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Hamburg damals (2021): Unfall auf der Stresemannstraße 1991 (4 Min)
Stand: 27.08.2026 05:00 Uhr
Am 27. August 1991 donnert ein Lkw auf der Hamburger Stresemannstraße über eine rote Ampel und überfährt die neunjährige Nicola. Auf ihren Tod folgen wochenlange Proteste der Anwohner, die eine Tempo-30-Zone durchsetzen.
Sternbrücke und Stresemannstraße sind längst weit über Hamburgs Grenzen bekannt. Zuletzt beschäftigt der Einbau der neuen Eisenbahnbrücke nicht nur Ortsansässige. Aber die Verkehrssituation im Stadtteil Altona hat auch ihre Schattenseiten – und das schon seit vielen Jahren.
Da ist der 27. August 1991: Am Nachmittag bricht die neunjährige Nicola mit dem Fahrrad von ihren Großeltern in der Bernstorffstraße auf, dort wohnt das Mädchen damals. Sie will ihre Mutter in Harvestehude besuchen, um Enten zu füttern. Sie wartet an der Ampel an der Stresemannstraße. „Das Kind ist bei Grün losgefahren, und der LKW-Fahrer ist mit seinem Sattelschlepper noch bei Rot über die Ampel gebrettert“, schildert Monika Rulfs den Unfallhergang. Die Ethnologin aus Hamburg hat über den Unfalltod von Nicola ihre Doktorarbeit geschrieben. Es ist ein schwarzer Tag für Nicolas Familie und die Anwohner, die das Mädchen gut kennen. „Es herrschte das Gefühl, dass es ein wahnsinnig ungerechter Tod war“, beschreibt Rulfs die damalige Situation.
Tägliche Proteste zur Todesstunde von Nicola

Der Tod der kleinen Nicola auf der Stresemanstraße erschüttert die Anwohner.
Die Nachricht von Nicolas Tod verbreitet sich schnell: Bereits eine Stunde später blockieren rund 120 Menschen die Kreuzung. Monika Rulfs wohnt damals um die Ecke der „Strese“ in der Lippmannstraße. Sie hört damals von dem Unfall und geht an den Ort des Geschehens, „weil ich schockiert war wie die anderen Menschen auch“. Die Anwohner geben sich untereinander Bescheid, „denn es gab ja noch keine Handys“, erläutert Rulf. Sie merkt, dass sich etwas Besonderes entwickelt und, „dass die Leute auf der Straße bleiben – und auch am nächsten Tag wiederkommen würden“. Zur Todesstunde von Nicola um 16 Uhr.
„Sie waren so betroffen, weil es ihr Schulweg war“

Protest mit Müllcontainern und Fahrrädern: Kinder blockieren die Stresemannstraße.
Nicht nur erwachsene Anwohner protestieren auf der Straße, auch viele Kinder. Sie sind zusammen mit Nicola zur Schule gegangen. „Sie waren so betroffen, weil es ihr Schulweg war“, erklärt Rulfs. Am Anfang herrschen Trauer und Bestürzung, die Kinder legen Blumen, Spielzeug und kleine Kreuze an der Unfallstelle ab. Die Trauer der Erwachsenen und Kinder vermittelt sich auch in die Medien hinein, die Zeitungen bilden den Unfall sehr emotional ab, weil es um ein Kind geht. „Es war klar, dass es ein existenzielles Problem betraf“, erläutert Rulfs. Zur Trauer gesellen sich Protest und Widerstand. Nur einen Tag nach dem Unfall blockieren die Kinder die „völlig freie“ Straße mit Müllcontainern, Paletten und Fahrrädern – „sie konnten machen, was sie wollten“, erzählt Rulfs.
Die „Strese“ gilt als „giftigste Straße Deutschlands“
Die Stresemannstraße macht damals immer wieder Schlagzeilen. Zwischen 1979 und 1998 sterben 19 Menschen, darunter ein siebenjähriger Junge. Meist verunglücken Radfahrer und Fußgänger auf der vierspurigen Bundesstraße, die wie eine Schneise durch die enge Häuserschlucht führt. Knapp 50.000 Autos fahren Anfang der 1990er-Jahre täglich durch die „Strese“, darunter etwa 6.000 Lkw.
Die Hamburger Stresemannstraße wird in Medien als „giftigste Straße Deutschlands“ betitelt, wegen extremer Abgas- und Stickoxidbelastungen durch den starken Verkehr. 1990 sind die Grenzwerte für Stickoxide in der Stresemannstraße an 168 Tagen im Jahr überschritten. „Die Leute hatten dementsprechend das Gefühl, sie wohnen an einer Stelle, die es sonst gar nicht so heftig gibt“, so Rulfs.

