht wieder aufgehört

Zu spielen begonnen hat er schon früh: „Ich erinnere mich, dass ich mit 13 Jahren an einem Automaten in der Pommesbude gespielt habe.“ An diesem Automaten habe er nach dem Einwurf von einer D-Mark kein Geld, aber Punkte gewinnen können, mit denen er weiterspielen konnte. Mit 14 oder 15 sei er dann in die Spielhalle gegangen – mit dem Ausweis seines Bruders. „Danach habe ich nie mehr aufgehört.“

In die Sucht sei er wahrscheinlich nach seiner frühen Heirat mit 19 Jahren geraten. „Da bin ich abgedriftet.“ Er habe sich noch mehr unter Druck gefühlt, war arbeitslos. „Ich habe auch nicht versucht, zu arbeiten, ich war ja damit beschäftigt zu spielen“, erinnert er sich. Seine Frau sorgte für den Familienunterhalt. Mit 24 fand er eine gute Stelle, kurz danach wurde ihre Tochter geboren, er hoffte, dass aus dem Zeitvertrag ein dauerhafter würde. Als das nicht passierte, fiel er in ein Tief.

Zwar sei der durch die Geburt der Tochter reifer geworden, „aber das Spielen habe ich nie aufgegeben“. Das habe sein ganzes Leben beeinflusst. Als anschauliches Beispiel erzählt er, dass er für seine Frau im Supermarkt tiefgefrorenes Fleisch kaufen sollte. Weil sie am Stadtrand wohnten, war das ein längerer Weg. Unterwegs sei ihm klar geworden, dass er das Fleisch schnell nach Hause bringen muss, um die Kühlkette nicht zu unterbrechen. Dann aber könnte er nicht noch in der Spielhalle spielen. „Ich habe dann das Fleisch nicht gekauft. Das zeigt, was mir wichtiger war.“

Sozialpädagogin Christiane Krause, eine der beiden Beraterinnen bei der Caritas, erklärt: „Das zeigt, dass Spielsüchtige ihr Leben um ihre Sucht herum organisieren.“ Sie und ihre Kollegin Claudia Stratmann-Pickartz teilen sich die eine Stelle für die Beratung bei Glücksspielsucht bei der Caritas. Die Beratungsstelle ist von der Landesfachstelle Sucht anerkannt, erhält von dort eine Förderung von jährlich 15 000 Euro. Den Rest des Jahresetats von rund 120 000 Euro finanziert die Stadt.

Wie das Spielen zur Sucht wird

Dass das Spielen eine immer größere Priorität bekommt, ist ein Merkmal der Sucht, erklärt Jannes Hecht, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter Suchtberatung. Weiteres Merkmal ist die verminderte Kontrolle über das Spielen und schließlich, wenn man trotz negativer Konsequenzen weitermacht. Wie bei Andreas Hagenstein: Er spielte auch weiter, als seine Ehe in die Brüche ging und er damit seine Tochter verlor.

Typisch sei auch, erklärt Claudia Stratmann-Pickartz, dass Andreas Hagenstein nicht um Geld gespielt habe, sondern nur um des Spielens willen. „Ich habe ja nie etwas gewonnen“, stellt Hagenstein fest. Der höchste Gewinn seien 1300 Euro gewesen. „Verloren habe ich vielleicht eine halbe Million Euro.“

Er erzählt noch eine Anekdote: Mit seiner neuen Partnerin, die auch gern spielt, habe er nie viel geredet. Nur wenn sie gemeinsam zur Spielhalle fuhren, dann hätten sie ganz viele Themen angesprochen, weil sie sich aufs Spielen freuten. „Das Glücksgefühl hat in der Spielhalle aber nur zehn Minuten angehalten, dann hat es sich bald in Aggression verwandelt“, erzählt er.

Jannes Hecht erklärt, die Erwartung des Spielens führe zu einer Dopamin-Ausschüttung, also einem Glücksgefühl, und dies zu einer Konditionierung. Auf diese Weise könnten negative Gefühle beiseitegeschoben werden. „Es ist eine Art Flucht“; bestätigt Andreas Hagenstein. Jannes Hecht sagt: „In der Behandlung geht es darum, diese Verknüpfung aufzulösen. Das gelingt nur durch Abstinenz.“ Dann könnten neue Strategien entwickelt werden, mit negativen Gefühlen umzugehen.

