Die Ukraine hat ihre Verbündeten durch die Entwicklung und den Erfolg ihrer Drohnenkriegsführung beeindruckt.

Die Ukraine hat ihre Verbündeten durch die Entwicklung und den Erfolg ihrer Drohnenkriegsführung beeindruckt.

Nikoletta Stoyanova/Getty Images

Die Nato versucht mit Hochdruck, aus den Kampferfahrungen der Ukraine im Krieg gegen Russland zu lernen.

Ein norwegischer Kommandeur warnt jedoch davor, sämtliche ukrainischen Taktiken unkritisch zu übernehmen.

Manche Vorgehensweisen seien nicht unbedingt überlegen, sondern lediglich entstanden, weil der Ukraine bessere Alternativen fehlten.

Während westliche Streitkräfte an der Ausbildung ukrainischer Soldaten beteiligt sind, gewinnen sie zugleich Erkenntnisse über moderne Kriegsführung. Ein Nato-Kommandeur warnt jedoch: Sie müssen unterscheiden, welche Methoden der Ukraine tatsächlich funktionieren – und welche sie nur einsetzt, weil ihr keine bessere Wahl bleibt.

Norwegen leitet die Operation Legio, eine multinationale Mission zur Ausbildung ukrainischer Soldaten im Camp Jomsborg. Das eigens errichtete Trainingslager befindet sich in Polen. Dort arbeiten ukrainische Soldaten und Ausbilder mit Fronterfahrung gemeinsam mit westlichen Trainern.

Durch die Zusammenarbeit mit den Ukrainern sammelt Norwegen Informationen über Taktiken und Ausrüstung, die anschließend vom eigenen Militär geprüft werden.

Brigadegeneral Atle Molde, der die Task Force Legio leitet, sagte BUSINESS INSIDER, das Lager könne für Norwegen „der vielleicht wichtigste Sensor für Informationen“ sein. Wie andere Nato-Verbündete versucht das Land, von den Erfahrungen der Ukraine zu lernen. Dahinter steht die Sorge, dass Russlands Aggression eines Tages die Grenzen des Bündnisgebiets überschreiten könnte.

Molde warnte jedoch davor, alles, was die Ukraine tut, ungeprüft zu kopieren. „Wir lernen jeden Tag von den Ukrainern“, sagte er. „Aber wenn man aus dem Krieg in der Ukraine lernen will, muss man verstehen, was man hört und sieht. Dafür braucht es viel Kontext, Erfahrung und Wissen über das, was man beobachtet.“

Norwegen müsse erkennen, ob die Ukraine bestimmte Ausrüstung oder Taktiken einsetzt, weil sie tatsächlich innovativ sind – oder weil sie „die letzte Option“ und „die letzte Wahl“ darstellen.

Molde zufolge handelt die Ukraine in einigen Fällen tatsächlich so, „weil sie keine andere Wahl hat“.

Die Verbündeten wollen von den neuen Waffen und Taktiken der Ukraine lernen und die richtigen Lehren daraus ziehen.

Die Verbündeten wollen von den neuen Waffen und Taktiken der Ukraine lernen und die richtigen Lehren daraus ziehen.

AP Photo/Julia Demaree Nikhinson

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Die Nato darf ukrainische Taktiken nicht blind kopieren

Im Verlauf des Krieges hat die Ukraine innovative neue Waffen entwickelt. Diese Innovationen beeinflussen inzwischen auch die Ausbildung, die Taktiken und die Waffenbeschaffung der Nato. Die Unterscheidung, auf die Molde hinweist, ist dabei besonders im Hinblick auf Drohnen wichtig.

Die Ukraine setzt Millionen Drohnen unterschiedlicher Typen ein. Sie übernehmen zahlreiche Aufgaben – von der Aufklärung über die Logistik bis hin zu Angriffen. Das Land hat eine große Zahl günstiger Systeme aufgebaut und entscheidende Fähigkeiten und Taktiken entwickelt, die militärische Doktrinen noch Jahre prägen könnten.

Viele dieser Fortschritte entstanden jedoch aus einem Mangel an Artillerie, Flugzeugen und anderen Waffen, über die Nato-Staaten verfügen, die der Ukraine aber nicht in vergleichbarem Umfang zur Verfügung stehen.

Molde sagte, Menschen zögen häufig weitreichende Schlüsse aus Videos von Drohnenangriffen in sozialen Medien. Dadurch betrachteten sie Drohnen als eine „Wunderwaffe, die alle Probleme löst“. Doch das seien sie nicht, sagte er. Sie seien lediglich ein weiteres Werkzeug.

Einige Menschen behandelten Drohnen im Westen fast wie eine Art „Halleluja“, sagte Molde. Eine solche Denkweise könne jedoch dazu führen, dass sich ein Militär auf den vergangenen statt auf den nächsten Krieg vorbereitet.

Ein ukrainischer General habe ihn einmal gewarnt: „Euer Krieg mit Russland würde, falls es dazu kommt, nicht so aussehen wie unser Krieg mit Russland.“ Darüber denke er häufig nach, sagte Molde.

