Im Bundesrechnungshof zu Bonn werden wieder Vokabelhefte geführt. „Böllerempfang“ war eines der ersten Worte, das die Damen und Herren in der Chefetage lernen mussten, als Ansgar Heveling dort als neuer Präsident einzog. Denn der langjährige CDU-Politiker ist jedes Jahr Gast der NGZ bei diesem Auftakt-Event. Und auch wenn der Grenadier aus dem Zuge „Ausgebüxt“ seinen Königsorden wegen der strengen Compliance-Regeln in dieser Bundesbehörde „wahrscheinlich in Staatsbesitz überführen muss“, wie er vermutet: Erst einmal darf er ihn stolz und zu Ehren von Schützenkönig Franz Josef Odendahl tragen. Denn die Nachricht des Samstags lautet: Es ist Schützenfest!
Mit neun Salven aus jeweils drei Rohren kündigten die städtischen Geschütze um Punkt 12 Uhr weithin hörbar an, dass Neuss in den „Gaudete-Modus“ gewechselt ist. Man lebt wieder „op de Dag“, wie auch die Fahne in den Farben der Stadt zeigt, die gleichzeitig auf dem Turm von St. Quirinus entrollt wurde. „Kirmes, Kirmes“, war die Botschaft – aber war das wirklich die Nachricht des Tages?
Mehr Bedeutung für die Stadt insgesamt dürfte haben, dass das Land Nordrhein-Westfalen und der Rüstungskonzern Rheinmetall ein Technologie- und Innovationszentrum auf der Hafenmole I etablieren wollen, gleich neben dem Rheinmetall-Werk, wo unter anderem Satelliten für das Militär gefertigt werden. „Ein Defence-Center wird entstehen“, bestätigte Bürgermeister Reiner Breuer im Interview mit NGZ-Redaktionsleiter Rainer Leurs beim Böllerempfang der NGZ. Gut 500 Wissenschaftler werden in diesem Zentrum einen neuen Arbeitsplatz finden und an Lösungen für die Wehrwirtschaft arbeiten. Er sei dankbar, sagte Breuer, dass Rheinmetall-Konzernchef Armin Papperger am Freitag in Düsseldorf öffentlich gemacht hat, woran hinter den Kulissen schon seit Monaten gemeinsam gearbeitet werde. „Ich bin froh, dass das kommen wird“, sagte Breuer auch mit Blick auf die zu erwartenden Impulse für den Wirtschaftsstandort Neuss.
Etwas mehr Zukunftstechnologie hätten sich vielleicht auch die drei Kanoniere gewünscht, die die städtischen Geschütze erstmals auf der Treppenanlage oberhalb vom Hafenbecken I in Stellung bringen mussten. Dennis Kluge und seine Böller-Kollegen Birgit Bossems und Thomas Mathen hatten an ihrem „Bunker“ auf dem Wendersplatz zunächst die abzufeuernden Kartuschen gestopft und mussten dann beim Probeschießen (nur mit Zündhütchen) aber feststellen, dass ein Geschütz nicht auslöst. Der Schlagbolzen war defekt. Ersatz war zum Glück schnell gefunden – und zwar im Schreibtisch eines der Kanoniere im Neusser Rathaus. „Man muss nur entspannt bleiben“, sagt Mathen.
Entspannt blieb auch Schützenkönig Franz Josef II. bei einer ganz anderen Panne. Beim Fassanstich der Bitburger-Brauerei, dem neuen Partner des Neusser Bürger-Schützen-Vereins, fiel nach seinen Schlägen gleich zweimal die Tülle vom Zapfhahn ab. Kostenpflichtiger Inhalt Der Bürgermeister, der tags zuvor beim Fassanstich zur Kirmeseröffnung nur einen Schlag gebracht hatte, machte aus dieser Kunst ein Geheimnis. Auf die Frage, wie er das bewerkstelligt habe, antwortete er im Interview vor mehr als 200 Gästen beim Böllerempfang nur knapp: „Den Trick verrate ich nicht – auch nicht dem König.“
Der Empfang fand erstmals unter freiem Himmel und nicht mehr im Frankenheim-Zelt auf dem Wendersplatz statt, weil dieser in diesem Jahr wegen der Landesgartenschau nicht zur Verfügung steht und im kommenden Jahr wegen der Arbeiten am Neubau eines IHK-Bildungscampus der IHK. Mehrere Optionen für das Böllern seien durchgespielt worden, berichtet Ordnungsdezernent Holger Lachmann, dann stand der Standort Hafentreppe fest. „Wir haben das Hafenbecken geräumt“, sagt Dominik Baum, Geschäftsführer der angrenzenden Ölmühle C.Thywissen. Eine Sicherheitsmaßnahme, ergänzte er mit Blick auf die weiter entfernt vertäuten Schiffe – „bevor die Holländer zurückschießen“.
Der Standort ist neu – aber ist er auch von Dauer? Zumindest zog das Spektakel mehr Zuschauer an, als das Salutschießen früherer Jahre auf dem Wendersplatz. Und Schützenkönig Franz Josef II. plädierte umgehend dafür, an dieser Lösung festzuhalten. „Das war mega.“