Seit Montag kann jeder Bürger mit dem Wahl-O-Mat testen, welche Parteien bei der Abgeordnetenhauswahl gut zu den eigenen Einstellungen passen. Statistische Auswertungen der Ergebnisse gibt es dazu derzeit nicht. Hört man sich unter Wählern im Berliner Zentrum um, scheint es eine Partei bei überraschend vielen auf die vordersten Plätze geschafft zu haben: Volt.
Bei Wahlen in Berlin war Volt bislang nicht erfolgreich
Im politischen Berlin spielt die Kleinpartei bislang eigentlich keine Rolle. Aktuell sitzen ihre Vertreter weder im Abgeordnetenhaus noch in einer der zwölf Bezirksverordnetenversammlungen. Bei der Bundestagswahl 2025 kam die Partei auf weniger als ein Prozent der Stimmen. Wie passt das damit zusammen, dass zumindest laut Wahl-O-Mat viele Berliner Wähler die Inhalte der Partei teilen?
Daniel Hagemann kennt sich mit dem Wahl-O-Mat bestens aus. Seit 2023 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und Projektkoordinator der dortigen Forschung rund um die Online-Hilfe zur Wahlentscheidung.
Inzwischen war Hagemann an mehr als 20 Versionen des Wahl-O-Mats mitbeteiligt. Auch beim aktuellen für die Berliner Abgeordnetenhauswahl. Dort hat er hauptverantwortlich die Überprüfung der Parteienantworten übernommen.
Volt wird vor allem bei Personen weit oben angezeigt, die links-grün und proeuropäisch denken. Das ist in einer Stadt wie Berlin nicht selten.
Politikwissenschaftler Daniel Hagemann
Dass Volt scheinbar bei vielen Berliner Nutzern so hoch im Ranking auftaucht, verwundert ihn nicht. „Volt hat kein abseitiges politisches Profil.“ Die Partei vertrete viele Positionen aus dem links-grünen Milieu. Entsprechend nah sei sie häufig bei Menschen, die SPD, Grüne oder Linke wählen. In Berlin sind das seit vielen Jahren immer mehr als 50 Prozent der Wähler.
Für den Wahl-O-Mat heißt das: „Volt wird vor allem bei Personen weit oben angezeigt, die links-grün und proeuropäisch denken. Das ist in einer Stadt wie Berlin nicht selten“, sagt Hagemann.
Große Übereinstimmung zwischen Volt und der SPD
Wie groß die Übereinstimmungen sind, zeigt sich bei einer Analyse der Antworten der Parteien in der aktuellen Version. Bei 30 von 38 Fragen haben Volt und SPD die gleiche Einschätzung angegeben.
Mit den Grünen stimmt die Partei in 26 von 38 Fällen überein. Unter anderem in Verkehrsfragen, wie beim Ausbau der A100, einer Erhöhung der Anwohnerparkgebühren und zusätzlichen Fahrradstraßen. Aber auch in gesellschaftspolitischen Fragen wie dem Umgang mit Migration und Rechtsextremismus.
Einer der zentralen Unterschiede hingegen zwischen den beiden Parteien: Volt ist nicht gegen die Randbebauung des Tempelhofer Felds, lehnt dafür jedoch die Enteignung von Wohnungskonzernen ab.
In der Vergangenheit sei es auch schon passiert, dass Parteien versucht hätten, ihr Wahl-O-Mat-Ergebnis zu beschönigen, sagt Forscher Hagemann. Dass Volt durch eine bewusste Manipulation ihrer Antworten bei vielen Berlinern so weit oben landet, glaubt er jedoch nicht. „Eine systematische Verzerrung durch eine strategische Auswahl der Antworten durch Volt sehen wir nicht.“
Bei der Erstellung des Tools wird von den Machern zudem auf Konsistenz zwischen Antwortauswahl und Begründung geachtet. Kleinere Ungenauigkeiten könnten dennoch bleiben, sagt Hagemann. Das sei jedoch ein Risiko für die Parteien selbst. „Eine Mehrheit der Leute liest sich die Begründungen der Parteien durch. Dann müssen die Parteien auch dafür geradestehen, wenn es heißt: ,Das passt so nicht.’“
Grundsätzlich komme das Ergebnis beim Wahl-O-Mat in den meisten Fällen der Präferenz der Teilnehmer sehr nahe. „Bei der letzten Bundestagswahl haben wir festgestellt, dass das Wahl-O-Mat-Ergebnis bei neun von zehn Personen, die sagen, sie haben eine klare politische Position, ungefähr oder ganz dem entspricht, was sie eh gedacht haben.“
Was das für die Chancen von Volt bei der Abgeordnetenhauswahl bedeutet? Hagemann ist skeptisch. Zunächst müssten sich Wahl-O-Mat-Nutzer überhaupt die Übereinstimmung mit der Kleinpartei anzeigen lassen. Viele machen das nicht.
„Etwa die Hälfte der Nutzer wählt ganz gezielt Parteien aus, zu denen sie die Ergebnisse sehen wollen, weil sie glauben, die kommen für sie in Frage“, sagt er. „Da ist Volt, ohne der Partei zu nahe treten zu wollen, eher nicht dabei.“
Volt kämpft mit der Fünf-Prozent-Hürde
Daneben bleibt als große Herausforderung bei der Wahl selbst die Fünf-Prozent-Hürde. Das Risiko, es nicht zu schaffen, ist hoch. Entsprechend schrecken viele Wähler vor einem Kreuz auf dem Wahlzettel zurück.
Um als Kleinpartei erfolgreich zu sein, seien zwei Dinge kurzfristig entscheidend, sagt Hagemann: „Tritt die Partei mit einer Person an, die überzeugend ist, und hat die Partei Positionen, die andere Parteien nicht haben.“
Als Beispiel nennt er das BSW. Mit Sahra Wagenknecht hat die Partei eine bundesweit bekannte Führungsfigur. Zugleich füllt die Partei eine gewisse Lücke im Parteienspektrum. 2025 hat es dadurch bei drei Landtagswahlen 2025 zum Einzug ins Parlament gereicht. „Das hat Volt in dem Maße nicht“, sagt Hagemann.
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Die Unterschiede zu bereits etablierten Parteien wie SPD und Grünen seien dafür zu gering. Entsprechend sei es „eher unwahrscheinlich“, dass die Partei über die Fünf-Prozent-Hürde kommt.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: das enge Rennen um den Wahlsieg in Berlin. Gerade weil die Abstände zwischen den anderen Parteien in den Umfragen so eng seien, sagt der Forscher. „Das befördert taktisches Wählen.“