Irgendwie hat ja immer alles mit Neuss zu tun – auch wenn man gar nicht damit rechnet. Unter den ersten zehn Autos, die einem am Urlaubsort begegnen, ist ziemlich sicher eins mit NE-Kennzeichen. Oder – etwas weniger offensichtlich – das Mitbringsel von der Ferieninsel für die Lieben daheim: ein Gläschen feinstes Meersalz à la „Sylter Heckenrose“ aus der Genuss-Macherei in List. „Ach, von Alexandro Pape“, klingt es erfreut, „das ist doch ein Neusser!“ Stimmt natürlich: in Grimlinghausen geboren, später Koch im „Herzog von Burgund“, schließlich einer der Stars in der Sylter Gastroszene.

Und wo wir gerade schon gedanklich beim Genuss und an der Nordsee sind: Neulich auf der Suche nach neuen Rezepten in der ZDF-Mediathek gelandet: „Die Küchenschlacht“ – eine Kochshow, in der jede Woche sechs Hobbyköche gegeneinander antreten, begleitet von Deutschlands populärsten TV-Köchen als Moderatoren und Juroren. In der ersten Sendung werden alle Teilnehmer vorgestellt, so auch „Sebastian aus Wesselburen“, eine Kleinstadt zwischen Sankt Peter-Ording und Büsum. Was der Mann in 35 Minuten Kochzeit auf den Teller bringen will, klingt so ambitioniert wie lecker: Lachsfilet mit Zitronen-Dill-Risotto und Fenchel-Apfel-Salat. Tatsächlich holt der 44-Jährige damit den Tagessieg. Zwei weitere Sendungen vergehen (und mit ihnen Thunfisch-Tataki auf Mango-Chutney sowie BBQ-Blumenkohl-Steak mit Kichererbsen-Spinat-Salat), bis Sebastian – inzwischen im Halbfinale angekommen – in einem schwarzen Poloshirt aufläuft und Moderator Alexander Kumptner prompt auf die Aufschrift an der Rückseite aufmerksam wird. „D’r Maat erop?“ Der österreichische Koch versteht nur Bahnhof. „Das ist mein Schützenzug“, erklärt Sebastian. Auf der anderen Seite des Fernsehers dämmert es: Ein Schütze!!! Aus Neuss natürlich, wie das Stadtwappen unter dem Namenszug groß und deutlich klar macht.

Die Recherche kommt schnell in Gang. Dass es sich um einen Grenadier handelt, ist anhand der Fotos zu erkennen, die das ZDF im Laufe des Geplänkels zwischen Profi- und Hobbykoch einspielt: Weiße Hose, Frack (in dem Fall ein Cut), Zylinder, Grünzeug drum. NGZ-Kollege Norbert Mösgen ist im Zug „D’r Maat eraff“, der vor fast 50 Jahren aus „D’r Maat erop“ hervorgegangen ist. Ob die sich kennen? „Hm, das muss der Spieß sein“, sagt der altgediente Kollege und deutet auf die goldenen Doppellitzen und die dicken Knöpfe am Revers. Kurze Zeit später liegt eine Handynummer vor. Ringelbim. „Sebastian Hartmann, hallo?“ – „Sind Sie der kochende Schütze aus dem Fernsehen?“ – „Ja, der bin ich wohl“, sagt er verblüfft und lacht.

Zeit für ein Treffen. In Neuss, versteht sich, denn in die alte Heimat kehrt Sebastian Hartmann sowieso oft und regelmäßig zurück. „Meine Eltern wohnen in Grefrath“, erzählt er, „wenn ich die besuche, kann ich dort auch übernachten.“ Die anderen Anlässe für die 560 Kilometer lange Strecke von Wesselburen nach Neuss gibt der Terminkalender des Schützenzugs vor: Einmal im Monat ist Versammlung, daneben gibt es weitere Zug-Veranstaltungen, Patronatstag, Korpsschießen, ab Frühjahr einmal pro Woche Fackelbau und schließlich das große Fest.

Da muss doch die Frage erlaubt sein, warum er überhaupt weggezogen ist. „Mich hat es schon immer ans Wasser gezogen“, sagt der 44-Jährige, der das Segeln lange als Leistungssport betrieben hat. 30 Jahre war er Mitglied im Kaarster Segelclub. Beim Yachtclub Novesia hatte sein Opa ein Schiff liegen. „Damit bin ich bei der ‚Rheinwoche‘ mitgesegelt, ein Mal hab ich auch gewonnen.“ Zuletzt hat Sebastian Hartmann mit seiner Familie in Viersen gewohnt. Beim Urlaub mit den Kindern an der Nordsee hatten er und seine Frau Tanja (39), die er vor 14 Jahren in Holzheim kennengelernt hat, die Idee, dass es doch toll wäre, immer dort zu leben. Was folgte, war „eine Meisterleistung meiner Frau neben ihrem Vollzeitjob im Marketing: Innerhalb von sechs Wochen hatten wir ein Haus, Jobs und Schulen – und das alles nur zehn Minuten von der Nordsee entfernt“.

