Es ist schön, dass es Caroline Wahl gibt, denn sie ist einer der wenigen Popstars in der deutschsprachigen Literatur, sie ist unsere Taylor Swift. Jedes Jahr veröffentlicht sie einen neuen Roman, den man aber bitte nicht wie einen Roman lesen, sondern wie ein Album hören sollte. Denn diese Texte leben vom Sound, von der Drift der Sprache, und wie gute Songsammlungen haben sie Hooks und Refrains. Es gibt in „22 Bahnen“ und „Die Assistentin“ Balladen und Mitsing-Stücke, Tränenzieher und Abfahrt. Caroline Wahl versteckt Easter Eggs, kleine Überraschungen für werkkundige Fans also, sie will nicht bloß unterhalten, sondern eine Show abliefern, und deshalb ist die nächste Veröffentlichung immer auch der Beginn einer neuen Era. So gesehen ist sie nun in ihrer Müllermilch-Phase angekommen: schmeckt nicht jedem.

„1999 Meter über dem Meer“ heißt das neue Werk der 31-jährigen Schriftstellerin. Auf dem Umschlag steht die Gattungsbezeichnung „Roman“, aber nur, weil man sich in der Verlagsbranche nicht traut, einfach „Zeitschrift“ drauf zu drucken. Bei keiner anderen Künstlerin denken und reden Figuren so, wie Menschen 2026 echt denken und reden. Und kaum eine andere Person bildet Gegenwart so vollfrontal ab wie diese Autorin. Die 368 Seiten ersetzen einen Jahrgang „Glamour“, „Bunte“ und „Vogue“.

Es geht um Samara, die man als Freundin der Hauptfigur Ida aus „Windstärke 17“ kennen könnte. Samara hat ihren Master in Literatur und Geschichte gemacht und tritt demnächst ihren ersten Vollzeit-Job an: in einer Agentur in Berlin, wo sie Influencer betreuen wird. Jetzt braucht sie aber erst mal eine Auszeit, und weil ihre Eltern nicht glauben, dass sie alleine eine Reise macht, bucht sie vier Wochen Bali. Vor Ort merkt sie allerdings: „Bali ist so scheiße.“

Prada-Tasche shoppen in St. Moritz

Man wird in diesem Bücherjahr kaum etwas Lustigeres zu lesen bekommen als die ersten paar Dutzend Seiten dieses Romans. Caroline Wahl genügen wenige Sätze, dann hat man die Figuren vor Augen, die sie beschreibt. Die Paare am Strand etwa, bei denen die eine Person die andere dabei filmt, wie sie im Sonnenuntergang very instagramable am Wasser entlang läuft. „Und als sie dann umkehrt und das Ergebnis überprüft, schimpft sie mit der filmenden Person, wahrscheinlich Boyfriend, und der Typ muss nochmal filmen.“

Samara hockt im stickigen Acht-Bett-Zimmer, in dem die Klimaanlage „nur ganz leicht an ist, weil die nervige Amerikanerin meint, dass AC unhealthy ist“. Trouble in Paradise. Als sie merkt, dass man RTL+ im Ausland nicht streamen kann, bricht sie die Reise vorzeitig ab. Die neue Aufgabe in Berlin ist dann aber auch nicht das richtige, also fährt sie los. Von ihrem „Baba“ hat sie einen Mercedes SL (R129) geschenkt bekommen, Baujahr 1999. Roadtrip, Roadnovel: „Tacho 180 km/h, dreiviertelvoller Tank, 31 Grad.“

Bei Amazon Prime gibt es eine Dokureihe mit dem Titel „Divas“, darin werden Barbra Streisand und Tina Turner porträtiert. Personen also, die in Gedanken ständig „My Way“ zu singen scheinen und einfach immer weiter durchbrechen – egal, was all die anderen sagen. „Haters gonna hate, hate, hate.“ Vielleicht gibt es in ein paar Jahren eine Folge über Caroline Wahl. Sie liefert zum Roman eine parallel laufende Reality-Erzählung. Während die Kollegen noch den Montblanc-Füller aufschrauben, düst sie in einer Mackerkarre nach St. Moritz. Dort führt sie den staunenden Reporter der „Zeit“ in ein Prada-Geschäft und kauft eine „mittelgroße“ Tasche. Sie lässt sich von Mercedes als Markenbotschafterin engagieren. Und dichtet ihrer Hauptfigur ein umstrittenes Lieblingsgetränk an, dessen Name im Buch ähnlich hochfrequent vorkommt wie das Wort „Yeah“ in „She Loves You“ von den Beatles.

