Buchcover: Symphonie der Farben

AUDIO: Bildschöne Bücher: „Symphonie der Farben“ (4 Min)

Stand: 30.08.2026 06:00 Uhr

Punkte, nichts als Punkte – so wirken Paul Signacs Gemälde aus der Nähe. Erst mit Abstand werden Figuren und Landschaften sichtbar. Der neue Bildband „Symphonie der Farben“ zeigt beides: ganze Werke und faszinierende Details.

von Silke Lahmann-Lammert

Barfuß, mit freiem Oberkörper und aufgekrempelter Hose, schwingt ein Mann eine Spitzhacke. Auf einem Hügel vor der Kulisse von Paris reißt er ein Gebäude nieder. Paul Signac hat den „Abbrucharbeiter“ gemalt. Ein Motiv mit Symbolgehalt: „Für ihn war künstlerische Innovation Ausdruck des Verlangens nach einer neuen Gesellschaftsordnung, die dem ‚morschen alten Gebäude einen kräftigen Axthieb‘ verpasst“, schreibt Buchautor Richard Thomson.

Großbürger und Anarchist – ein Leben voller Gegensätze

In Signac vereint sich vieles, was auf den ersten Blick unvereinbar scheint, meint Thomson. Obwohl der Maler aus großbürgerlichen Verhältnissen stammt, ist er Anarchist. Jemand, der sich selbst als politischen Künstler versteht, der Nachwelt aber vor allem als Schöpfer hinreißend dekorativer Gemälde im Gedächtnis bleibt.

Seine renitente Geisteshaltung zeigt sich schon in frühester Jugend. Nachdem er eine Ausstellung der Impressionisten gesehen hat, schmeißt er die Schule und beschließt, selbst Maler zu werden. Im Künstlerviertel Montmartre findet er Gleichgesinnte. Abends trifft man sich im Cabaret „Le Chat Noir“, wo Signac gelegentlich als Revue-Darsteller auftritt. Einer seiner Freunde schreibt ihm ein Spottgedicht auf den Leib:

In diesen Zeiten, da der Zaster regiert
und die Profitgier uns malträtiert,
werd ich – denn ich bin äußerster stur –
Maler, Poet oder Witzfigur.

Eugène Torquet

Die Wissenschaft der Farbe: Tupfen statt Pinselstrich

Mitte der 1880er-Jahre inspiriert sein Kollege George Seurat den Maler zu einer Pinselführung, die – wie es damals heißt – „streng wissenschaftlich“ den Gesetzen der Optik folgt: Die Farben werden nicht mehr auf der Palette gemischt, sondern in reinen Tönen auf die Leinwand getüpfelt.

Mit frappierendem Effekt: Die Motive scheinen zu flimmern und zu flirren, zu schimmern und zu funkeln. Ein Eindruck, der nicht nur durch die Pünktchentechnik bewirkt wird, sondern auch durch extrem starke Farbkontraste. Auf Signacs Gemälde „Der Hafen bei Sonnenuntergang“ spiegelt sich ein orangegelber Himmel im Mittelmeer. Das gleißende Abendlicht bildet die Kulisse für ein heimkehrendes Fischerboot mit blauen und violetten Segeln. Wohin man schaut, Komplementär-Töne, die das Bild von innen heraus leuchten lassen.

Cover: Gilles Néret: "Renoir, Maler des Glücks"

„Maler des Glücks“, so lautet der Untertitel des Bildbands „Renoir“. Tatsächlich dürften viele unterbewusst genau dies bei Renoirs Bildern empfinden.

Signac entdeckt das Glück an der Côte d’Azur

In den Sommermonaten lebt und arbeitet Signac in seiner Villa in St.Tropez. Auch ein eigenes Boot kann der leidenschaftliche Segler sich leisten. Nach dem Tod seines Vaters hat er ein beachtliches Vermögen geerbt. Aber der Reichtum – erfahren wir in dem neuen Bildband – hindert den Künstler nicht, sich Zeit seines Lebens für soziale Gerechtigkeit zu engagieren.

An der Côte d’Azur – damals noch kein Treffpunkt für Schickeria-Touristen – suchen Signac und andere Neoimpressionisten ihr Arkadien, ein ländliches Paradies als Gegenentwurf zur industrialisierten Großstadt. Wenige Tage nach dem Einzug in seine Villa notiert der Maler: „Hier habe ich genug, um mein ganzes Leben beschäftigt zu sein – ich habe gerade das Glück entdeckt.“

Wie schön, dass seine Gemälde dieses Glück, diese Landschaft und dieses Licht für uns bewahren.

Buchcover: Symphonie der Farben

Symphonie der Farben – Paul Signac und der Neoimpressionismus

Michael Philipp, Nerina Santorius, Ortrud Westheider, Nerina Santorius, Ortrud Westheider, Michael Philipp

Genre:
Bildband
Label:
Prestel Verlag
Bestellnummer:
978-3-7913-9196-0
Preis:
45 €