Die Kieler Straße in Hamburg liegt bei Unfällen mit Personenschäden bundesweit auf Platz 1. Das geht aus einem Ranking der Allianz-Direct hervor.
Alle gesellschaftlichen Gruppen zeigen sich solidarisch

Tagein, tagaus protestieren Anwohner friedlich auf der Stresemannstraße im Stadtteil Altona.
Die Unfallopfer, den Lärm und auch die giftigen Abgasen nehmen die Anwohner, zumeist Arbeiter, Rentner und Studierende, lange Zeit hin – bis eben zu jenem 27. August 1991. Der Tod von Nicola bewegt alle gesellschaftlichen Gruppen. Die Polizei hindert die Anwohner nicht am friedlichen Protest. Die Beamten des örtlichen Polizeireviers an der Lerchenstraße, nur 200 Meter vom Unfallort entfernt, zeigen sogar offen Sympathien für den Widerstand. Die damalige Verkehrssenatorin Traute Müller (SPD) besucht noch am Abend den Unfallort und spricht mit den Menschen. Viel Hoffnung kann sie ihnen nicht machen. Aber: „Sie war sehr auf der Seite der Betroffenen, der Schwachen im Verkehr“, sagt Rulfs.
„Und die Leute haben die Schuld der Verkehrspolitik zugeschoben, weil die Straße zu befahren ist, die Ampelschaltung schlecht ist, weil es keinen Puffer zwischen den Menschen auf dem Bürgersteig und den Autos auf der Straße gibt. Die haben nicht gesagt, der Einzelne ist schuld; der LKW-Fahrer ist der Mörder, das wurde gleich auf eine andere Ebene gehoben“, führt Rulfs aus.

Auch Kinder fordern nach Nicolas Unfall vehement die Einführung von Tempo 30.
Drei Tage nach dem Unfall lädt Verkehrssenatorin Müller Anwohnende und Behördenvertreter zu einem „Runden Tisch“ ein. Doch die Verhandlungen gestalten sich schwierig. Denn die Anwohner beharren auf ihren Forderungen: Tempo 30, den Rückbau der Stresemannstraße auf zwei Spuren, ein Verbot von Schwerlast- und Gefahrengut-Transporten, fest installierte Blitzer und zusätzliche Ampeln.
Auf der Straße herrscht Friedhofsatmosphäre
Am 5. September wird Nicola auf dem Friedhof Diebsteich beerdigt. Pastorin Anne Rahe hält eine sehr politische Rede, mit dem Tenor „das Auto dürfe nicht das Leben der Menschen dominieren.“ „Die Ansprache hätte man sich genauso gut auf der Straße vorstellen können“, sagt Rulfs. Dort findet parallel eine Trauerfeier mit rund 500 Menschen statt, bei der eine sehr ruhige, bedrückte Stimmung herrscht. „Die Menschen waren dunkel gekleidet, haben Blumen mitgebracht. Es war so, als ob sie zu einer Beerdigung gehen würden. Und die Reden dort waren ungewöhnlich unpolitisch, und sehr von Trauer geprägt“, erinnert sich Rulfs. An jenem Donnerstag erreicht auch der Protest einen neuen Höhepunkt. Umweltaktivisten stellen Bäume in Betonkübeln auf der Fahrbahn ab.