Charli XCX als Soundtrack zum Buch

Samara rauscht also durch die Gegenwart und trinkt Müllermilch, bevorzugt Sorten, die wie Duschgels von Rossmann heißen: „Hazelnut Cream Dream“ etwa. Dass der Gründer des Molkereikonzerns fragwürdige politische Verbindungen pflegen soll und es Boykottaufrufe gegen ihn gibt, ist ihr egal: „Müllermilch ist sozusagen mein Laster.“ Sie fährt nun ebenfalls nach St. Moritz, denn der wunderschöne Mann, den sie in Berlin kennenlernte und wie in anderen Texten der Autorin durch „eisblaue Augen“ auffällt (Easter Egg!), hat dort eine Wohnung. Leuten, denen sie begegnet, stellt sie sich mal als Samara vor, mal als Lena; mal ist sie Unternehmensgründerin, dann Fotografin. Und schließlich wird sie Teil der High Society. Ein Hochstaplerinnen-Roman also, ein Liebesroman auch. Zudem eine Reise durch die Gegenwart, wie „Faserland“ von Christian Kracht es gewesen ist.

Caroline Wahl listet Markennamen auf, Lied- und Romantitel. Bei manchen macht das Sinn wie bei „Felix Krull“, und „party 4 u“ von Charli XCX ist wirklich ein guter Soundtrack für eine Geschichte über eine Frau on the road. Die Passagen zu Rilkes „Malte“ und Kunderas „Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ hingegen wirken eher wie Zierde. Benjamin von Stuckrad-Barres „Noch wach?“ wird kursiv gesetzt in einen Dialog eingebaut, vielleicht ein augenzwinkernder Gruß.

Was das Buch leuchten lässt, was überhaupt als größte Leistung Caroline Wahls gelten kann, ist der Sound der Erzählerinnenstimme. Ihr vertraut man sich gerne an, obwohl man ihr ja gar nicht vertrauen sollte. Sie wiederholt Sätze, variiert sie, macht damit Tempo. Und zwischen den Zeilen der ersten Seiten blinzelt einem von Ferne Thomas Bernhard zu. Diese Stimme führt durch die Zeit, man blickt mit ihren Augen auf die Welt, man beginnt irgendwann mit dieser Stimme zu denken, das ist wie ein Ohrwurm.

So fleißig wie Taylor Swift

Im letzten Drittel gibt es inhaltliche Ermüdungserscheinungen. Die dunklen Wolken, die Samara niederdrücken und auf eine Depression hindeuten, gehen nicht weg. Aber ohne dass näher darauf Bezug genommen wird. Die Kapitalismuskritik und Hader über unüberwindbaren sozialen Status muten pflichtschuldig an, sind auch entsprechend leise geschaltet. Das Buch ist eine Spur zu lang.

Das aus drei Sätzen bestehende letzte Kapitel wirkt schließlich wie ein Autobahnzubringer in die Wirklichkeit: Die Heldin ist nicht zu stoppen. Passend dazu wird der Roman mit einem Lesezeichen ausgeliefert, das die Lesetour von Caroline Wahl ankündigt. „I’m shining like fireworks over your sad empty town“, singt Taylor Swift auf „Speak Now“.

Die Amerikanerin bringt Album um Album heraus, Caroline Wahl arbeitet bereits am fünften Roman. Er soll 2027 erscheinen und aus der Sicht eines Mannes geschrieben sein. Durchgedrücktes Gaspedal: Es geht weiter mit 180 km/h.