
Im Keller eines Gemeindehauses lebt ein junger Jeside. Ihm droht die Abschiebung, doch die Kirche gewährt ihm Asyl. Und spricht von einer letzten Möglichkeit, wenn „Unrecht geschieht“.
In einer kleinen Küchenzeile kocht sich Delshad Issa Wasser für einen Schwarztee. Der 28-jährige Jeside lebt seit drei Wochen im Jugendkeller eines Gemeindehauses einer evangelischen Kirche in Stuttgart. Wo genau, das soll aufgrund seiner Situation in diesem Text nicht genannt werden. Ihm gehe es nicht gut, erzählt Issa, denn er lebe in einer schwierigen Situation und dürfe das Haus nicht verlassen. Er verbringe den Tag mit Kochen, lerne online Deutsch und treibe Sport.
Ich muss mich irgendwie bewegen, wenn ich den ganzen Tag in diesem Zimmer bin, aber ich bin dankbar, dass ich so einen sicheren Ort habe.
Delshad Issa, Jeside im Kirchenasyl
Der Gemeinderat hat zugestimmt, Delshad Issa im Kirchenasyl aufzunehmen und für seine Versorgung aufzukommen. Denn ihm droht die Abschiebung. Das bedeutet aber auch, dass er das Grundstück nicht verlassen darf.
Evangelische Gemeinde setzt mit Kirchenasyl ein Zeichen gegen Abschiebung
Im Jugendkeller hat sich Issa eine Bleibe eingerichtet. Eine Matratze liegt auf dem Boden, darauf zwei Kissen und eine Decke. Am Kopfende sind ein paar Habseligkeiten aufgereiht, ein Rucksack, eine Tüte mit Kleidern und ein paar Hygieneartikel. „Hier haben wir die Möglichkeit, dass er schlafen kann und eine Toilette hat“, erklärt Wolfgang-Bernhard Kapitzki, Flüchtlingskoordinator der evangelischen Kirche für die Region Stuttgart.
Das ist alles sehr provisorisch, aber unter dem Dach der Kirche.
Wolfgang-Bernhard Kapitzki, Flüchtlingskoordinator der evangelischen Kirche für die Region Stuttgart
Durch das Kirchenasyl soll Zeit gewonnen werden, während die Behörden das Asylverfahren erneut überprüfen. Den Bescheid über die Ablehnung seines Asylgesuchs bekam er vor wenigen Monaten. Kurze Zeit später habe er auch einen Brief mit der Aufforderung bekommen, sich nachts in der Zeit von 3 bis 9 Uhr früh zuhause aufzuhalten, so Issa.
Kirchenasyl
Die Gesamtzahl der Fälle von Kirchenasyl ist zuletzt zurückgegangen. Laut Bundesregierung von knapp 3.000 Menschen im Jahr 2024 auf 2.254 Menschen im vergangenen Jahr. Am meisten Asylsuchende nahmen vor zwei Jahren Kirchengemeinden in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern, Bremen und Berlin auf. Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz liegen unter den 16 Bundesländern auf den hinteren Plätzen, vor dem Saarland, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern.
Kirchenasyl: „Gentlemen’s -Agreement“ zwischen Kirche und Staat
Das Kirchenasyl biete Menschen wie Delshad Issa vorübergehend Schutz, sagt Kapitzki. Eine Art „Gentlemen’s Agreement“ zwischen Kirche und Staat, nennt er es. Denn die Flucht an einen sicheren Ort sei auch früher im Mittelalter ein altes Traditionsrecht gewesen. „Wenn ich an einen heiligen Ort gehe, wird mir dort nichts geschehen, das war schon bei den Kelten so“, erklärt Kapitzki.
Auf dieses alte Bild bauen wir so ein bisschen auf, wohlwissend, dass es kein rechtsfreier Raum hier ist. Hier gilt das Grundgesetz, hier gelten die deutschen Spielregeln.
Wolfgang-Bernhard Kapitzki, Flüchtlingskoordinator der evangelischen Kirche für die Region Stuttgart
Theoretisch könnte die Polizei Issa aus dem Kirchenasyl holen. Einen staatlich anerkannten Rechtsanspruch gibt es nicht. Nach der Entscheidung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) soll Issa nach Bulgarien rückgeführt werden, wo er zum ersten Mal in der EU registriert wurde. Doch das liegt acht Jahre zurück.
Seit acht Jahren in Baden-Württemberg – und integriert
Inzwischen hat sich der 28-Jährige in Baden-Württemberg ein Leben aufgebaut, Deutsch gelernt, gearbeitet und Freunde gefunden. Hier leben auch seine Brüder, die einige Jahre früher nach Deutschland kamen und ein Bleiberecht haben. Doch Issa soll für sein Asylverfahren nach Bulgarien.
„Es scheint eine Kette von Dingen schief gelaufen zu sein, die dieses Verfahren immer wieder in die Länge ziehen und immer wieder Schwierigkeiten machen“, sagt Kapitzki. Man könne menschlich verstehen, dass bei der Arbeitsüberlastung in Behörden auch Fehler passieren. Aber für denjenigen, der mit den Folgen leben muss, breche eine Welt zusammen.
Abschiebung aus Bulgarien in den Nordirak?
Das Kirchenasyl, so Kapitzki, sei eine Ultima Ratio. „Die letzte Möglichkeit, die die Kirche in Anspruch nimmt, wenn alles Rechtliche ausgeschöpft ist und wir der Meinung sind, dass ein Unrecht geschieht, die Menschenwürde mit Füßen getreten wird und ein Leben in Gefahr ist.“ Das sei auch ein Auftrag des Glaubens, sagt der Flüchtlingskoordinator. Nicht nur die „Menschwerdung“ an Weihnachten zu feiern, sondern auch selbst „wie Menschen zu handeln“.
Sicherheitslage für Jesiden im Nordirak extrem gefährlich
Für Delshad Issa ist seine Heimatregion Shingal im Nordirak auch zwölf Jahre nach dem Genozid an den Jesiden noch immer extrem gefährlich und instabil. Lokale Aktivisten und Menschenrechtler warnen davor, dass radikale islamistische Prediger in der Region die Stimmung gegen Jesiden anheizen.
Die Ängste kommen automatisch, auch wenn man nicht darüber nachdenkt. Aber ich bin dankbar für die Menschen in der Kirche, die mich unterstützen.
Delshad Issa, Jeside im Kirchenasyl
Issa hatte bereits einen Ausbildungsplatz als Hotelfachmann. Doch mit dem Abschiebebescheid verlor Issa seine Beschäftigungserlaubnis und damit die Aussicht auf eine Perspektive in Deutschland. Jetzt lebt er in großer Angst und kann nicht mehr schlafen.
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