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Der „Fernwanderweg“ zu den Gleisen des Stuttgarter Hauptbahnhofs wird zum Horrorspiel. Die Idee wird aktuell auf der Gamescom präsentiert.
Stuttgart – Das Milliardenprojekt Stuttgart 21 wird nach aktuellen Angaben frühestens 2031 fertig und auch immer noch teurer. Für besonderen Spott sorgt seit Langem der sogenannte „Fernwanderweg“ zwischen der Stuttgarter Innenstadt und den Gleisen des Hauptbahnhofs. Wer den Weg einmal gegangen ist, weiß, dass man gut und gerne zehn Minuten zusätzlich einplanen muss. Nun soll ein Videospiel diesen Tunnelgang erlebbar machen. Im Mittelpunkt stehen Zeit und Verzweiflung, Frust und Ärger – und schon die Demo verspricht kein glückliches Ende, samt realistisch klingender Lautsprecherdurchsagen.
S21 – The Game: „Man soll dabei Spaß haben, aber sich auch ärgern“, sagt der Entwickler
„Man soll dabei Spaß haben, aber sich auch ärgern“, erklärt Willi Schorrig, der Entwickler von „S21 – The Game“. Den Weg durch den etwa 350 Meter langen Tunnel kennt er aus eigener Erfahrung, da er ihn seit Jahren mehrmals wöchentlich zurücklegt. „Daraus entstand die Idee, dass sich das perfekt in ein Spiel umsetzen lässt: Man hat sozusagen ständig die Karotte vor der Nase und läuft immer weiter“, sagt der 32-Jährige über das Projekt. Das sei sinnbildlich für das Bauvorhaben: „Zuerst heißt es, es wird nächstes Jahr fertig, dann in vier Jahren, dann in zehn Jahren. Man wird ständig vertröstet.“
Das Ziel besteht darin, Gleis 9 innerhalb von 20 Minuten zu erreichen – was großzügig klingt. Jedoch bremsen immer wieder Hindernisse den Weg durch den dämmrig beleuchteten, menschenleeren Gang. „Zu Beginn will man noch seinen Zug erreichen, am Ende will man nur noch raus aus dem Tunnel“, schildert Schorrig. Der Gang durch die Tunnelabschnitte scheint im Spiel kein Ende zu finden. Passend dazu ertönt aus den Lautsprechern: „Falls Sie denken: Der Weg dauert unendlich lang – das stimmt nicht.“ Auf einem Smartphone lässt sich die Abfahrtszeit des Zuges ablesen, während die verbleibende Zeit stetig schrumpft.
Der „Fernwanderweg“ zu den Gleisen des Stuttgarter Hauptbahnhofs wird zum Videospiel. © Hanging Gardens Interactive/dpaS21 – The Game: Aus der Idee soll ein vollständiges Spiel werden
Die Demo, die aktuell auf der Plattform Steam verfügbar ist, endet so, wie es Kritiker von Stuttgart 21 wohl erwarten würden: Der Spieler steht vor einer Betonmauer und muss frustriert kehrtmachen. „Das hier wird niemals enden“, knarzt die Stimme aus dem Lautsprecher, gefolgt vom typischen Bahn-Jargon: „Wir bitten um Entschuldigung.“ Gleichzeitig betont die Spiele-Webseite, jede Ähnlichkeit mit realen, laufenden oder verzögerten Bauprojekten sei „rein zufällig“.
Zunächst zeigte Schorrig seine Idee nur wenigen Personen. „Anfangs gab es in diesem Tunnel nichts außer der Aufforderung, weiterzugehen“, berichtet er. „Die ersten Testerinnen und Tester haben laut gestöhnt, sind aber trotzdem lange durch den Gang gelaufen – stets in der Erwartung, dass noch etwas kommt.“ Genau um dieses Gefühl gehe es: „Vielleicht kommt ja noch etwas. Vielleicht ist es tatsächlich gleich geschafft.“ Derzeit will er die Idee auf der Gamescom in Köln präsentieren – der weltweit größten Messe für Computer- und Videospiele. „Wir möchten mit einem vollständigen Spiel auf den Markt kommen, und dafür benötigen wir Partner.“ (dpa/jul)