Der Mangel liegt im Detail – Hochhaus-Siedlung an der Angerburger Allee in Charlottenburg

Der Mangel liegt im Detail – Hochhaus-Siedlung an der Angerburger Allee in Charlottenburg

Foto: nd/David Rojas Kienzle

»Belvedere« steht in Orange in geschwungener Laufschrift auf der Fassade eines Hochhauses. Der Name des Wohnkomplexes an der Angerburger Allee im Westen von Charlottenburg soll wohl Eleganz vermitteln. Aber seit die Westplatte 1971 fertiggestellt wurde, ist diese verblasst. Rund um den Schriftzug sind dunkle Stellen auf der Fassade zu sehen. Martina Richter zeigt auf Balkone. »Wenn man an die Hausfront guckt, sieht man abgebröckelte Stücke. Das ist doch gefährlich, wenn jemand unten vorbeiläuft und so was abbekommt«, empört sie sich. Richter wohnt im Block und hat sich aufgeschrieben, welche Mängel sie »nd« zeigen will. Eigentlich heißt sie anders, aber will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen.

Richter ist in der Mieterinitiative Westend-Rebellen aktiv, die sich Anfang 2024 gegründet hat. Der Vermieter, die Adler-Group, hatte damals überhöhte Heizkostenabrechnungen verschickt. Dass manche Leute mehrere Tausend Euro nachzahlen sollten, sorgte für viel Empörung. Mittlerweile beschäftigt sich die Initiative mit viel mehr. Am Samstag wollen sie auf einer Kundgebung einen Brandbrief wegen der Zustände in der Siedlung an Adler überreichen. Der Brief listet Dutzende Mängel auf und fordert deren Beseitigung. Außerdem wollen die Westend-Rebellen, dass ihre Mängelanzeigen zeitnah bearbeitet werden.

»Das ist ja eigentlich ein schönes Gelände«, sagt Richter, während sie über den Hof führt. Kinder und Jugendliche spielen auf einem Platz. Ein Mann mit Rollator schiebt sich langsam einen Weg entlang – die Siedlung gilt als eine der Gegenden in Berlin, in der die meisten alten Menschen leben. In den aufgereihten 12- bis 20-Geschossern lebt ein mittelgroßes Dorf. Allein im Bestand von Adler sind hier 830 Wohneinheiten. Früher gab es sogar ein eigenes kleines Bad. Aber das ist seit mehr als 20 Jahren nicht nutzbar – so lange wohnt Richter schon in der Siedlung.

Es ist nicht der eine große Missstand, der die Initiative veranlasst, auf die Straße zu gehen, sondern viele kleine Probleme. Aktuell ist das zum Beispiel der Befall mit Legionellen in einem der Gebäude. Ein Aushang informiert darüber, dass ab dem 6. Stock in der Angerburger Allee 47 in einer Leitung eine extrem hohe Kontamination gefunden wurde. Die Bakterien können, wenn sie eingeatmet werden, eine schwere Lungenentzündung verursachen. Im Aushang steht, dass die »lokalen Befunde« auf »unzureichendes Nutzungsverhalten« zurückzuführen seien. Adler kündigt an, Duschfilter in den betroffenen Wohnungen einzubauen. Außerdem werde vorsorglich eine thermische Desinfektion des Gesamtsystems erfolgen.

Richter sagt, sie selbst habe keine Angst vor den Legionellen. Andere im Haus seien aber sehr besorgt. »Nachbarinnen fragen uns schon, was da los ist, ob schon etwas unternommen wurde und wann sie Filter bekommen«, erzählt sie. Richter ist auch der Meinung, dass der Befall nicht nur auf unzureichendes Nutzungsverhalten zurückzuführen ist. Sie sagt, es gebe seit ungefähr drei Jahren stark schwankende Wassertemperaturen.

»Adler sagt immer, alles sei tipptopp. Aber es ist alles irgendwie schmuddelig.«


Martina Richter Westend-Rebellen

Weiter oben im Haus, in einem langen Flur, von dem links und rechts die Wohnungstüren abgehen, ist in einer der Deckenplatten ein tellergroßer schwarzer Fleck, wahrscheinlich Schimmel. Es riecht unangenehm. »Gemacht wird erst was, wenn das Ding runterkommt. Auf jedem Flur haben wir das entdeckt«, sagt Richter. Auch im Stockwerk darüber findet sich in der Deckenverkleidung ein etwas kleinerer Fleck. Dort lässt sich auch ein Fenster nicht ganz schließen. »Im Winter, wenn es stürmt, dann rappelt das wie verrückt. Ich habe das gemeldet, aber passiert ist nichts«, sagt Richter. Man könne durch jedes Haus laufen und werde überall etwas finden. Generell findet sie den Zustand der Siedlung nicht sonderlich gut. »Adler sagt immer, alles sei tipptopp. Aber es ist alles irgendwie schmuddelig.«