Dass er jetzt so oft im Auto sitzt, um in die alte Heimat zurückzukehren, stört Sebastian Hartmann überhaupt nicht. Als Vertriebsleiter in der Medizinbranche ist er Fahrerei gewohnt. Und für seinen „Herzensverein“ ist ihm sowieso kein Weg zu weit. „Ich habe eine innige Verbindung zu meinen Zugkameraden und eine tiefe Verbundenheit zur Stadt“, lautet seine Liebeserklärung. Für das Treffen mit der NGZ hat er das Café Extrablatt am Markt ausgesucht, gegenüber der Häuser mit den pastellfarbenen Fassaden. Sein Blick fällt auf das große rot-blaue Eckhaus. „Bandagist Wilhelmi“ steht daran noch in weißen Lettern. „Das ist das Elternhaus meines Vaters und Onkels“, erklärt Hartmann. Über 90 Jahre war es in Familienbesitz. Inzwischen ist das Sanitätshaus an die Niederstraße umgezogen. Der kleine Sebastian ist an der Sebastianusstraße aufgewachsen (besser geht’s nicht). „Ich bin in St. Quirin getauft worden, hab später den Quirinus-Kindergarten und die Münsterschule besucht.“ Zu seinen Lieblingsorten in Neuss gehören heute noch der Münsterplatz und der Rosengarten.

„Wir Neusser sind schon ein eingeschworenes Völkchen“, sagt er – und Stolz schwingt mit. „So etwas habe ich noch nirgendwo anders kennengelernt.“ Seine neuen Freunde in Wesselburen sind offenbar angetan von den Schwärmereien über die Kameradschaft bei den Schützen, ein Nachbar etwa möchte gerne mal als Gastmarschierer mitmachen. „Das schönste ist, dass bei uns jeder gleich ist und dass wir alle Generationen vereinen. Unser Zug hat Mitglieder im Alter von 17 bis 89 Jahren.“ Er selbst ist vor 28 Jahren durch seinen Vater Ulrich in den Zug „D’r Maat erop von 1954“ gekommen, der über 20 Jahre dessen Oberleutnant (heute Ehren-Oberleutnant) war. Inzwischen ist Sebastians Sohn Jonathan (11) als Fähnrich mit dabei. Ein emotionales Highlight war die Parade 2025, als drei Generationen Hartmann zusammen marschiert sind. „Ich bin mit Tränen über den Markt gelaufen“, gesteht Sebastian Hartmann. Auch seine Tochter Julia (9) war schon mit von der Partie. Sie hat mit ihrem Bruder beim Fackelzug das Transparent vorweg geschoben. Dass der Zug immer eine Großfackel baut, ist gute Tradition. Ebenso, dass es immer ein Kinder-Thema gibt. Dieses Jahr wurde für das Motto Biene Maja ein neues Fackelgestell genutzt, das sie vom Zug „D’r Maat eraff“ übernommen haben.

Und was haben die Schützen gesagt, als sie ihren Kameraden im TV gesehen haben? „Ich hab es ihnen kurz vorher erzählt, weil ich fragen wollte, ob es okay ist, wenn Fotos vom Schützenzug gezeigt werden“, sagt Hartmann. Vorher ahnten die Kameraden nichts von seiner Leidenschaft fürs Kochen. Dann aber haben sie natürlich mitgefiebert. Drei Tage lang wurden die fünf Folgen, die im Januar ausgestrahlt wurden, in Hamburg aufgezeichnet. „Das war ein wirklich tolles Erlebnis“, lautet sein Fazit. Beworben hatte er sich spontan und die Zusage kam schneller als erwartet. Nur eine Woche hatte er Zeit, um seine Gerichte einzureichen, Probe zu kochen und Fotos davon zu schicken. Trotz blutig zerschnittener Finger in der ersten Sendung, die nicht umsonst Küchenschlacht heißt, sorgte sein Essen für Begeisterung bei den Juroren. Drei-Sterne-Koch Christoph Rüffer hat im Backstage-Bereich sogar noch den Rest vom Kichererbsen-Spinat-Salat verputzt, weil der ihm so gut geschmeckt hat. Die Rezepte gibt es übrigens online.

Wenn Sebastian Hartmann nach Neuss kommt, zieht es ihn zum Schlemmen gern ins Vogthaus (wie zuletzt am Majorsehrenabend), in den Dom oder ins Früh. „Gut bürgerliche, rheinische Küche ist genau mein Ding“. Schade, dass er ausgerechnet mit „Himmel un Ääd nach Opa Ullis Art“ ausgeschieden ist. Aber das war immerhin erst im Halbfinale der Show – und da gibt es ja noch die Familien-Challenge. „Meine Frau hat gesagt: ‚Wenn du eine Runde weiter kommst, bewerbe ich mich auch.’“ Wäre doch prima, wenn dort mal ein Nüsser Rösken am Herd steht, um ein weiteres Mal die Werbetrommel zu rühren für dieses eingeschworene Völkchen aus Neuss, das im Rest der Welt seinesgleichen sucht.