Im Vordergrund ein Stapel Akten, im Hintergrund sitzt unscharf eine Person.

AUDIO: KI-Flut lähmt Hamburgs Sozialgerichte (1 Min)

Stand: 30.08.2026 08:00 Uhr

Bei Hamburgs Sozialgerichten gehen immer mehr Klagen ein. Ein Teil der Schriftsätze stammt offenbar aus der Feder Künstlicher Intelligenz. Anzahl und Umfang der Klagen lähmen die Arbeit der Gerichte.

von Benedikt Bathe

Thomas Kuhl-Dominik blättert und blättert und blättert. Der Präsident des Landessozialgerichts Hamburg hat eine Klageschrift vor sich. Auf mehr als 30 Seiten breitet der Kläger seine Sicht der Dinge aus – ein Bruchteil davon hätte gereicht, meint Kuhl-Dominik. Er hat den starken Verdacht, dass hier Künstliche Intelligenz (KI) im Spiel ist.

Hamburgs oberster Sozialrichter sieht durchaus Vorteile in KI-Tools wie ChatGPT, Gemini oder Claude. Sie könnten den Zugang zu sperriger Materie erleichtern, gerade im komplexen Sozialrecht. „Deshalb glaube ich, dass KI den Menschen helfen kann, die sonst den Zugang zu Gericht nicht wagen würden“, sagt Thomas Kuhl-Dominik.

Sprunghafter Anstieg der Verfahren vor dem Sozialgericht

Doch er und seine Richterkolleginnen und -kollegen sind seit einiger Zeit vor allem mit den Nachteilen des KI-Booms konfrontiert. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der eingegangenen Verfahren beim Sozialgericht um fast 1.900 gestiegen, von 5.172 im ersten Halbjahr 2025 auf 7.040 im ersten Halbjahr 2026. Laut Sozialgericht dürfte zumindest ein Teil des Anstiegs auf die Nutzung Künstlicher Intelligenz zurückzuführen sein.

Thomas Kuhl-Dominik hat den Eindruck, dass die KI besonders häufig zu Eilverfahren rät. Diese Verfahren stiegen sogar um 70 Prozent. Meist sind es Eilanträge zur Grundsicherung oder zum Arbeitslosengeld. Auch in zweiter Instanz, beim Landessozialgericht, stiegen die Zahlen.

Bei Sozialgerichten gibt es keinen Anwaltszwang und keine Gerichtskosten. Eigentlich soll das den Zugang zu Rechtsprechung erleichtern. Gleichzeitig senkt es die Hürden, ohne großen Aufwand seitenlange KI-Schriftsätze einzureichen.

Klageschriften mit erfundenen Urteilen

Das lähmt die Arbeit der Senate am Gericht. Denn die Schreiben sind nicht nur lang – die Texte enthalten häufig auch Fehler. Zum Beispiel werden ausführlich Urteile und Gesetze zitiert, die es gar nicht gibt. Die Richterinnen und Richter müssen die Quellen dann einzeln überprüfen. In der Folge dauern auch die Klageverfahren länger.

Ein Richter bearbeitet an seinem Schreibtisch eine Akte.

„Unglaublich viel Lesestoff, der nicht zum Einzelfall gehört“: Thomas Kuhl-Dominik ist der Präsident des Landessozialgerichts Hamburg.

„Es ist unglaublich viel Lesestoff, der nicht zum Einzelfall gehört, (…) um dessen Lösung wir uns ja kümmern müssen“, sagt Kuhl-Dominik. Schließlich steckten hinter den ausschweifenden Anträgen oft berechtigte Forderungen.

Der KI-Verdacht kommt nicht von ungefähr: Häufig sind es ungewöhnliche Formulierungen, eine auffällige Struktur, die auf den maschinellen Ursprung eines Schreibens hindeuten. Manchmal stehen sogar noch die Arbeitsanweisungen an das KI-Tool im Text, etwa: „Die Angaben zu den persönlichen Voraussetzungen und den Anlagen sind nur insoweit beizufügen, wie sie auf deinen tatsächlichen Fall zutreffen.“

Sozialverband: KI kein Ersatz für persönliche Beratung

Warum vertrauen viele Menschen ausgerechnet bei rechtlichen Fragen der Künstlichen Intelligenz? „So eine KI ist wie die Suchmaschinen rund um die Uhr erreichbar, verfügbar und formuliert in Sekunden eine Klage, die personell klingt“, sagt Holger Lange vom Sozialverband VdK. Das vermittle ein Gefühl von Handlungsfähigkeit in einer prekären Situation.

Das Gebäude des Sozialgerichts und des Landessozialgerichts Hamburg.

Bei Hamburgs Sozialgerichten türmen sich die Verfahren.

Lange verweist außerdem darauf, dass persönliche Beratungsmöglichkeiten rar gesät sind. Der Bundesrechtsanwaltskammer zufolge gibt es seit Jahren immer weniger Fachanwälte für Sozialrecht. Fälle in diesem Rechtsgebiet seien sehr arbeitsintensiv, weil viele Details geprüft werden müssen, sagt Lange. „Anwälte verdienen nach der Vergütungsordnung schlichtweg zu wenig, um wirtschaftlich arbeiten zu können.“

Persönliche Beratung sei aber entscheidend. „Die KI kennt nur die Informationen, die man eingibt. Sie erkennt nicht die fehlenden Tatsachen, relevante Informationen oder Alternativen“, meint Lange. Er sieht den Staat in der Pflicht, die Beratungsstrukturen zu stärken.

Alternativen zum Chatbot: Beratungsangebote in Hamburg

Doch selbst wer keinen Anwalt findet, hat in Hamburg bei rechtlichen Fragen Alternativen zur Künstlichen Intelligenz:

KI rät zu zweifelhaften Klagen

Thomas Kuhl-Dominik macht sich nicht nur um die Arbeitsbelastung am Gericht Sorgen. Es geht ihm auch um etwas Grundsätzliches. Die KI rate häufig sehr selbstbewusst und bestätigend zu Klagen. „Das heißt, dass man auch Rechtsschutz sucht, wo normalerweise der gesunde Menschenverstand sagen würde: Daraus kann nichts werden“, so der Sozialrechtler.

„Wir sehen, dass im Unterliegensfall, wenn also jemand hier keinen Erfolg mit seiner Klage hat, die Akzeptanz schwindet und die Haltung zunimmt: ‚Die KI hat mir was anderes gesagt – das Gericht irrt sich‘.“ Eine fatale Entwicklung, findet Kuhl-Dominik, die am Ende das Vertrauen in den Rechtsstaat beschädigen könnte. Er ist sich sicher: Es braucht nach wie vor menschliche Intelligenz, um jeden Fall einzeln zu bewerten.

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