Dass lange nichts passiert, wenn man der Hausverwaltung ein Problem meldet, ist ein wiederkehrendes Problem. Richter erzählt, dass sie einen Wasserschaden in der Wohnung hatte. »Das stank wie Jauche«, sagt sie. Gemeldet habe sie das sofort, aber bis dann jemand gekommen sei, seien Wochen vergangen. Mieter*innen berichten der Mieterinitiative von ähnlichen Problemen. »Wenn man einen Mangel meldet, dann schreibt man fünf Mails. Erst wenn man mit einem Anwalt Druck macht, passiert was«, sagt die Aktivistin Richter.

Die Westend-Rebellen meckern nicht nur und nehmen »ganz schön pingelig« jeden Mangel auf, wie Richter sagt. Wegen des vielen Mülls auf dem Gelände haben sie in Zusammenarbeit mit der Berliner Stadtreinigung eine »Kehrenbürger«-Aktionen gemacht. Die BSR hat Putzmaterialien bereitgestellt, die Mieter*innen Müll gesammelt. Die vollen Säcke wurden dann abgeholt. Für die Aktion hat Adler einen Raum zur Verfügung gestellt, um Besen, Harken, Müllsäcke und so weiter zu lagern. »Das finde ich gut«, sagt Richter anerkennend. Mehrere Mieter*innen haben außerdem ein brachliegendes Projekt wiederbelebt: eine Bücherbude. In einem kleinen Raum neben der Verwaltung können sich die Nachbar*innen Bücher ausleihen. Dort angekommen, ist die Tür aber verschlossen. »Der Hausmeister tut mir ein bisschen leid. Der hat vor lauter Arbeit bestimmt vergessen, die Bücherbude aufzuschließen«, sagt Richter und ruft ihn direkt an, damit er das doch noch macht.

Früher habe es vier Hauswarte gegeben, heute nur noch einen, sagt Richter. Damals hätten diese kleinere Mängel immer sofort behoben. »Die Angestellten können ja auch nichts dafür, dass es so ist, wie es ist«, sagt sie. Auch in anderen Siedlungen von Adler mehren sich die Beschwerden von Mieter*innen. Erst am vergangenen Wochenende hat eine Mieterinitiative aus der Nahariya-Siedlung in Lichtenrade protestiert. Die Beschwerden gleichen sich. Auch die Mieter*innen dort haben einen Brandbrief verfasst. In einer Protestaktion haben sie ein zehn Meter langes Banner, »die längste Mängelliste Berlins«, von einem der Häuser abgelassen und am Montag ihren Brandbrief zur Adler-Zentrale gebracht. Und in der Weißen Siedlung in Neukölln protestieren Mieter*innen seit Jahren wegen der mangelnden Instandhaltung.

»Belvedere«, vom italienischen bel vedere »schöne Aussicht« steht über dem Zugang zur Siedlung.

»Belvedere«, vom italienischen bel vedere »schöne Aussicht« steht über dem Zugang zur Siedlung.

Foto: nd/David Rojas Kienzle

Zu den Mängeln in der Angerburger Allee und dem Brandbrief aus der Nahariya-Siedlung teilt Adler auf nd-Anfrage hin mit, man wolle sich nicht im Detail öffentlich äußern. »Wir arbeiten kontinuierlich daran, eine gute Wohnsituation zu schaffen und auftretende Mängel zügig zu beseitigen«, so die Pressestelle des Unternehmens.

Für die Kundgebung am Samstag hofft Richter auf viel Beteiligung. In der Siedlung sind immer wieder Flyer aufgehängt, die dazu aufrufen, zu kommen. Und während sie »nd« über das Gelände führt, grüßt sie immer wieder andere Mieter*innen, denen sie sagt, sie sollen am Samstag dabei sein. »Das ist wichtig!«, wiederholt sie in den kurzen Gesprächen. Denn auch wenn es in der Siedlung besser aussehen könnte, ist sie sich sicher, dass der Druck und die Öffentlichkeit der Westend-Rebellen schon zu kleineren Erfolgen geführt haben: So seien etwa die Beete im Hof erneuert worden, und wenn man ankündige, dass die Presse komme, würden die schlimmsten Stellen ausgebessert. »Wir haben schon was erreicht«, sagt sie.