Eine Umfrage zeigt, wie Zwölf- bis 17-Jährige selbst die Folgen ihres Social-Media-Konsums bewerten. Angesichts vieler negativer Begleiterscheinungen fällt ein Befund bemerkenswert aus.

Klicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.

Ausgedehnter Social-Media-Konsum hat gravierende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit – und die negativen Gefühle wachsen linear mit der Nutzungsdauer. Das ist das besorgniserregende Ergebnis einer Umfrage unter zwölf- bis 17-jährigen Jugendlichen im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK). Je länger Jugendliche soziale Medien pro Tag nutzen, desto häufiger berichten sie von negativen Gefühlen und körperlichen Beschwerden. „Zwar lässt sich auf Basis der Befragung kein ursächlicher Zusammenhang ableiten, aber die Daten weisen in diese Richtung“, heißt es in dem Report „Jugend zwischen Like und Limit“.

Jugendliche, die pro Tag vier oder mehr Stunden Social Media nutzen, haben demnach deutlich häufiger schlechte Laune (49 Prozent) als solche, die das nur ein bis zwei Stunden tun (20 Prozent). Auch Unsicherheiten und Zweifel betreffen die „heavy user“ sehr viel häufiger (41 versus 22 Prozent). Dasselbe gilt für Unzufriedenheit mit sich selbst (40 versus 22 Prozent), innere Unruhe (39 versus 17 Prozent), Erschöpfung (39 versus 22 Prozent), Gereiztheit (39 versus 14 Prozent) und Überforderung (37 versus 18 Prozent).

„Social Media kann zu einem ernsthaften Gesundheitsrisiko für Jugendliche werden“, sagte Jens Baas, Vorstandschef der TK. Neben der Stärkung von Medienkompetenz müssten auch die Anbieter mehr in die Pflicht genommen werden, für mehr Jugendschutz zu sorgen.

Und auch körperliche Beschwerden korrelieren mit langer Nutzung, wie die Befragung der insgesamt 1400 Jugendlichen ergab. So berichten Jugendliche, die vier oder mehr Stunden täglich in sozialen Medien aktiv sind, deutlich häufiger von Schlafproblemen, Kopfschmerzen, Muskelverspannungen, Rücken- und Bauchschmerzen sowie gereizten Augen als diejenigen mit einem moderaten Konsum von ein bis zwei Stunden täglich.

17 Prozent der Jugendlichen gaben in der Umfrage an, tatsächlich mehr als vier Stunden täglich in den sozialen Netzwerken unterwegs zu sein. 19 Prozent nutzen sie drei bis vier Stunden, 26 Prozent zwei bis drei Stunden, 27 Prozent ein bis zwei Stunden und elf Prozent unter einer Stunde. Beliebteste Plattform ist dabei mit 71 Prozent YouTube – vor TikTok (58 Prozent), Instagram (57 Prozent), Snapchat (50 Prozent) und Roblox (22 Prozent).

77 Prozent nutzen soziale Medien laut Erhebung vor allem, um Spaß zu haben – durch lustige Videos, Memes oder „Challenges“. 75 Prozent wollen „chillen“, 64 Prozent mit Freunden in Kontakt bleiben. Inspiration für Sport, Reisen oder Essen suchen 42 Prozent, 36 Prozent folgen gerne Influencern.

Je älter die Jugendlichen, desto eher sind sie pro Verbot

Die Befragung der Jugendlichen deckte zudem einen gravierenden Widerspruch auf. Trotz der negativen Begleiterscheinungen behaupten 80 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen, dass ihnen Social-Media-Konsum „gut“ oder „eher guttut“. Nur 15 Prozent geben an, er tue das „eher nicht“ oder „gar nicht“. Dennoch hat ein Verbot, wie es politisch derzeit diskutiert wird, viele Anhänger.

55 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen sind dafür, die meisten halten den 14. Geburtstag für eine sinnvolle Schwelle. Dabei sprechen sich deutlich mehr Mädchen für ein Verbot aus als Jungen (60 versus 52 Prozent). Mit dem Alter nimmt der Zuspruch zu: 68 Prozent der 16- bis 17-Jährigen befürworten ein Verbot, während dies bei den Zwölf- bis 15-Jährigen nur etwa die Hälfte tut.

„Viele Jugendliche schaffen es nicht von allein, ihren Social-Media-Konsum zu reduzieren“, sagt Lilli Berthold, stellvertretende Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz. „Ein Social-Media-Verbot sollte aber nur die letzte Konsequenz sein. Viel wichtiger ist die nachhaltige Förderung der Medienkompetenz durch Eltern und Schule.“

Gefragt nach den Dingen, die sie an Social Media am meisten nerven oder stressen, geben 57 Prozent der Befragten „zu viel Werbung“ an. Es folgen die Verbreitung von Fake News (52 Prozent), zu viel Online-Zeit (36 Prozent), Mobbing und Beleidigungen (35 Prozent) sowie unangemessene Bilder oder Videos (31 Prozent). 14 Prozent ärgern sich über „geschönte Darstellungen“.

Auf die Frage, was Jugendlichen helfen würde, um Social Media gut und sicher zu nutzen, wünscht sich fast die Hälfte der Befragten Lernvideos zu Gefahren auf den Plattformen selbst. 46 Prozent sprechen sich für speziell geschulte Ansprechpersonen wie Medienscouts in der Schule aus. 43 Prozent wollen mehr Gespräche mit den Eltern, und 42 Prozent sind der Meinung, dass ihnen Social-Media-Workshops oder ‑Projekte helfen würden. Nur zwölf Prozent geben an, dass keine Unterstützung nötig sei.

Viele Jugendliche haben zudem laut Befragung bereits Methoden der Selbstfürsorge entwickelt, um nicht zu oft am Handy zu hängen. Sie blockieren bestimmte Profile oder entfolgen diesen (37 Prozent), stellen Push-Benachrichtigungen aus (28 Prozent), verordnen sich handyfreie Zeiten (26 Prozent) oder legen das Smartphone beiseite (25 Prozent). Und sie melden Beiträge, die fake oder unangemessen sind (24 Prozent).

„Ein bewusster und reflektierter Umgang mit Social Media ist das Kernelement von Medienkompetenz“, sagt Ute Erdenberger, Leiterin des TK‑Gesundheitsmanagements. Jugendliche müssten daher noch besser befähigt werden, Chancen und Risiken einschätzen zu können und damit gesund umzugehen.

Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.