Andreas Hagenstein fühlte sich schließlich allgemein so schlecht, wurde immer aggressiver, dass er eine Psychologin aufsuchte. „Der habe ich alles erzählt, auch, dass ich spielsüchtig bin.“ Dabei habe er das selbst nicht geglaubt. „Ich hatte ja nicht Haus und Hof verloren.“ Die Psychologin riet ihm dennoch, eine spezialisierte Beratungsstelle aufzusuchen. Er tat es ohne Überzeugung. Und sagte noch bei seiner ersten Gruppenstunde im Februar: „Ich komme nur zum Gucken. Ihr könnt mir erzählen, was ihr wollt, ich höre nie auf zu spielen.“

Es kam anders. Die anderen Gruppenmitglieder machten ihn darauf aufmerksam, dass er insgesamt ruhiger wurde, seltener spielte. Und schließlich tat er vor sechs Wochen den Schritt, sich für immer sperren zu lassen. Nun muss ihn jede Spielhalle, jedes Casino nach der Ausweiskontrolle nach Hause schicken.

Beratungsstelle berät rund 60 Fälle pro Jahr

Andreas Hagenstein weiß: „Ich bin noch lange nicht über den Berg, ich denke noch jeden Tag darüber nach.“ Deshalb will er noch eine stationäre Therapie machen. Aber schon jetzt stellt er fest: „Ich kann viel mehr machen.“ Weil nun Zeit dafür ist. Er hat das Tischtennisspielen als Sport entdeckt. Er träumt von Reisen, kann sich auch einen Berufswechsel vorstellen: „Jetzt brauche ich ja nicht mehr so viel Geld.“

Rund 60 Fälle von Spielsucht beraten die beiden Sozialpädagoginnen pro Jahr – der Bedarf ist sicher größer, die Dunkelziffer hoch. Dabei ist der Zugang niederschwellig. „Meist können wir innerhalb von drei Wochen einen Ersttermin vereinbaren“, sagt Christiane Krause. In einem ersten Gespräch, das völlig offen geführt wird, wird geschaut, was die Ratsuchenden wollen und was möglich ist. Das können Einzelgespräche sein, dazu kommt das Gruppenangebot, bei dem sich sechs bis zwölf Betroffene unter Anleitung der Beraterinnen etwa anderthalb Stunden pro Woche austauschen. Und wenn jemand eine stationäre Therapie machen will, kann diese von der Beratungsstelle beantragt werden.

Besonders die Gruppe sei sehr fruchtbar, sagt Claudia Stratmann-Pickartz. Spieler seien Einzelkämpfer erklärt Christiane Krause, machten alles mit sich aus. Daher sei das Sprechen in der Gruppe schon ein erster großer Schritt. Oft hätten Aussagen der Gruppenmitglieder mehr Einfluss als die der Beraterinnen. Andreas Hagenstein sagt: „Die Gruppe gibt einem Sicherheit. Man fühlt sich geborgen. Denn vielleicht versteht einen sonst keiner.“

Die Entwicklung Einzelner mache den anderen jeweils Mut. „Etwas Kleines kann eine große Rolle spielen“, so Andreas Hagenstein. Ihm sei in Erinnerung, wie zu seiner Anfangszeit jemand sagte, dass er jetzt eine Woche spielfrei sei. „Das hat mich motiviert.“ Wenn er nicht komplett aufhören müsse, sondern nur so ein kleines Ziel brauche. Claudia Stratmann-Pickarts erwähnt noch einen Aspekt: „Die Gruppe zeigt, dass es jeden treffen kann vom Anwalt bis zum Arbeitslosen.“

Hilfe bietet die Beratungsstelle auch Angehörigen. Sie können an einer suchtübergreifenden Angehörigengruppe teilnehmen. Manchmal kommen sie mit zu den Gesprächen. Wenn sie allein kommen, unter den Auswirkungen der Sucht zum Beispiel ihres Partners leiden, gehe es darum, sie zu stärken, dass sie gut für sich sorgen, und nicht nur um die Sucht kreisen, gegebenenfalls ein eigenes Konto eröffnen.

Wer vom Spielen loskommt und dann doch wieder spielt, kann sich erneut Unterstützung in der Beratungsstelle holen. Was fehle, sei aktuell eine eigenständige Selbsthilfegruppe, bedauert Claudia Stratmann-Pickartz. Und sie wünscht sich mehr und strengere Kontrollen des Ordnungsamts in den Spielhallen.