Als Architekt Francis Kéré mit den Zeichnungen für die Kinderoase begann, tat er etwas, was Erwachsene oft verlernt haben: Er dachte wie ein Kind. Schräge Wände, Rutschen zwischen den Stockwerken und ein Spielplatz auf dem Dach: Diesen Traum für Kinder brachte der Star-Architekt aus Burkina Faso zu Papier. Nach etwa zwei Jahren Bauzeit ist ein Großteil der Pläne im Münchner Museumsviertel Realität.

Die Kindertagesstätte der Technischen Universität (TU) ist eins der außergewöhnlichsten Gebäude der Stadt, ein Holzbau mitten in der Metropole. Ab Herbst werden Kinder von TU-Angestellten hier spielen, rutschen, klettern und lernen.

Das Treppenhaus führt in einem Zug bis hinauf zum Dachspielplatz. Die Kinder auf dem Bild sind extra fürs Foto gekommen, offiziell eröffnet das Haus im Herbst.

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Das Treppenhaus führt in einem Zug bis hinauf zum Dachspielplatz. Die Kinder auf dem Bild sind extra fürs Foto gekommen, offiziell eröffnet das Haus im Herbst.
Foto: Iwan Baan

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Das Treppenhaus führt in einem Zug bis hinauf zum Dachspielplatz. Die Kinder auf dem Bild sind extra fürs Foto gekommen, offiziell eröffnet das Haus im Herbst.
Foto: Iwan Baan

Von außen leuchtet die Kita der TU in München orange

Das Gebäude entstand auf einer seit dem Zweiten Weltkrieg unbebauten Fläche an der Gabelsberger Straße, nicht weit vom Odeonsplatz. Die Fassade besteht aus 2085 Lamellen aus rostrotem Cortenstahl, in der Augustsonne leuchtet sie fast orange. Mit ihren fünf Stockwerken überragt die Kita die Nachbarhäuser.

Ben Nepomuk Klages vom Büro Kéré Architecture in Berlin hat das Projekt in der Umsetzung begleitet. Direkt in die Planung involviert sei er nicht gewesen, das ist Klages wichtig zu betonen. Denn ebenso gemeinschaftlich, wie das Team von Kéré Architecture an seinen Projekten arbeitet, soll auch das Ergebnis als Erfolg des gesamten Kollektivs wahrgenommen werden. Das Ungewöhnlichste an der Kita ist aus Klages‘ Sicht, „dass die Gruppenräume gestapelt sind und der Außenbereich komplett aufs Dach ausgelagert ist“. Anders wäre es auf dem schmalen Innenstadt-Grundstück gar nicht gegangen.

Die Gruppenräume der Kinderoase sind aufeinandergestapelt.

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Die Gruppenräume der Kinderoase sind aufeinandergestapelt.
Foto: Iwan Baan

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Die Gruppenräume der Kinderoase sind aufeinandergestapelt.
Foto: Iwan Baan

Das Haus ist nur gut 15 Meter breit und knapp 18 Meter tief. Bis auf die Außenschale und das Fluchttreppenhaus ist es ganz aus Holz gefertigt, vor allem aus Fichte. Regionale Materialien sind typisch für Kérés Bauten. Nachhaltig und radikal einfach sollen sie sein.

Der 61-Jährige, der eine Professur in München hält, wurde 2022 mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet, dem Nobelpreis für Architektur. Er baut vor allem soziale Gebäude in der Subsahara, häufig aus Lehm und Ton. Wer sich Bilder seiner Schulen dort ansieht, erkennt Parallelen zur Architektur der Münchner Kita. Und doch gibt es einen riesigen Unterschied.

Unternehmerin Pohl finanziert die spektakuläre Kita in München

„In Burkina Faso machen wir alles selbst“, sagt sein Mitarbeiter. „Wir pressen Ziegel, schweißen jedes Fenster.“ In München stemmten mehrere Architekturbüros und Fachfirmen die Umsetzung gemeinsam. Bei der Stadt spüre man eine „große Offenheit für Design“.

