Es ist noch gar nicht so viele Jahre her, so schildert es der Außenausschuss-Vorsitzende Armin Laschet (CDU) an diesem Freitagabend im Düsseldorfer Maxhaus, da hätten Politiker um Rheinmetall einen großen Bogen gemacht. „Heute überschlagen sie sich“, resümiert der CDU-Politiker. Gleich neben Laschet sitzt auf dem Podium der Mann, den dieser Befund am meisten freut: Armin Papperger, Vorstandschef der Düsseldorfer Rüstungsschmiede.
Dieses neue Wohlwollen, das die Zeitenwende ihm beschert hat, ist dem Rüstungsmanager anzumerken. Launig plaudert er von Treffen mit dem Chef der Investmentbank JPMorgan, lässt Erfolgsmeldungen von einem Wachstum von 70 Prozent im zweiten Quartal fallen und nimmt einen eigenen Versprecher mit Humor: Statt vom F35 – dem Kampfflieger-Erfolgsprojekt in Weeze – spricht er vom F126, also dem Fregattenprojekt, das Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) zum Ärger von Rheinmetall und dessen Aktionären stoppen ließ.
Papperger selbst kann zumindest über den verbalen Schnitzer lachen. Seinen Kritikern, die öffentlich davor warnten, Rheinmetall könne zu groß und zu mächtig werden, hält er entgegen: „Wollen wir erfolgreiche Unternehmen haben, die international erfolgreich sind? Oder wollen wir kleine Micky-Mouse-Companies haben, die wenig Umsatz machen und relativ gut unter Kontrolle sind?“ Das müsse die Bundesregierung entscheiden.
Weitere Großinvestition für Neuss angekündigt
Für die Region, besser gesagt: für die Nachbarstadt Neuss, hat er gleich noch eine Ankündigung dabei: „Was wir machen wollen hier in NRW und was auch in Abstimmung mit der Ministerin ist, dass wir ein Technologiezentrum aufbauen.“ Dieses solle die Produktionsstätte in Neuss ergänzen, wo nach Angaben des Konzernchefs schon jetzt Woche für Woche ein neuer Satellit gefertigt werde und zwei Milliarden Euro Umsatz erzielt würden. „Daneben wollen wir ein Technologiezentrum bauen und 250 Millionen Euro investieren – auch gemeinsam investieren. Wir wollen 500 Wissenschaftler drin haben, die die Künstliche Intelligenz machen, die den gesamten Bereich Digitalisierung und Satellitentechnik machen.“ Das Technologiezentrum solle gleich neben der Fertigungsstätte entstehen. „Das ist da, wo wir es hinbauen möchten – und ich denke auch werden.“ Man werde künftig in diesem Hochtechnologie-Bereich in NRW ein Cluster haben, in dem 5000 bis 6000 Menschen arbeiteten und forschten.
„In NRW sind wir stark und wachsen stark“, verspricht er. Stahlproduzenten aus Indien und China habe er rausgeschmissen. „Ich kaufe heute den Stahl für etwas mehr Geld in Deutschland.“ Dafür gibt es den wohl lautesten Applaus an diesem Abend. Doch Papperger ist noch nicht fertig: Im Verteidigungsbereich habe man 34.000 Mitarbeiter, aber noch einmal dreimal so viele in der Lieferkette. An die 11.500 Zulieferer werde man allein in diesem Jahr Aufträge in Höhe von acht Milliarden Euro vergeben – 20 Prozent entfielen auf NRW. Bis 2029 werde Rheinmetall etwa 300.000 Menschen beschäftigen und davon 220.000 in Deutschland. „Eine echte Jobmaschine.“
Kritik an der Außenpolitik des Kanzlers
Doch auch jenseits des rheinmetallenen Muskelspiels hat der Abend der Academy for International Affairs den Zuhörern, darunter der Sicherheits-Experte Carlo Masala, einiges zu bieten. Etwa parteiinterne Kritik am Außenkanzler Friedrich Merz (CDU). Armin Laschet, früherer NRW-Ministerpräsident und nun Außenpolitiker, macht kein Geheimnis daraus, dass er die Europa-Politik von Merz für wenig überzeugend hält. Er kritisiert einerseits, dass sich Merz nur mit Frankreich und Großbritannien abspreche und die kleinen Staaten damit de facto übergehe. Das habe Helmut Kohl besser gemacht. Auch kritisiert er, dass die EU von den USA bei den Verhandlungen mit Russland über einen möglichen Frieden in der Ukraine außen vorgelassen würde. Da reiste dann der Schwiegersohn des Präsidenten und ein US-Geschäftsmann nach Moskau. Den jüngsten Besuch des CIA-Chefs in Moskau begrüßt Laschet zwar. „Es ist gut, dass er da war.“ Fügt jedoch hinzu: „Sowas kann man nur, wenn man im Dialog ist.“
„Russland rüstet für 2029“
Sebastian Hartmann, langjähriger SPD-Landesvorsitzender und inzwischen Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, warnt, dass Deutschland mit Blick auf eine russische Aggression die Zeit davonlaufe. 2029 sei der Zeitpunkt, auf den Russland hinarbeite – indem dort Kapazitäten aufgebaut, Munition um- und eingelagert werde und Militärbezirke neugeordnet würden. Entsprechend gelte es, sich in allen Bereichen vorzubereiten. „Die Rede von der Zeitenwende ist länger her als das Stichwort 2029.“
„Mit warmen Worten schreckt man Putin nicht ab“
NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) nutzt Hartmanns Anwesenheit gleich mal für einen Appell in Richtung Bund. Die unendlichen Mittel im Verteidigungsetat müssten auch dafür genutzt werden, dass Gelder für die Forschung zur Verfügung gestellt werden. Man benötige eine starke Rüstungsindustrie, sagte Neubaur. „Weil von warmen Worten oder starken Reden sich jemand wie Putin eben nicht abschrecken lässt.“