Der Wind wechselt in Niedersachsens Hauptstadtmetropole so oft die Richtung, dass die bekannteste Band der Stadt, die Scorpions, davon ein Lied singen kann. Gerade hat das neue Schuljahr begonnen, zugleich läuft der regionale Wahlkampf. Grund genug für den Chaos Computer Club, Vertreterinnen von vier Parteien sowie Schule und Gewerkschaft zu einem Podiumsgespräch einzuladen. Denn ein Jahr zuvor hatte das von SPD-Politikerin Eva Bender geleitete Dezernat VII ein groß angelegtes Pilotprojekt mit Microsoft 365 angestoßen. Inzwischen wäre eigentlich der Moment gekommen, Bilanz zu ziehen und zu entscheiden, wie es mit Hannovers Schul-IT weitergehen soll.
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Zum Reizthema wurde die digitale Bildung allerdings, weil Benders Dezernat das Projekt mit Karacho vor die Wand fuhr: 75.000 Jahreslizenzen waren bereits gekauft, als auffiel, dass wesentliche Datenschutzvereinbarungen fehlten und ein rechtssicherer Betrieb der Software nicht gewährleistet war. Am 21. April zog die Stadt M365 deshalb den Stecker.
Seitdem versucht eine „Taskforce“, den Vorgang zu rekonstruieren. Ihr Zwischenbericht (siehe Top 13) fiel vernichtend aus: Trotz Nachforderungen ließ sich wegen der unzureichenden Dokumentation keine lückenlose Akte zur M365-Einführung erstellen. Das Rechnungsprüfungsamt kam laut Taskforce in vielen Punkten zum selben Ergebnis und beanstandete Defizite bei Verfahrensabläufen, Dokumentation, der Beachtung rechtlicher Vorgaben sowie bei Anwendung und Kontrolle interner Regeln. Der eigentliche Prüfbericht ist nicht öffentlich. Eine abschließende Aufarbeitung steht bis heute aus.
Frau Bender, die bei der Kommunalwahl am 13. September für das Amt der Regionspräsidentin kandidiert, hätte kurz vor der Wahl also viel Licht ins Dunkel bringen können. Sie sagte die Podiumsdiskussion aber kurzfristig ab und ließ sich von ihrer Parteigenossin Joana Kleindienst (SPD) vertreten, die im Schul- und Bildungsausschuss der Stadt sitzt.
Kein Bedarf
Der eigentliche Aufreger war aber nicht die Abschaltung der im September 2025 für 342.000 Euro gekauften 75.000 Jahreslizenzen von Microsoft 365 Education, sondern dass sie offenbar kaum jemand vermisste. Claudia Bax, die für die Grünen im Bildungsausschuss der Stadt sitzt, berichtete, ihre Schule habe am Pilotprojekt teilnehmen sollen. Als die Lizenzen verfügbar waren, habe dort jedoch praktisch niemand M365 genutzt. Vorgaben dazu, welche Funktionen überhaupt erprobt und nach welchen Kriterien bewertet werden sollten, habe es nicht gegeben. Weil sich M365 an ihrer Schule gar nicht erst etabliert hatte, ließ sich der vermeintliche Pilot im April auch erstaunlich geräuschlos wieder abschalten.
Auf Nachfrage konnte denn auch niemand auf dem Podium eine M365-Funktion benennen, auf die Hannovers Schulen dringend angewiesen wären. Weder Schulleiter Hinrich Netzel von der GEW noch die Vertreterinnen von SPD und CDU konnten einen entscheidenden Vorteil gegenüber den vorhandenen Alternativen nennen.
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Claudia Bax von den Grünen (links) berichtete auf einer Diskussionsveranstaltung des CCC auf Nachfrage von c’t-Redakteur Hartmut Gieselmann (rechts), dass die an ihrer Schule ausgegebenen M365-Lizenzen gar nicht genutzt wurden.
(Bild: CCC)
Netzel nannte ganz alltägliche Probleme, an denen der Einsatz von M365 im Schulalltag scheitere. Etwa die Zwei-Faktor-Authentifizierung per Authenticator-App. Microsoft hat sein Sicherheitskonzept auf Angestellte in Büros ausgerichtet, die sich per Authenticator-App auf ihrem Smartphone anmelden. Da Schülern die Smartphone-Nutzung im Unterricht jedoch untersagt ist, steht ihnen diese Möglichkeit nicht zur Verfügung.
Wie weit der Schulalltag ohnehin von klassischen Office-Suiten entfernt sein kann, schilderte Rebecca Maus vom CCC, die gerade ihr Abitur in Hannover abgelegt hat. Viele Schüler schrieben ihre Texte auf dem iPad mit Goodnotes und verschickten sie per AirDrop. Maus berichtete allerdings, dass Sicherheitsvorgaben auf den verwalteten iPads den Dateiaustausch inzwischen so umständlich machten, dass das Verteilen und Einsammeln von Dateien teils eine halbe Unterrichtsstunde verschlinge. Maus plädierte deshalb für Open-Source-Lösungen und mehr technische Kontrolle durch die Schulen selbst.
Einen Bedarf für M365 sah sie ebenso wenig wie Maren Kaminski, die für die Linke im Bildungsausschuss des Bundestages sitzt. Kaminski war sich darin mit den Vertreterinnen von SPD und CDU einig: Sie würden Microsoft 365 auch dann nicht mehr an Hannovers Schulen einsetzen, wenn die fehlenden Datenschutzvereinbarungen nachgereicht würden und ein DSGVO-konformer Betrieb möglich wäre. Einzig Claudia Bax wollte sich für die Grünen die Microsoft-Option offenhalten, solange keine ausreichend funktionierende Alternative bereitstehe.
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