Die Protestierenden bleiben beharrlich. Die Polizei unternimmt mehrere erfolglose Räumungsversuche.
Doch im Anschluss an die Beerdigung von Nicola ist es mit der behördlichen Solidarität vorbei: Die Polizeiführung will die Straße und den Platz vor der Sternbrücke räumen lassen. Doch der Einsatzführer verweigert wegen der vielen Frauen und Kinder auf der Straße den Befehl. An den nächsten Tagen folgen weitere Räumungsversuche. Ohne Erfolg.
Partystimmung im Namen der toten Tochter
Nicolas Mutter und die Großeltern müssen derweil miterleben, wie die Proteste immer mehr zu einem Happening werden. An der Unfallstelle wird musiziert und Fußball gespielt. „Die Mutter hat sehr schnell die Organe von Nicola gespendet. Und natürlich war das dieser wahnsinnige Protest zu viel für Mutter und Großeltern“, schildert Rulfs die damaligen Umstände. Mutter und Großeltern habe man nicht auf der Straße gesehen, „sie kannten auch einen Großteil der Protestierenden nicht. Ich weiß, die Anwohnerinitiative wollte damals noch ein großes Kreuz aufstellen, da war die Familie explizit dagegen“, so Rulfs weiter.
„Überall ist Stresemannstraße“: Unfall wird zum Politikum

Die Kreuzung Stresemannstraße/Bernstorffstraße ist damals Ausgangspunkt für Demontrationen – in Hamburg und deutschlandweit.
Die Kreuzung Bernstorffstraße/Ecke Stresemannstraße entwickelt sich zum Diskussionsforum für eine andere Verkehrspolitik in Hamburg und auch bundesweit. Der Tod der kleinen Nicola ist in der Folge Anlass für weitere Aktionen gegen eine verfehlte Verkehrspolitik in ganz Hamburg: So blockieren Bürgerinitiativen Ende September 1991 mehr als 25 Kreuzungen im Stadtgebiet. Motto: „Überall ist Stresemannstraße“. „Der Spruch wurde tatsächlich auch in anderen Städten benutzt, weil es eben ein besonders langer Protest war, weil er erfolgreich war und weil sich die Deutungsmacht der Beteiligten von vor Ort durchsetzte und sie eine Zeitlang übernommen wurde“, sagt Rulfs.
Und in der Bürgerschaft habe kein Politiker nicht über den die Folgen reden können, ohne erstmal zu erwähnen, dass er auch Vater sei, dass er auch Kinder habe, dass er betroffen sei und das auch schrecklich finde. Wenn er sich vorstelle, dass das sein eigenes Kind wäre. „Erst dann konnte er sagen, was er wirklich sagen wollte. Aber ohne das andere ging es erstmal gar nicht. Es war ein kollektives Einschwingen in diese Trauer“, beschreibt Rulfs die damalige Gemengelage.
Erfolgreicher Protest: Tempo 30 und Busspuren kommen

Ein Tod und seine Folgen: An der Unfallstelle ist eine Tempo-30-Zone eingerichtet.
Zwei Wochen dauern die Proteste. Am 11. September 1991 gibt der Senat – wenn auch widerwillig – nach und folgt den Vorschlägen von Verkehrssenatorin Müller für eine Tempo-30-Zone und eine Busspur. Aus der vierspurigen „Strese“ wird eine zweispurige Straße. Ein voller Erfolg für die Anwohner. Auch in den Jahren nach dem Unfall gedenken sie Nicolas Tod mit Blumen. 2002 kommt es allerdings erneut zu Anwohnerprotesten, denn im Februar 2002 lässt der damalige Verkehrssenator Mario Mettbach von der Partei Rechtsstaatlicher Offensive die Busspuren wieder entfernen. Die „Strese“ wird wieder vierspurig. Heute ist an der Unfallstelle nur noch grauer Beton zu sehen – und ein Verkehrsschild mit Tempo 30.

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