Im Bergischen Konjunkturpodcast der WZ werden eigentlich einmal im Quartal die Sonderumfragen des Regionalen Konjunkturbarometers besprochen. Bisher ging es um Themen wie Rüstung, Investitionen, Cybersicherheit und KI. Nun gibt es die erste Sonderfolge des Podcasts mit Hintergrundinformationen. Darin erklären die Professoren André Betzer und Markus Doumet vom Regionalen Konjunkturbarometer gemeinsam mit Chemiker Hans-Josef Altenbach, wofür die Industrie alles Erdöl braucht.
Benzin, Diesel oder Heizöl – das sind in etwa Stoffe, an die jeder gemeinhin denkt, wenn es um das Thema Erdöl geht. Spätestens seit Beginn des Konflikts um die Straße von Hormus sind da viele – Privatpersonen und Unternehmen – aufgrund der drastisch gestiegenen Preise im Thema. Dabei ist das nur die Spitze des Eisbergs, denn für die chemische Industrie ist Erdöl ein wichtiger Rohstoff.
„Für einen Chemiker ist es sogar immer etwas traurig, wenn er sieht, dass das wertvolle Erdöl verbrannt wird und nur als Energieträger genutzt wird“, sagt Professor Hans-Josef Altenbach. Er war Fachvertreter für organische Chemie an der Bergischen Uni, bevor er in den Ruhestand ging. Erdöl enthalte zum Beispiel wertvolle chemische Produkte, und zwar Kohlenwasserstoffe, die für die Chemie-Industrie besonders von Bedeutung sind. Werden die Gase schließlich abgetrennt, enthalte man Methan, Propan und Butan – um nur einige zu nennen.
Von dem Engpass können entsprechend Unternehmen, die Industrie aber auch Privatleute betroffen sein. Denn wer durch seine Wohnung gehe, treffen ständig auf Dinge, die auf Erdöl basieren. „Im Prinzip alles, was aus Kunststoff ist. Dazu gehört dann Plastik, Textilien, Medikamente, Kosmetik, Waschmittel, Verpackungen, Farben, Klebstoffe, alles möglich. Auch Spielzeug, Autoteile und Smartphones gehören dazu. Wenn man das mal so durchgeht, wird man wenig in einem Haushalt oder im Alltag finden, was nicht ein Folgeprodukt von Erdöl ist“, so Altenbach.
„Momentan ist die Situation an der Straße von Hormus wieder deutlich angespannter. Vor Ausbruch des Krieges waren es etwa 130 Schiffe pro Tag, die die Meerenge passiert haben, nun sind es teilweise nur fünf. Wenn das so über Wochen und Monate bleibt: Wo werden das die Verbraucher spüren“, möchte André Betzer von dem Chemiker wissen. „Eine Verknappung führt immer zur Preiserhöhung. Eine Verknappung führt aber natürlich auch dazu, dass unter Umständen ganze Abfolgen von Produktionsprozessen gestört werden, Dauerproduktionen können eventuell nicht aufrechterhalten werden. Der Normalverbraucher wird die Verknappung wahrscheinlich am ehesten wieder an der Tankstelle zu spüren bekommen“, so die Antwort.
Konkrete Auswirkungen auch für das Städtedreieck
Der Endverbraucher wird in ganz Deutschland dann an der Tankstelle merken, wie abhängig Deutschland ist. Doch auch konkret die Bergische Industrie wird betroffen sein. Allen voran die Werkzeugindustrie. „Man denkt oft nicht daran, dass neben dem Rohstoff Metall, Stahl usw. auch viele chemische Produkte bei der Verarbeitung zum Einsatz kommen“, erklärt Altenbach. Ersatzprodukte gebe es durchaus. Viele davon basieren auf Kohle.
„Schon im Krieg wurde Kohle als Ersatzstoff genommen und für die Verbrennung genutzt. Aber wenn man sich die Mengen anschaut, die auf diese Art und Weise produziert werden können, dann ist das realistischerweise keine richtige Möglichkeit. Insbesondre vor dem Hintergrund, dass in Deutschland Kohle ja nicht mehr vorrangig abgebaut wird“, erklärt der Chemiker. Andere Möglichkeiten würden sich im Bereich der nachwachsenden Rohstoffe finden lassen, allerdings würde das zulasten der Nahrungsmittelproduktion gehen, weil zu viel landwirtschaftliche Fläche beansprucht würde. Kurz gesagt: Es gibt Möglichkeiten, aber nicht eine Lösung für die Mengen, die gebraucht werden.
An der Tankstelle wurden die Preise nach der Eskalation direkt teurer. Nun steht die Heizperiode bevor. Was wird passieren? „Eine Vorhaltung von Rohstoffen ist durchaus da. Ob das ausreicht, da gehen die Meinungen auseinander. Gott sei Dank ist es ja so, dass wir nicht nur aus dem Nahen Osten Erdöl und Erdgas beziehen, sondern dass die Compressible Natural Gas Container auch durchaus aus Kanada, USA oder Südamerika zu uns transportiert werden können und dann einen Teil des Verlusts auffangen. Zudem wurden mittlerweile zwei CNG Terminals errichtet.“
Ein beträchtlicher Teil des weltweiten Heliums wird aus Katar exportiert und muss per Schiff durch die Straße von Hormus transportiert werden. Daran hängt unter anderem die Produktion von Halbleiter. Die Chipproduktion und damit die Automatisierung ist in Gefahr. Auch der Schiffsverkehr mit Aluminium durch die Straße ist weitgehend zum Erliegen gekommen.
Zudem kommt etwa ein Drittel des Düngemittels auf diesem Weg. „Düngemittel betrifft uns nicht so stark, es betrifft auch unsere heimische Industrie weniger. Aber global gesehen ist das ein wichtiger Punkt“, so Altenbach. Und zuletzt kommt der Chemiker noch auf das Thema Lithium zu sprechen. Ein Engpass würde die Produktion von Lithium-Ionen-Batterien betreffen und damit unter anderem die Produktion von Elektroautos.
Zum Schluss sieht der Chemiker aber auch noch eine Chance. Denn die Geschichte hat gezeigt, dass Herausforderungen auch Innovation fördert. Wer mit dem Rücken zur Wand steht, findet häufig auch Lösungen: „Ich bin sehr optimistisch, dass wir über diese Krise hinwegkommen.“