Der Abschiedsbrief an die Patientin bestand nur aus wenigen Zeilen. Frauenärztin Wibke Cornelius schrieb darin, dass sie mitbekommen habe, was kürzlich in der Praxis vorgefallen sei. Dass es nicht für sie tragbar sei, wie die Patientin mit ihren Mitarbeiterinnen umgegangen war. Dass zu einem Arzt-Patienten-Verhältnis Vertrauen auf beiden Seiten gehöre – und dass dieses Vertrauen in ihren Augen gestört sei.
Der Ton in Arztpraxen wird rauer – auch in Augsburg
Was war passiert? „Die Patientin hatte sich wirklich unfassbar unverschämt und respektlos verhalten, weil sie warten musste und damit nicht gerechnet hatte“, erzählt Wibke Cornelius, die seit neun Jahren als niedergelassene Gynäkologin in Augsburg tätig ist. „Und das war jetzt keine irrwitzige Wartezeit, sondern 20 Minuten.“ Die Patientin sei laut geworden, habe die Mitarbeiterin am Empfang unter Druck gesetzt und sie beschimpft. An Lösungsvorschlägen sei die Frau nicht interessiert gewesen. Nach dem Zwischenfall sei die betroffene Mitarbeiterin „völlig fertig“ gewesen, erinnert sich die Ärztin. „Sie hat echt gezittert.“
Laut Wibke Cornelius kommen solche Vorfälle immer häufiger vor. Die meisten Patientinnen seien „wirklich lieb“, betont sie, aber die Geduld lasse nach. Mit diesem Gefühl ist sie nicht allein. „Wir bekommen aber immer wieder Rückmeldungen aus der Ärzteschaft, dass es vermehrt zu verbalen Übergriffen und in selteneren Fällen auch zu körperlicher Gewalt gegenüber Ärzten und ihren Mitarbeitenden kommt“, teilt ein Sprecher der Landesärztekammer auf Anfrage mit. Eine Umfrage des Deutschen Ärzteblatts stützt diese Beobachtung: Demnach berichten 56 Prozent der 1619 befragten Ärztinnen und Ärzte, dass Gewalt in ihrem Berufsalltag zugenommen hat, in der ambulanten Versorgung besonders an der Anmeldung und in den Wartebereichen.

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Wibke Cornelius arbeitet seit neun Jahren als niedergelassene Frauenärztin in Augsburg.
Foto: Wibke Cornelius
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Wibke Cornelius arbeitet seit neun Jahren als niedergelassene Frauenärztin in Augsburg.
Foto: Wibke Cornelius
„Seit Corona wird der Umgang immer anstrengender, aber das merken die Leute, die irgendwo im Verkauf arbeiten, genauso“, berichtet eine Medizinische Fachangestellte einer Augsburger Hausarztpraxis auf Nachfrage der Redaktion. Eine andere berichtet, dass Patienten oft frustriert seien, wenn sie keinen Termin beim Facharzt bekommen, und dann die Hausarztpraxis um Unterstützung bitten. „Viele verstehen nicht, dass wir auch nur unter der angegebenen Telefonnummer bei den Praxen anrufen könnten und ebenfalls in den Warteschleifen hängen würden. Dazu haben wir die Zeit nicht.“ Auch wenn sie schon unschöne Situationen erlebt habe, sei der Großteil der Patienten aber verständnisvoll, sagt die Frau.
Gesundheitsreform setzt Arztpraxen unter Druck
„Wie soll die Stimmung schon sein?“, entgegnet eine Dritte, hörbar genervt. „Jede Woche, wenn ich ins Ärztezimmer komme, muss ich berichten, wo überall gekürzt wird.“ Sie bezieht sich auf die Gesundheitsreform, die der Bundestag in Form des Beitragsstabilisierungsgesetzes im Juli beschlossen hat. Das Gesetz soll die gesetzliche Krankenversicherung finanziell stabilisieren und den Anstieg der Beitragssätze begrenzen. Viele Ärztinnen und Ärzte sehen die Reform jedoch kritisch, so auch Frauenärztin Wibke Cornelius.
„Wir vereinbaren seit etwa drei Monaten schon keine Termine mehr fürs kommende Jahr“, sagt sie, denn der Kalender sei bereits recht voll. Die Gesundheitsreform sieht unter anderem eine stärkere Budgetierung und Ausgabenbegrenzung vor. Bestimmte Leistungen außerhalb des Budgets, die bislang bis zu einer Obergrenze von der Krankenkasse vergütet wurden, werden ab 2027 in das Budget einberechnet. Das bedeutet, dass Arztpraxen weniger Leistungen vergütet bekommen – und daher weniger Leistungen anbieten können.
Schon jetzt seien Patientinnen zunehmend frustriert, wenn sie trotz langjähriger Praxistreue keinen Termin bekommen oder von der Krankenkasse trotz steigender Beiträge weniger Leistungen bezahlt bekommen. Beschwerden landen dann überwiegend bei den Mitarbeitenden am Empfang. „Da ist viel Geschimpfe am Telefon“, schildert Cornelius, und erinnert sich daran, wie ihre Mitarbeiterin bei einem anderen Vorfall kürzlich zitternd und mit gerötetem Gesicht vor ihr stand. „Sie brauchte eine Weile zum Verschnaufen, weil die Patientin am Telefon sehr laut geworden war und ihr eine schlechte Organisation vorgeworfen hatte.“
Medizinisches Personal ist häufig die Zielscheibe frustrierter Patienten
Die Frauenärztin versteht die Enttäuschung der Patientinnen, ist selbst gefrustet vom System. „Aber wir sind diejenigen, auf denen die Erklärung lastet, und die dann die ganze Wut und Frustration abbekommen“, klagt sie. „Ich habe wirklich Sorge um meine Mitarbeiterinnen im nächsten Jahr.“ Cornelius geht davon aus, dass sich der wirtschaftliche Druck auf Arztpraxen weiter erhöhen wird, wenn die Änderungen der Gesundheitsreform in Kraft treten. Dass sie Patientinnen abweisen muss und bestimmte Leistungen nicht anbieten kann, auch wenn sie sinnvoll wären. Und dass sie weitere Abschiedsbriefe schreiben muss.