„Wir können nicht alles, was die Ukrainer tun, einfach auf unseren Kontext übertragen“, sagte er. „Dann liegen wir daneben.“ Stattdessen müsse die Nato „sehr, sehr genau“ auswählen, welche Lehren sich übertragen ließen.

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Ein Krieg zwischen Nato und Russland würde anders aussehen

Drohnen haben den Krieg in der Ukraine grundlegend verändert. Nach Angaben ukrainischer Vertreter verursachen sie 90 Prozent der russischen Verluste an der Front. Einen Sieg haben sie der Ukraine jedoch nicht gebracht. Militäranalysten teilen Moldes Warnung, dass westliche Streitkräfte vorsichtig auswählen sollten, welche Schlüsse sie aus den ukrainischen Erfolgen mit Drohnen ziehen.

Ukrainische Soldaten werden in einem eigens dafür errichteten Lager in Polen ausgebildet.

Ukrainische Soldaten werden in einem eigens dafür errichteten Lager in Polen ausgebildet.

Torbjørn Kjosvold / Forsvaret

Justin Bronk, Experte für Luftkriegsführung beim britischen Royal United Services Institute, warnte bereits, die „übermäßige Abhängigkeit“ der Ukraine von Drohnen sei eine Folge ihres Mangels an anderen Waffen. Westliche Streitkräfte sollten nicht versuchen, dies nachzuahmen.

Jakub Jajcay, ein ehemaliger slowakischer Spezialkräftesoldat, der in der Ukraine kämpfte, sagte BI, Drohnenpiloten wüssten häufig, dass sie für eine Aufgabe eigentlich die falsche Waffe einsetzten. Westliche Streitkräfte hätten mehr Zeit und Ressourcen und sollten Drohnen daher nicht zum Ersatz für Waffen wie Artillerie machen, wenn diese besser geeignet sind.

Auch andere westliche Streitkräfte berücksichtigen solche Warnungen.

Major Rachel Martin, Leiterin des „Unmanned Advanced Lethality Course“ der US-Armee, sagte BI, die Ukrainer kämpften „um ihr Leben“. Sie müssten das einsetzen, was ihnen zur Verfügung stehe, weil ihnen die gestaffelten militärischen Fähigkeiten und Waffensysteme fehlten, über die die USA verfügten. Das beeinflusse auch den Umgang der Soldaten mit Drohnen.

Besonders wichtig ist jedoch die Warnung des ukrainischen Generals: Ein möglicher Krieg zwischen der Nato und Russland würde wahrscheinlich völlig anders aussehen als der derzeitige Krieg in der Ukraine.

„Luftstreitkräfte spielen im Krieg in der Ukraine keine wesentliche Rolle“, sagte Molde. „Wäre das bei einem Konflikt zwischen der Nato und Russland genauso? Wahrscheinlich nicht.“

„Es wäre völlig anders“, sagte er.

Weder Russland noch die Ukraine konnten bislang die Lufthoheit erringen. Das hat zu einem zermürbenden Abnutzungskrieg geführt, der stark von Drohnen und Robotersystemen abhängig ist.

Auch das Gelände spiele eine Rolle. Der Osten der Ukraine sei flach, „und das bedeutet etwas“, sagte Molde. Auf Nato-Gebiet müsste Russland einen Krieg daher anders führen.

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Norwegen prüft die Lehren aus der Ukraine

Dennoch können westliche Streitkräfte viel aus den Erfahrungen ukrainischer Soldaten lernen. Die Arbeit im Camp Jomsborg verschaffe Norwegen Wissen und Informationen, sagte Molde. Anschließend würden Institutionen wie das norwegische Zentrum für Landkriegsführung die Erkenntnisse prüfen.

Die Verbündeten betrachten die Ukraine in einigen Bereichen der modernen Kriegsführung als Vorreiter.

Die Verbündeten betrachten die Ukraine in einigen Bereichen der modernen Kriegsführung als Vorreiter.

Roman Chop/Global Images Ukraine via Getty Images

Norwegen suche sich „gezielt alles heraus, was wir können“, sagte er.

Major John, der als S3-Einsatzoffizier die gesamte Ausbildungsmission koordiniert, sagte BI im Trainingslager: „Wir versuchen, von den Ukrainern zu lernen, um die Ausbildung hier zu verbessern, aber auch, um einige ihrer Erfahrungen in unsere eigenen Streitkräfte mitzunehmen.“ Aus Sicherheitsgründen wollte er nur mit seinem Vornamen genannt werden.

Die Ukraine und die an der Ausbildung beteiligten westlichen Streitkräfte „fordern einander heraus“, sagte John. Die Ukrainer verfügten über Kampferfahrung und „das größte Verständnis für die neuen Technologien“. Die westlichen Ausbilder wiederum brächten jahrzehntelang erprobte Doktrinen und bewährte Verfahren mit.

Dass die Verbündeten von den Stärken der Ukraine lernen, sei „ein sehr wichtiger Teil der Ausbildungsmission“, sagte er.

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