Ein „Debakel“ ist ein zu mildes Urteil über das, in das der britische Premierminister Keir Starmer für sich und seine Partei, die ehrwürdige Labour-Party, zur Kommunalwahl im Frühsommer geführt hat – der örtlichen Parteiorganisation in Hückelhovens nordenglischer Partnerstadt Hartlepool ist seit dem 7. Mai auch nicht nach Party zumute, sie verlor alle 12 zur Abstimmung stehenden Sitze des Stadtrats, der insgesamt 36 Mitglieder hat. Zu Zeiten der Begründung der Partnerschaft, 1974, hatte Hartlepool-Labour eine geradezu ungeheure Machtbasis in der Nordsee-Hafen- und Industriestadt, die im Gegensatz zur Schwesterpartei in Hückelhoven, der SPD, noch bis vor fünf Jahren, beziehungsweise bis 2024, hielt.
Keir Starmer als „Master of Desaster“: Die 12 Mandate in Hartlepool holte die Partei „Reform UK“ des bekannten EU-Gegners Nigel Farage (UK: United Kingdom, Vereinigtes Königreich), die überwiegend als „rechtspopulistisch“ gewertet wird. Noch 2024 hatte Labour bei ebenfalls einem Drittel der Kommunal-Wahlbezirke neun von 12 geholt, dazu kamen zwei unabhängige Kandidaten und einer der konservativen Partei. Bis jetzt kontrollierte Labour 20 Mandate im Stadtrat, hat jetzt aber nur noch 14 Sitze.
In Großbritannien können die Kommunen die Ratswahlen splitten auf drei Termine in verschiedenen Jahren der vierjährigen Wahlperiode. Dort gilt das sogenannte Mehrheitswahlrecht, bei dem der jeweilige Kandidat mit den meisten Stimmen, auch mit weniger als 50 Prozent, den Sitz gewinnt. Demnach gibt es auch keine (Reserve-)Listen, aus denen andere Parteien bedient werden können, das Motto: „The winner takes it all!“ Der Gewinner nimmt sie alle! Das bedeutet, dass alle Stimmen für andere Kandidaten nichts zählen. In Deutschland gilt das Verhältniswahlrecht, nach dem die Hälfte der Sitze im Stadtrat über Wahlkreise (also direkt) vergeben wird, die andere Hälfte über die „Liste“ weiterer Kandidaten, in der auch die unterlegenen Stimmen in den Bezirken „gesammelt“ und gewertet werden. Je nach Wahlstimmen der Parteien wird die zweite Rats-Mandatshälfte aufgefüllt.
Jonathan Brash, Labour-Parlamentsabgeordneter für Hartlepool meldete sich unmittelbar nach der Auszählung der Stimmen mit der Forderung nach Rücktritt von Keir Starmer zu Wort. Gewichtig war dabei für ihn auch eine persönliche Betroffenheit, da seine Frau Pamela Hargreaves den Ratsvorsitz gegen die Reform-Partei verloren hatte.
Bei der Unterhauswahl 2019 hatte Labour den Sitz in Hartlepool gehalten, obwohl die Partei landesweit zahlreiche Mandate verlor, und die Tories eine absolute Mehrheit im Londoner Parlament erreichten. Letztere wurden nicht zuletzt deshalb so stark, weil sie als die Partei galt, die den Brexit, also den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, organisiert hatte. 2016 hatte Hartlepool in einem landesweiten Referendum mit knapp 70 Prozent für den Austritt gestimmt.
Interessant für die politischen Strömungen und die Wahlergebnisse in Großbritannien ist, dass Labour 2019 10,3 Millionen Stimmen unter dem damals 70-jährigen Parteichef Jeremy Corbyn holte (und dennoch verlor), während Starmer 2024 beim „erdrutschartigen Sieg“ lediglich 9,7 Millionen Wähler auf sich vereinigen konnte, dennoch siegte. Starmer hatte den Linken Corbyn, der Hunderttausende junger Leute in die Partei geholt hatte, mit ziemlich rüden Methoden aus dem Amt gedrängt, sogar aus der Labour-Fraktion und der Partei ausgeschlossen. Corbyn hatte programmatisch unter anderem die Verstaatlichung zentraler Wirtschaftsbereiche sowie den Austritt aus der Nato vertreten, Starmer vertritt als „Neoliberaler“ gegensätzliche Positionen. Als nun parteiloser Kandidat gewann Corbyn 2024 „seinen“ Wahlkreis Islington in London auch gegen den Labour-Kandidaten mit großem Vorsprung, er hatte den Bezirk seit 1983 bereits im Unterhaus in zehn Wahlen ununterbrochen vertreten.
