Erwin Gerblinger hat Fragen. Viele Fragen. Der ehemalige CSU-Stadtrat und heutige Bezirksrat wohnt in Sieben-Häusle, nur wenige hundert Meter entfernt vom Augsburger Müllberg. Obwohl der größten Teils mittlerweile zum Naherholungsgebiet aufgehübscht wurde, plant die Stadt, die Mülldeponie wieder zu erweitern – und mit dem Abfall noch näher an die kleine Siedlung heranzurücken. Auf 300 bis 400 Meter halbiert sich der Abstand für einen Teil der gut 100 Bewohner, schätzt Gerblinger. Er und seine Nachbarn haben Angst vor gesundheitsgefährdenden Stoffen: Ihr Trinkwasser kommt aus Brunnen auf ihren Grundstücken, und auch der Wind hat es nicht weit bis zu ihren Häusern. Sie haben eine Liste mit 29 Fragen an die Stadt zusammengetragen.

Der Müllberg dient heute großteils der Naherholung, nur auf einem kleinen Bereich wird noch Abfall gelagert.

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Der Müllberg dient heute großteils der Naherholung, nur auf einem kleinen Bereich wird noch Abfall gelagert.
Foto: Ulrich Wagner (Archivfoto)

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Der Müllberg dient heute großteils der Naherholung, nur auf einem kleinen Bereich wird noch Abfall gelagert.
Foto: Ulrich Wagner (Archivfoto)

Ende 2028 dürfte die bestehende Anlage voll sein, teilt die Regierung von Schwaben mit, die das Verfahren führt. Weil die Stadt Augsburg gesetzlich stets eine Deponie mit ausreichender Kapazität vorhalten muss, führe an der Erweiterung kein Weg vorbei.

Gerblinger ist in Sieben-Häusle so etwas wie der Kümmerer. Schon 2002 und 2003 organisierte er Widerstand gegen einen möglichen Flugplatzausbau, vor 14 Jahren konzipierte er die Druckentwässerung mit. Ans städtische Trinkwassernetz können die sieben Häuser bis heute nicht angeschlossen werden. Die Bewohner sind auf eigene Brunnen angewiesen, sagt Gerblinger.

Müllberg-Erweiterung: Das Grundwasser macht den Anwohnern Sorgen

Ganz oben auf seiner Sorgenliste: das Grundwasser. Am 1. Juni 2024 sei der Spiegel bei Starkregen bis auf 461 Meter gestiegen – „mit Sicherheit in den Förderbereich der Hausbrunnen“, schreibt Gerblinger. Der gesetzliche Mindestabstand von einem Meter zum höchsten Grundwasserstand sei damit unterschritten.

Das Umweltreferat der Stadt sieht die Lage entspannter. Der Grundwasserschutz werde durch technische Sicherungssysteme und regelmäßiges Monitoring gewährleistet, heißt es auf Anfrage. Für die Erweiterung seien zusätzliche Messstellen eingerichtet worden, und „nach den derzeitigen hydrogeologischen Erkenntnissen“ liege Sieben-Häusle nicht im Grundwasserabstrom der Deponie. Auswirkungen auf das Brunnenwasser seien „nach aktuellem Kenntnisstand nicht zu erwarten“.

Auch bei der Frage, was künftig auf der Deponie landen soll, wollte Gerblinger Klartext statt Paragrafen. Er fürchtet Schlacken aus der Müllverbrennung, Farb- und Lackreste oder Filterstäube. Erlaubt seien nur „mineralische inerte Abfälle“ der Deponieklasse II – konkret Bodenmaterial, Bauschutt, Straßenaufbruch, Schlacken und Asche aus Sanierungen, heißt es von der Stadt. Gefährliche Abfälle gehörten grundsätzlich auf Deponien höherer Klassen.

Stadt Augsburg widerspricht Gerücht über Deponie-Vertrag

Bleibt die Sorge vor Gasen und Aerosolen bei praller Sonne. „Wenn da die Sonne drauf scheint und dann Wind kommt, fliegt es davon“, sagt Gerblinger. Sieben-Häusle liegt in der Hauptwindrichtung, westlich der Deponie. Schlacke aus der Müllverbrennung lasse sich hier nicht ablagern, habe ihm einst der technische Geschäftsführer der Anlage bestätigt, weil sie bei Wind über Hammerschmiede, Firnhaberau und Gersthofen verweht würde. Seitdem werde sie in Bergwerkstollen gelagert – Gerblinger befürchtet, sie könnte doch noch nach Augsburg kommen, sollte das andernorts zu teuer werden. Der organische Anteil sei bei einer Klasse-II-Deponie streng begrenzt, entgegnet die Stadt. Einem Gerücht unter den Sieben-Häuslern erteilt sie zudem eine Absage: Ein Vertrag mit Gersthofen, der 2016 eine spätere Erweiterung ausgeschlossen habe, sei ihr nicht bekannt.

Behörden sammeln Einwendungen zur geplanten Deponieerweiterung

Für zusätzlichen Unmut sorgt der beantragte Sofortvollzug: Käme er, dürfte der AWS bauen, bevor über mögliche Klagen entschieden ist – aus Gerblingers Sicht gibt es dafür keinen Grund. Philipp Höß, Pressesprecher der Regierung von Schwaben, erklärt den Antrag pragmatischer: Der AWS begründe ihn mit der gesetzlichen Entsorgungspflicht der Stadt und der vollen Deponie ab 2028. Entschieden sei aber noch nichts: „Über den Antrag auf sofortige Vollziehbarkeit wird im Planfeststellungsbeschluss erst noch entschieden“, so Höß. Käme sie doch, hätten Anfechtungsklagen keine aufschiebende Wirkung mehr. Betroffene könnten dann „bei Gericht einen Antrag auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung stellen“. Alternativen zum Standort seien ebenfalls geprüft worden: Der AWS komme zu dem Ergebnis, die Erweiterung sei „die sinnvollste Lösung“, zitiert Höß den Antragsteller.

Die Behördenbeteiligung läuft laut Höß noch bis in den Herbst, „erst danach kann der Termin für den Erörterungstermin bestimmt werden“. Direkt bei der Regierung seien „fünf Einwendungen eingegangen“, weitere über Augsburg und Gersthofen seien noch unterwegs. Gerblinger hat seine bereits vorbereitet. Für ihn heißt es vorerst: warten, und weiter Fragen stellen.