Bielefeld. „Traute & Muse“ – das klingt schon wie Poesie für Nadel und Faden. Leicht vorstellbar, dass daraus sinnliche Kleidung entsteht, die sich trägt wie ein Gedicht. Selbst dann, wenn es sich um Rüstungen handelt, die „Hermann“ und seine Cherusker gerade von Anna Sun Barthold-Torpai auf den Leib geschneidert bekommen. Anlass ist die Premiere am 19. September im Theater Gütersloh. Die Kostümbildnerin bildet zusammen mit Modedesignerin Astrid Mußmann eine Hälfte des kreativen wie konstruktiven Werkstattkollektivs an der Arndtstraße 21. Denn dort gibt es nicht nur die Stoffe, aus denen sie den einen oder anderen Traum schneidern – sondern auch Rasierapparate.
Von der Firma Braun. Doch was wären die deutschen Klassiker der Trockenrasur-Kultur ohne einen Mechaniker, der die Geheimnisse all dieser Geräte kennt? Thomas Ligensa ist die 007 des Reparaturbetriebs, er besitzt die Lizenz zum Schrauben, Kleben und Löten. Und weil er so ein patenter Kerl ist in seinem Metier, hält er natürlich Patente – und die wiederum halten natürlich Rasierer griffbereit an der Wand oder am Schrank.
So schließt sich der Kreis und findet seine Vollendung in der umgekippten Acht, wenn die Fachfrauen für textile Fragen für ihren Kollegen die Reparaturen annehmen in dessen Abwesenheit. Oder er für Kunden die Stoffballen ausrollt auf dem großen Zuschneidetisch im Hochparterre. Dort befindet sich auch der Nähsaal mit maximal acht Plätzen, an denen Astrid Mußmann ihre Kurse gibt. Für Anfänger wie Fortgeschrittene, wie sie sagt. Wer ein Projekt hat, sei herzlich willkommen, um es unter Anleitung umzusetzen.
×
Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail zur Bestätigung Ihrer Anmeldung.
Erst danach ist diese abgeschlossen.
Bitte prüfen Sie auch den Spam-Ordner.
×
Sie haben bisher Ihre E-Mail-Adresse noch nicht bestätigt.
Erst danach ist diese abgeschlossen.
Bitte prüfen Sie auch den Spam-Ordner.
×
Es ist einen Fehler aufgetreten
Bei Fragen hilft unser Newsletter-Support
Newsletter
Wirtschaft
Wöchentlich die neuesten Wirtschaftsthemen und Entwicklungen aus OWL.
Jetzt anmelden
Von Haute Couture bis Upcycling
Ebenso, wer noch überlegt und eventuell mit seinen Fähigkeiten hadert – denn Schneidern sei primär eine reine Übungssache. Der unfallfreie Umgang mit der Nähmaschine werde garantiert, und ganz egal, ob ein Hauch von Haute Couture oder das Upcycling der Garderobe: „Wer nähen will, muss auch trennen können“, lautet das Credo der beiden Koryphäen. Und das vom Chef-Reparierer: „Coming home“. Bereits 1990 hatte der Uhrmachermeister aus dem Nachbarladen die Geschäftsräume des „Braun Service“ übernommen, als die Gründer einen Nachfolger suchten.
Lesen Sie auch: „Es sieht absichtlich fancy aus“: Bielefelder Concept Store wird größer
Der Laden sei gelaufen wie ein von ihm repariertes Uhrwerk – bis zur Pandemie: „Corona hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, konnte doch plötzlich jeder alles im Internet bestellen. Ligensa schrumpfte sich gesund und zog ins Souterrain neben „Traute & Muse“. An der Arndtstraße versuchte sich derweil das „Souls & Streets“, doch nach zwei Saisons strich Sebastian Sand wieder die Secondhand-Segel und das lichte Ladenlokal war plötzlich frei für die eingeschworene Ateliergemeinschaft.
Das Schaufenster gewährt tiefe Einblicke
„’Endlich habe ich sie gefunden’ – den Satz werde ich jetzt nicht mehr hören“, sagt Ligensa, dessen Auslage an Uhren und Rasierern wieder ein richtiges Schaufenster genießt. Und sich die Front teilt mit einer Schneiderpuppe, die hübsch drapierten Stoff präsentiert. Wer sich das Muster oder die Farben anschaut, sieht unweigerlich auch die vielen Stoffballen im wandfüllenden Regal: win-win. Montags, dienstags und samstags begrüßt Astrid Mußmann ihre Kundschaft zu den Nähkursen. Von der bringt jeder 25 Euro mit für die zweieinhalbstündige Session, legt das Garn ein und los.
Fotogalerie
Bielefeld: Concept Store mit Werkstatt-Charakter und Atelier-Charme
30. August 2026
Während Anna Sun Barthold-Torpai im heiligen Hinterzimmer an ihren Kreationen arbeitet, den textilen im Original, den architektonischen im Modell oder den künstlerischen in jedem Aggregatzustand. Denn ihr gehört auch noch die Ideenschmiede „Agentur für alles“. So wie Thomas Ligensa neben den Reparaturen auch Geräte verkauft, neue für die Stoppeln am Kinn oder ausgefallene alte fürs Handgelenk. Diesen Hort für gelebte Nachhaltigkeit sollte jeder einmal besucht haben. Die meisten kommen mindestens zweimal, weil sie sich auf den neuen Scherkopf freuen oder endlich das Lieblingsstück nähen, das schon ewig im Kleiderschrank fehlte.
📱 News direkt aufs Smartphone: Hier finden Sie den kostenlosen Whatsapp-Kanal der NW-Bielefeld