Im Inneren sieht Mitte August alles noch nach Einzug aus. Die geschwungenen Möbel sind nicht ganz aufgebaut, das Spielzeug wartet darauf, dass jemand es auspackt. Eine Wendeltreppe führt bis hinauf zur Dachterrasse. Das zylinderförmige Treppenhaus leuchtet gelb, die Lampen in Mond- und Wolkenform waren eine Idee der Stifterin. Finanziert hat die wohl spektakulärste Kita Deutschlands die Unternehmerin und TU-Ehrensenatorin Ingeborg Pohl.

Architekt Francis Kéré bei der Schlüsselübergabe der Kinderoase im Juli.

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Architekt Francis Kéré bei der Schlüsselübergabe der Kinderoase im Juli.
Foto: Sven Hoppe, dpa

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Architekt Francis Kéré bei der Schlüsselübergabe der Kinderoase im Juli.
Foto: Sven Hoppe, dpa

Bei der Schlüsselübergabe im Juli sagte Pohl, die über die Kosten Stillschweigen bewahrt: „Mit dieser Kinderoase erfüllt sich mein Wunsch, leistungsstarke Frauen in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu unterstützen.“ Das scheint zu funktionieren: Dem Vernehmen nach entschied sich eine der neu berufenen Professorinnen an der TU auch deshalb für München, weil sie in der Kita ihre Kinder gut aufgehoben weiß.

Drei Gruppen mit je etwa 20 Kindern haben hier Platz. Dass jemals eins der Kinder die Treppe hinuntergeht, ist unwahrscheinlich; zu verlockend sind die Rutschen aus Eschenholz, durch die man flugs von Stockwerk zu Stockwerk gelangt. Sie befinden sich in einem verglasten Zwischenbau direkt hinter der Fassade, er hält auch den Straßenlärm fern.

Kinder sollen in der Münchner Architektur-Kita toben und klecksen

Überall riecht es nach Holz, die Wände sind perfekt getüncht. Das dürfte nicht lange so bleiben. Dass Kinder hier toben und klecksen, ist ausdrücklich vorgesehen. Nicht nur auf der „Himmelswiese“ ganz oben. Hier gießt ein Mitarbeiter Salatpflanzen in runden Beeten, sie halten sich trotz der langen Hitze erstaunlich gut. Klages deutet zum niedrigeren Nachbarhaus. Eine Rutsche aufs Dach der Mensa nebenan, das wäre noch ein Highlight. Doch dafür müsste die Mensa erst einmal saniert werden. Ob und wann das passiert, steht in den Sternen, die hier oben ein wenig näher sind.

In Rutschen aus Eschenholz gelangen die Kinder von Stockwerk zu Stockwerk. Wer will da noch die Treppe nehmen?

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In Rutschen aus Eschenholz gelangen die Kinder von Stockwerk zu Stockwerk. Wer will da noch die Treppe nehmen?
Foto: Sven Hoppe, dpa

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In Rutschen aus Eschenholz gelangen die Kinder von Stockwerk zu Stockwerk. Wer will da noch die Treppe nehmen?
Foto: Sven Hoppe, dpa

In einer Sache ist Klages sich sicher: Holz wird sich als Baumaterial auch in Städten etablieren. „Das ist unumgänglich, gerade, wenn wir über die Aufstockung bestehender Gebäude sprechen. Holz hat eine positive Klimabilanz, es ist regional verfügbar, es wächst nach.“ Und es ermögliche schnelleres Bauen. Die Kita in weniger als zwei Jahren fertigzustellen, wäre mit einem anderen Material nicht möglich gewesen. In Zeiten hohen Wohnraumbedarfs hat der Architekt keinen Zweifel daran: „Holz als Baustoff in den Städten kommt und bleibt.“