Kann das funktionieren, über drei Monate mit einem eineinhalbjährigen Kind per Fahrrad durch Europa zu reisen? So manche Bekannte und Verwandte von Maria Sedlmayr und Markus Paul Kiem aus Pürgen (Landkreis Landsberg) hatten vorab Zweifel. Doch die beiden nutzten ihre Elternzeit, um von Ende April bis Mitte August über 5000 Kilometer zurückzulegen. Über die Planung und Erfahrungen während der Tour hat unsere Redaktion mit den beiden gesprochen.

„Wir sind viel draußen, Sommer wie Winter“, sagt Markus Paul Klein. Er arbeitet beim Automobilzulieferer Hirschvogel in Denklingen und fährt die 15 Kilometer zur Arbeitsstelle und wieder zurück mit dem Rad. Bei den beiden wechseln sich Rad- und Wanderurlaube ab. Sie haben auch schon den Elberadweg von Prag nach Hamburg abgefahren und die Alpen auf diese Weise überquert.

Radurlaub: „Mit Kind ist es natürlich noch mal etwas ganz anderes“

„Mit Kind ist es natürlich noch einmal etwas ganz anderes“, sagt Maria Sedlmayr. Sie habe auch mehr Bedenken gehabt als ihr Partner. Beispielsweise was die Frage angeht, wie lange der kleine Lukas Paul wohl bereits sei, im Anhänger sitzenzubleiben. Deswegen wurde noch ein Sitz an ihr Rad angebaut, damit er nahe bei Mama sein kann. „Uns war klar, dass solch ein Vorhaben nach einer Woche beendet sein könnte wegen eines Sturzes, Krankheit oder weil es mit Kind doch nicht funktioniert“, sagt Markus Paul Kiem. Insgesamt habe es während der Reise gut geklappt, bilanzieren die beiden.

Der ursprüngliche Plan war, ans Nordkap zu radeln. „Das ist ein Lebenstraum von uns. Wir waren aber vor Jahren in Island schon mal campen. Das Thema Nässe in Nordeuropa war uns dann mit Kleinkind doch zu heikel. Das machen wir vielleicht in ein paar Jahren“, sagt sie. Ein Wunsch, den sie ebenfalls schon länger hegte, war, einmal nach Albanien zu fahren. Das sei eher ein „Bauchgefühl“, dass sie nicht genauer begründen könne. Daraus entstand die Idee bis nach Donauwörth zu radeln und dann bis Belgrad immer an der Donau entlang. Von dort ging es weiter über Sarajevo nach Montenegro und Albanien. Eigentlich wollten die beiden auch einen Abstecher in den Kosovo machen, verzichteten aber darauf, nachdem ein Magen-Darm-Virus die Familie in Montenegro erwischt hatte.

Familie aus Pürgen bewältigt die Strecke ohne Motor am Fahrrad

Ihre Reise stellten sie unter das Motto „Tour de Spielplatz.“ Immer das nächste Ziel vor Augen, an dem sich Lukas bewegen und Spaß haben konnte. Letztlich gab es aber gar nicht so viele Spielplätze, wie erhofft. Sie packten zudem Spielzeug und kleine Bücher ein. Der 45-jährige Vater hatte vorher ein grobes Gerüst erarbeitet, auf welchen Zeltplätzen und in welchen Pensionen sie übernachten. Das erklärte Ziel waren 55 Kilometer am Tag.

„Bis Belgrad war das Terrain flach, da sind wir ansatzweise noch an den Wert rangekommen, danach war daran aber nicht mehr zu denken“, erinnert sich die Mutter. Sie fuhr mit ihrem generalüberholten zwölf Jahre alten Tourenrad und er mit einem auf solche Reisen ausgelegten Rad mit Stahlrahmen. Eine Frage, die sie während der Reise öfter hörten, war die nach dem Motor, doch keines der Räder hat einen.

60-mal übernachtete die Familie auf ihrer Tour durch Europa auf Zeltplätzen.

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60-mal übernachtete die Familie auf ihrer Tour durch Europa auf Zeltplätzen.
Foto: Sedlmayr

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60-mal übernachtete die Familie auf ihrer Tour durch Europa auf Zeltplätzen.
Foto: Sedlmayr

Als sie starteten, schliefen sie noch mit Mütze und im Daunenschlafsack, doch dann setzte Anfang Mai die Hitze ein. In Passau wurde die Familie dann von Maria Sedlmayrs Schwester besucht. „Da haben wir einige Sachen getauscht und einiges mehr mit zurückgegeben als uns gebracht wurde“, sagt sie. Zum Start hatten beide je rund 50 Kilogramm Gepäck dabei. Als sie nun wieder ankamen, waren es bei ihr noch 20 Kilogramm und bei ihm 35 Kilogramm. Sie schickten von unterwegs einiges per Paket nach Hause.

