Die Schieferziegel sind vom Historischen Rathaus, dessen Dach jüngst saniert wurde. Beteiligt an dem Kunstprojekt zum 300. Geburtstag des Gebäudes sind Christoph Anschütz, Hanna Neuhaus, Buja, Timothy und Zoe Starratt sowie Helene Uhl.
„Alte Ziegel vom Dach des Historischen Rathauses haben ein neues Leben gefunden“, resümierte Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler bei der Vernissage am Mittwoch. Das klingt zunächst nach einer hübschen Recyclinggeschichte. Tatsächlich steckt aber erheblich mehr dahinter. Denn hier wurde kein beliebiges altes Baumaterial zum Kunstträger. Die Schieferplatten haben über Jahrhunderte auf dem Rathausdach gelegen. Regen, Frost, Sonne und Schmutz haben ihre Spuren hinterlassen; die Oberflächen sind verwittert und zerfurcht. Die Platten sind damit selbst zu Trägern von Geschichte geworden.
Schiefer bringt eigene Geschichte mit
Genau das macht den Reiz des Projekts aus. Die Künstler arbeiteten nicht mit frisch gekauften Schieferplatten, sondern mit einem Material, das bereits eine eigene Geschichte mitbringt. Jeder einzelne Ziegel stammt vom Dach des Rathauses und damit aus einem Gebäude, in dem sich seit 1726 Speyerer Stadtgeschichte abgespielt hat. Die Künstler haben also nicht nur etwas auf den Schiefer gebracht – der Schiefer brachte seine eigene Geschichte mit.
Darin liegt eine entfernte Verwandtschaft zu den Readymades Marcel Duchamps: Auch er hat bereits vorhandener Alltagsgegenstände aus seinem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst und in einen künstlerischen Kontext gestellt. In Speyer allerdings bleibt es nicht beim bloßen Auswählen und Präsentieren. Die Künstler greifen in das Material ein, bearbeiten es, fräsen, bemalen, kombinieren und montieren. Zugleich bleibt der historische Schiefer als Material präsent – mit seiner Struktur, seiner Haptik, seinen Gebrauchsspuren und seiner Herkunft.
Bearbeitung erweist sich als schwierig
So wird aus einem Stück Rathausdach ein Kunstobjekt – und aus Kunst ein Stück Stadtgeschichte. Dass das nicht ganz einfach war, bestätigten alle Beteiligten. Schiefer erwies sich als eigenwilliger Partner: Die Bearbeitung der Platten war schwierig, das Material brüchig und das Aufbringen der Farben ebenfalls eine Herausforderung. Das historische Material setzte den Künstlern dabei buchstäblich Grenzen.
Sechs Künstler, sechs verschiedene AntwortenWie unterschiedlich man mit dem alten Schiefer umgehen kann, zeigen die ausgestellten Arbeiten eindrucksvoll. Christoph Anschütz schlägt mit seiner „Speyerer Zeitbrücke“ eine direkte Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Auf den historischen Schieferplatten des Rathauses ruht ein angedeutetes bronzenes Gewölbe der Speyerer Domkrypta. Grundlage der Skulptur ist ein digitales 3D-Modell der Krypta, das Anschütz in traditionelle Bildhauerei übersetzt. Historische Gebäude, digitales Modell und klassisches Handwerk, Vergangenheit und Gegenwart treffen hier aufeinander – und werden zu einer Art dreidimensionaler Zeitreise durch Speyer.
Ziegel als Bildträger und Street Art
Hanna Neuhaus geht einen anderen Weg: Sie macht den Schiefer selbst zum Bildträger. Mit präzisen Fräsungen überträgt sie markante Speyerer Bauwerke in die Platten. Aus dem Dachmaterial wird so ein Stück Stadtansicht, das Erinnerung, Handwerk und zeitgenössische Gestaltung in einem Material vereint.
Bei Buja trifft Rathausgeschichte auf Urban Art. Unter dem Titel „above Speyer“ begegnet der alte Schiefer seiner kraftvollen Bildsprache aus Graffiti, Popkultur und Street Art. Die leuchtenden Farben stehen dabei in einem spannenden Kontrast zur rauen, gealterten Oberfläche des Gesteins. Das Ergebnis wird zum Dialog von zwei Zeitebenen: Hier 300 Jahre Rathaus, dort die Gegenwart der urbanen Kunst, in der auch die Speyerer Brezel nicht fehlen darf.
Zwischen Natur und Politik
Helene Uhl macht die Eigenart des Materials selbst zum Thema. In ihrer Arbeit stellt sie die ursprüngliche und die vom Menschen veränderte Natur gegenüber. Ein Teil der Schieferplatten ist gestaltet, andere Bereiche bleiben bewusst unbearbeitet. Gerade diese Restflächen sind wichtig: Die natürliche Struktur des Gesteins wird nicht überdeckt, sondern bleibt sichtbar und damit Teil des Kunstwerks.
Politisch wird es bei Timothy Starratt. Er porträtiert auf zwei Schieferziegeln Rosa Parks und Martin Luther King – zwei Ikonen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Sie stehen für Freiheit, Gleichberechtigung und Menschenwürde. Die von Daniel Fleisch geschmiedeten Halterungen greifen diese Thematik auf: Stilisierte Panzersperren werden zu einem Sinnbild für gesellschaftliche Barrieren, Widerstand und deren Überwindung. Damit bekommt auch die Geschichte des Materials eine neue Ebene. Einst schützten die Schieferplatten das Rathaus – einen Ort demokratischer Entscheidungen und des gesellschaftlichen Miteinanders. Heute erinnern die Bildträger daran, dass Bürgerrechte keine Selbstverständlichkeit sind.
13-jährige Künstlerin weitet den Blick
Und dann gibt es noch eine bemerkenswerte, gewissermaßen generationenübergreifende Erweiterung dieser Geschichte: Eine der Schieferplatten stammt von Zoe Starratt, der 13-jährigen Tochter von Timothy Starrett – sie besucht die achte Klasse des Edith-Stein-Gymnasiums. Ihr Blick richtet sich weg von Speyer und hinein in die Weite des Universums. Die Erde erscheint als kleiner Lebensraum – eine globale Perspektive auf Freiheit, Verantwortung und Menschenrechte, die Grenzen und Generationen überschreitet.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieser Ausstellung: Die alten Schieferplatten erzählen nicht nur davon, woher sie kommen. Die künstlerischen Bearbeitungen eröffnen auch Perspektiven auf die Zukunft.
Ausstellung
„Ziegel-Kunst – eine Speyerer (Kunst-) Geschichte“ bis Sonntag, 20. September, in der Städtischen Galerie, Typografisches Kabinett, Öffnungszeiten: donnerstags bis sonntags und Feiertage, 11 bis 18 Uhr
René Burjack alias Buja erklärt sein farbenprächtiges Werk »Above Speyer / Vom Dach der Freiheit«, Mischtechnik auf Schieferziegeln.Foto: Klaus Landry
Hanna Neuhaus erklärt ihre gefrästen Ziegel.Foto: Klaus Landry
Christoph Anschütz: »Pons Temporis Spirensis / Speyerer Zeitbrücke«, Ziegel mit Bronze und Acrylfarbe.Foto: Klaus Landry
Helene Uhl: Farbstudie.Foto: Klaus Landry