Analyse
Union und SPD in Klausur

Aktualisiert am 27.08.2026, 16:53 Uhr

Klausurtagung der Fraktionsvorstände von Union und SPD

Entschleunigen in der Münsteraner Idylle (von links): Matthias Miersch, Thorsten Frei und Alexander Hoffmann.
© dpa / Lars Berg

Die Vorsitzenden der Fraktionen von CDU/CSU und SPD treffen sich in Münster. Bei der Klausurtagung wollen sie sich auf anspruchsvolle Reformen vorbereiten und gegenseitiges Vertrauen aufbauen. Aber sie schicken auch ein Zeichen des Selbstbewusstseins an die Regierung.

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Ein Tag in Münster ist ein Tag in der heilen Welt. Auf dem glitzernden Aasee kreisen am Donnerstag Segelboote, durch die Schwarz-Pappel am Ufer rauscht der spätsommerliche Wind. Und die Vorsitzenden der Berliner Koalitionsfraktionen lassen sich im Schlenderschritt von den Kameras filmen. Union und SPD sind in der Idylle auf der Suche nach dem nötigen Mut für die nächsten Monate.

Die Fraktionsvorsitzenden, ihre Stellvertreter und Parlamentarischen Geschäftsführer haben sich in ein Hotel am Stadtrand zurückgezogen. Um fernab der Hauptstadt Kräfte zu sammeln für den nächsten stürmischen Herbst in unruhigen Zeiten. Und natürlich auch um ein bisschen „Teambuilding“ zu betreiben, wie es neudeutsch heißt.

Der eigentliche Gastgeber ist gar nicht mehr im Amt

Ob eine Koalition gelingt, hängt auch davon ab, ob man sich zwischenmenschlich versteht. Zu Beginn der schwarz-roten Bündniszeit im Frühsommer 2025 knirschte es da gewaltig. Die Koalition erschien schon nach wenigen Monaten fast so zerstritten wie die Vorgängerregierung. Im August vor einem Jahr trafen sich die Fraktionsvorstände daher in Würzburg, der Geburtsstadt von CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann. Man wollte sich menschlich näherkommen, Mannschaftsgeist beschwören, mögliche Streitpunkte früh ausräumen. Aus Sicht der Teilnehmer mit Erfolg. Vom „Geist von Würzburg“ ist seitdem die Rede.

Allerdings ist seitdem ein weiteres turbulentes Jahr für die Koalition vergangen. Das lässt sich schon an der Kombination aus Ort und Personen am Donnerstag erkennen. Die Stadt für die Klausur der Fraktionsvorstände hat noch Jens Spahn ausgesucht: Spahn stammt aus der Region, hat in Münster seine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht. Er hätte seinen Kollegen die schmucke Universitätsstadt gezeigt, so lautete der Plan.

Doch Jens Spahn ist bekanntlich nicht mehr im Amt. Im Juli ist er wegen der Debatte über seinen von einer Leihmutter ausgetragenen Sohn als CDU/CSU-Vorsitzender zurückgetreten. Auftakt zu einer Personalrochade, die vor allem in der Union für Unruhe gesorgt hat. Inzwischen hat Thorsten Frei das Amt übernommen. Zusammen mit SPD-Fraktionschef Matthias Miersch und CSU-Politiker Hoffmann leitet er die Klausur in Münster. Der Ort ist geblieben, die Konstellation eine andere. Der ursprüngliche Gastgeber verfolgt das Ganze aus geringer Entfernung. Man habe sich am Vorabend in einem Münsteraner Restaurant mit Spahn getroffen, verrät Frei.

Koalition will Streitpunkt früh identifizieren

Der Spahn-Rücktritt und seine Folgen haben die Koalition durcheinander gerüttelt. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als sie in Tritt gekommen war, wichtige Reformen beschlossen oder vorbereitet hatte. Das war auch Spahns Verdienst. Das Ziel lautet nun, in der neuen Konstellation möglichst schnell wieder aufs Rad zu steigen und gemeinsam zu strampeln. Immerhin: Der neue Unionsfraktionschef Frei kann in seiner Aufgabe ohne große Einarbeitung loslegen. Sein SPD-Kollege Miersch versichert ihm in Münster öffentlich sein Vertrauen. Er fühle sich „pudelwohl“ im neuen Amt, sagt Frei.

Doch Wohlgefühle sind in Zeiten der Aufregungsdemokratie schnell vergänglich. In Sachsen-Anhalt könnte die AfD in einer guten Woche einen Erdrutschsieg einfahren, die Zustimmung der Bevölkerung zur Arbeit der schwarz-roten Bundesregierung ist gering, die Wirtschaft kommt kaum in Schwung. Nervös von niedrigen Umfragewerten lassen sich Parlamentarier von Union und SPD da gerne zu gegenseitigen Angriffen verleiten.

Das zu verhindern, ist auch das Ziel der Klausur. Die Spitzen der Fraktionen sprechen die Entscheidungen und Projekte durch, die in den nächsten Monaten anstehen. Sie wollen mögliche Streitpunkte früh ansprechen, anstatt sie plötzlich aufploppen und den nächsten Krach auslösen zu lassen.

Die Rente wird der große Härtetest

Offiziell stehen in Münster Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit auf der Tagesordnung. Doch das große Thema im Raum ist ein anderes: die Rentenreform. Eine Expertenkommission hat 33 Vorschläge gemacht – unter anderem die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren. Dagegen hat sich inzwischen Widerstand innerhalb von CDU und SPD formiert, vor allem in Person der ostdeutschen Ministerpräsidenten.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat in dieser Woche versucht, die Debatte mit einem Basta-Wort zu beenden. Auch Unionsfraktionschef Frei spricht sich dafür aus, die 33 Vorschläge möglichst vollständig umzusetzen. Doch gleichzeitig schicken die Spitzen der Fraktionen auch ein Signal des Selbstbewusstseins aus Münster Richtung Berlin. Sie tragen zwar die Regierung, aber sie geben sich nicht damit zufrieden, die Beschlüsse durchzuwinken. Kein Gesetz komme so aus dem Parlament heraus, wie es dort hereinkomme, erinnert Frei. „Wir sind selbstbewusste Parlamentarier“, sagt Miersch. Soll heißen: Was am Ende wirklich Gesetz wird, entscheidet der Bundestag.

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Im Herbst stehen schwierige Entscheidungen an, die vielen Menschen etwas abverlangen werden. Nicht nur bei der Rente, sondern etwa auch bei der Reform der Pflegeversicherung. Matthias Miersch weist darauf hin, dass viele Bürgerinnen und Bürger zwar nach Reformen rufen – sie aber häufig ablehnen, wenn sie selbst betroffen sind. „Das müssen wir aushalten, aber am Ende müssen wir auch liefern.“ CSU-Landesgruppenchef Hoffmann sagt, nach dem „Geist von Würzburg“ müsse nun der „Mut von Münster“ kommen.

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Während die Fraktionsspitzen sich zu Beratungen in die klimatisierten Hotelräume zurückziehen, sorgt die Sonne draußen für einen lauschigen Spätsommertag. Für den Abend aber ist in Münster Gewitter vorhergesagt. Vielleicht ein Vorgeschmack auf einen unruhigen Herbst.

Verwendete Quelle

  • Besuch der Klausurtagung der Fraktionsvorstände von CDU/CSU und SPD in Münster