An Kleidung hatten die beiden für sich nur das Allernötigste dabei, wuschen unterwegs. Für den kleinen Lukas wurde etwas mehr eingepackt. 54-mal übernachteten sie in Pensionen und 60-mal auf Zeltplätzen. „Wir haben uns vorher extra ein Vier-Mann-Zelt mit Vorraum gekauft. Dass man sich bei schlechtem Wetter auch mal ausweichen und dort kochen kann“, sagt er. Regen hatte die Familie während der drei Monate aber nur an drei Tagen.

Was Ihnen während der Reise auf dem Balkan auffiel, war das extreme Gefälle zwischen den modernen Städten und den ländlichen Regionen, was deren Infrastruktur angeht. „Es kommt einem vor, als hätten sie die Dörfer vergessen.“ Das traf auch auf das Thema Radwege zu. „Ich habe deswegen vorab schon darauf bestanden, dass wir beide Warnwesten tragen“, sagt sie. Dass sie viel auf Straßen unterwegs gewesen sind, habe sich aber als weniger problematisch erwiesen als zuvor befürchtet. Auto- und Lkw-Fahrer hätten sich mittels Hupe bemerkbar gemacht und dann überholt.

Genauso selten wie Radwege sind auch Touristen in den ländlichen Regionen des Balkans. „Wir haben dort sehr viel Herzlichkeit erlebt. Das ist auch am Gardasee der Fall, wo wir schon häufiger waren. Dort ist es aber professionell höflich, auf dem Balkan kam es von Herzen.“ Sie wurden immer wieder zum Essen und Trinken eingeladen. Meist sei der kleine Lukas der Türöffner gewesen, um ins Gespräch zu kommen.

Die Piva-Schlucht in Montenegro beeindruckte Markus Paul Kiem besonders.

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Die Piva-Schlucht in Montenegro beeindruckte Markus Paul Kiem besonders.
Foto: Sedlmayr

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Die Piva-Schlucht in Montenegro beeindruckte Markus Paul Kiem besonders.
Foto: Sedlmayr

Die Hitze hatte auch Auswirkungen auf ihren Tagesablauf. „Wir haben dann entschieden, dass wir sehr früh starten“, berichtet er. Konkret bedeutete dies, dass sie zwischen 7 und 7.30 Uhr schon wieder auf dem Rad saßen und mittags am nächsten Etappenziel waren. Viele Ausflüge machten sie nicht und streiften die Hauptstädte der Länder nur, genossen aber die Natur entlang der Strecke. Als „sagenhaft schön“ bezeichnet Markus Paul Kiem die Piva-Schlucht in Montenegro. Seine 33-jährige Partnerin schwärmt vor allem von der Landschaft in den Apenninen. „Wir kennen den Gardasee und die Toskana gut, aber der Teil Italiens hat mir das Land noch näher gebracht.“

Einen wunderbaren Sonnenuntergang erlebte die Familie in Süditalien. Auf dem Bild ist die durch Erosion geformte Lehm- und Tonlandschaft (Calanchi) zu sehen.

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Einen wunderbaren Sonnenuntergang erlebte die Familie in Süditalien. Auf dem Bild ist die durch Erosion geformte Lehm- und Tonlandschaft (Calanchi) zu sehen.
Foto: Sedlmayr

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Einen wunderbaren Sonnenuntergang erlebte die Familie in Süditalien. Auf dem Bild ist die durch Erosion geformte Lehm- und Tonlandschaft (Calanchi) zu sehen.
Foto: Sedlmayr

Und kamen Sie während der Reise an den Punkt, dass sie genug hatten? „Bei Markus gibt es diesen Punkt nicht“, sagt sie und schmunzelt. Am Koman-Stausee in Albanien sei sie wegen der Hitze und der Steigungen fast so weit gewesen. Sedlmayr ließ sich und Lukas aber in Österreich von den Eltern abholen. „Ich wollte nicht an dem Punkt aufhören, an dem ich losgefahren bin.“ Er bewältigte die letzten 200 Kilometer an einem Tag allein. „Da konnte ich mich noch mal richtig auspowern“, sagt er sichtlich zufrieden.