Hückelhovens Partnerschaft mit dem nordostenglischen Hartlepool datiert aus 1974, sie wurde entwickelt aus Begegnungen über die Zeche in Hückelhoven und Fußball-Jugendspiele, denen weitere Sportgemeinschaften folgten.
Die 70er und die 80er-Jahre wurden für die Partnerschaft eine intensive Zeit, neben den Vereinen begegneten sich auch die Stadtspitzen und -ratsmitglieder häufig, wobei in Hückelhoven die CDU, bis 1984, eine Mehrheit hatte und mit Leo Römer den Bürgermeister stellte. Hartlepool-Labour war so stark, dass man häufiger den Bürgermeister/die Bürgermeisterin wechselte, damit „jeder mal drankam“. Legendär sind die Begegnungen trinkfester Partner in Hartlepool mit seinen 90.000 Einwohnern und Bezug zur Kohleverschiffung von den nahegelegenen Gruben und den knapp 40.000 Einwohnern Hückelhovens mit seiner Kohleförderung.
Seit den 1990er Jahren ist die Städtepartnerschaft so gut wie eingeschlafen – liegt es daran, dass die trinkfesten Gründergenerationen in beiden Kommunen nicht mehr existieren?
Vor wenigen Monaten befreiten Hartlepool und die örtliche Labour-Majorität sich selbst aus einer misslich gewordenen Lage: 2010 hatte man Lord Peter Mandelson zum Ehrenbürger der Stadt erklärt, für die er von 1992 bis 2004 als Labour-Abgeordneter im Unterhaus gesessen hatte. Stark anzunehmen ist, dass man diesem, in London geborenen und lebenden, in der Partei bereits einflussreichen Politiker mit der Kandidatur in Hartlepool insofern einen Gefallen getan hatte, dass man ihm damit einen „todsicheren“ Wahlkreis gegeben hat. Und das war dann auch so, er gehörte in diesen 12 Jahren dem Parlament an, war ein enger Vertrauter des damaligen Premierministers Tony Blair, mit dem er gemeinsam die „neoliberale“ Strategie für „New Labour“ ausgeheckt hatte, man gewann die Wahl wie es auch dem deutschen Mit-Denker-Genossen Gerhard Schröder 1998 gelang.
Mandelson, ein umtriebiger Wirtschaftler, im Eigenauftrag im „Neoliberalismus“ weltweit unterwegs, wurde bei Blair Minister, der ihn 2004 als Handelskommissar der EU nach Brüssel schickte. Der gemeinsame Freund Starmer entsandte ihn Anfang 2025 als Botschafter nach Washington, wo er im September als wiederum enger Vertrauter, „bester Kumpel“, des Finanzmagnaten und Sexualstraftäters Jeffrey Epstein aufflog. Starmer entließ ihn als Botschafter, in Hartlepool jagte eine Krisensitzung die nächste, die Ehre „Honorary Freedom of Hartlepool“ der „Freien Stadt“, eine Form der Ehrenbürgerschaft, wurde von allen Ratsmitgliedern in offener Abstimmung aberkannt.
Hückelhoven wusste schon immer, warum es keine Ehrenbürger ernennt, man hat wohl auch aus dem Dritten-Deutschen-Reich-Desaster mit dem nicht zu unterbietenden Verbrecher Adolf Hitler vor 1945 gelernt – sofort nach dem Krieg wurden die Straßennamen geändert, nicht nur die direkten Nazis verschwanden, auch deren Förderer und Komplize wurde von den Schildern der heutigen Haagstraße und dem Markt eliminiert: Reichspräsident Paul von Hindenburg. Mit dem schmücken sich heute noch zahlreiche Städte in der Bundesrepublik.